Am Sonntag konnte das einjährige Jubiläum der Nationalen Gedenkstätte Kinderheim Mümliswil gefeiert werden, die in den letzten 365 Tagen vor allem von zahlreichen Schulklassen besucht wurde. Das Kinderheim gilt auch als emotionaler Geburtsort der Wiedergutmachungsinitiative.

Gefordert: Wiedergutmachung

«Wir befinden uns hier an einem Ort, an dem das Wegschauen zu einer bedingungslosen Rückschau wird», sagte Stiftungspräsident Guido Fluri in seiner Begrüssungsrede zu den rund 150 geladenen Gästen. Das ehemalige Kinderheim in Mümliswil sei zu einem Haus der Erinnerung, der Hoffnung und der Aufklärung geworden – und – «die Vergangenheit darf niemals ruhen, denn es darf nie vergessen werden, was man den Schwächsten in unserem Land angetan hat». Wir alle seien mitverantwortlich, den Betroffenen Hand zu bieten und das begangene Unrecht endlich bedingungslos zu akzeptieren und aufzuarbeiten, schloss Fluri.

Ständerat Joachim Eder (FDP) kennt die Thematik der administrativen Zwangsmassnahmen als ehemaliger Gesundheitsdirektor des Kantons Zug nur all zu gut. «Dies ist auch der Grund, wieso ich mich sofort bereit erklärt habe, die Wiedergutmachungsinitiative zu unterstützen», meinte Eder. Damit ecke er in seiner Partei zwar an, aber er sei eben nicht nur liberal, sondern auch sozial. In Anlehnung an Antoine de St. Exupérys «Der kleine Prinz» meinte Eder, dass man jetzt Spuren hinterlassen könne und nicht nur Staub aufwirbeln.

Dazu sei die Wiedergutmachungsinitiative im März in Bundesbern lanciert worden; und diese sei in den ersten zwei Monaten bereits von rund 50 000 Personen unterzeichnet worden. «Ich bin nicht so, wie ich bin – ich wurde so gemacht», zitierte Eder aus einem Brief eines ehemaligen Verdingkindes und brachte damit die häufigen Folgen von Zwangsmassnahmen auf den Punkt.

Ein Mahnmal des Unrechts

Anschliessend wurde die von Stephan Schmidlin geschaffene Skulptur «Wegschauen» enthüllt. Das hölzerne, rund 900 Kilo schwere Kunstwerk wurde von Schmidlin in drei Monaten aus einem Mammutbaum gehauen. Ein Polizist, eine Nonne und ein Beamter sind zu sehen – mittendrin ein Kind – verloren, verunsichert. Symbolhaft stellt die Skulptur administrative Zwangsmassnahmen dar.

Guido Fluri dankte Schmidlin für das imposante Mahnmal und meinte: «Sorgen wir dafür, mehr Licht ins Dunkel zu bringen – die Figur soll ein starkes Zeichen für die Verbundenheit mit den Betroffenen sein.»

Ein Ort der Betroffenheit

Zahllose Schüler, Studenten und Gruppen nahmen in den letzten Monaten die Gelegenheit wahr, sich in Mümliswil über das Schicksal von Heim- und Verdingkindern in der Schweiz zu informieren. Insgesamt fanden über 120 Führungen statt. «Viele jüngere Kinder wissen vor dem Besuch bei uns gar nicht, was ein Verdingkind ist», sagte Judith Fluri, die die Besucher durch die Gedenkstätte führt. Diese Kinder würden besonders aufmerksam zuhören und seien meist sehr betroffen, wenn sie vernehmen, was früher in der Schweiz Kindern in ihrem Alter angetan wurde.

Interessierte können sich im Rahmen von Workshops oder Lagerwochen, anhand der gesammelten Dokumente und Bilder, umfassend und an originaler Umgebung, mit der Thematik befassen. Lehrpersonen planen bereits, den Besuch in Mümliswil fest ins Lehrprogramm aufzunehmen. Die Führungen und der Besuch der Gedenkstätte sind kostenlos und auf Wunsch kann man im ehemaligen Kinderheim sogar – in den immer noch original erhaltenen Zimmern – übernachten.