Nach fünf Jahren Pause fährt seit gut einem Jahr wieder die Gondelbahn auf den Weissenstein. Dort können nebelgeplagte Jurasüdfüssler an der Sonne wandeln – und sogar ein Schäumchen Schnee hat dem Berg das neue Jahr schon gebracht.

Den Namen hat der Hausberg von Solothurn allerdings nicht vom weissen Pulver, sondern von den in die Höhe ragenden weissen Kalkwänden. Der Name ist erstmals 1345 urkundlich erwähnt. 1829 wird der Weissenstein mit einem anderen Namen gleichgesetzt: «an den dilitsch oder weisenstein».

Der Dilitsch bezeichnet heute eine Felsformation, die sich zwischen dem Weissenstein und Gänsbrunnen, westlich des Schitterwaldes, befindet. Über dem Berghof Hinterer Weissenstein erheben sich senkrechte Felsen, deren höchster Punkt Dilitschkopf genannt wird.

«mit Rúethen dúrch den thillitz»

Der Name Dilitsch ist erstmals 1642 urkundlich belegt: «die Marche oder Abtheillúng bim thillis Looss anfangen . . . dass man mit Jrem Viehe dúrch den thillitz mit tribner Rúethen fahren müesste». Das ist nicht auf Anhieb verständlich. Es handelt sich bei dieser Urkunde um einen Vergleich der Stadt Solothurn und den Gemeinden Oberdorf, Langendorf, Bellach und Balm, in dem die Nutzung der Weiden auf dem Weissenstein in zwei Lose (durch das Los zugefallener Anteil an Grund und Boden) geteilt wurde.

Der Verlauf von Grenzen folgte bis ins Mittelalter vor allem natürlichen Landschaftsmerkmalen wie hohen Bergzügen oder Tälern mit Wasserläufen. Zur Teilung von Flurstücken, bei denen natürliche Markierungen fehlten, dienten Zäune oder Marchsteine als sichtbares Zeichen einer solchen Grenze. Auch auf dem Weissenstein wurden die Bergweiden mit einem Hag abgeteilt. Ein solcher Hag wird auch als Grenzbeschreibung in der Urkunde von 1642 erwähnt: «was den thillix anlangen thút, soll die Marche daselbsten gehen, vnd Hiemit abgetheilt sein, biss an den alten Hag».

Die Namenvarianten thillis, thillitz und thillix lassen sich auf kein deutsches Wort zurückführen. Gänsbrunnen und Welschenrohr wurden im Vergleich zu den weiteren Thaler Ortschaften erst später, nach dem Jahr 1000, germanisiert.

Daher konnten sich Wörter aus der vorherigen, frankoprovenzalischen Umgangssprache noch lange in Flurnamen halten. Der Namenforscher Dr. Rolf Max Kully sieht daher in der frankoprovenzalischen Form délège die Grundlage für den Namen Dilitsch, der «Gatter» bedeutet. Es muss zwischen den Gänsbrunner Schafbergen und den Oberdörfer Bergweiden ein Weidegatter gegeben haben, das die beiden Hoheitsgebiete voneinander trennte und von den Frankoprovenzalen délège genannt wurde. Wenn «thillitz» ein Gatter ist, ergibt auch der letzte Teil des Urkundenzitats einen Sinn: «dass man mit Jrem Viehe dúrch den thillitz mit tribner Rúethen fahren müesste». Solche Namen treiben uns Namenforscher manchmal an die Grenze.

In Hägendorf heisst es Deletsch

In Hägendorf stossen wir auf einen ähnlich lautenden Namen. Dort gibt es eine Waldpartie, die an der Grenze zu Langenbruck BL liegt und Deletsch genannt wird. Hier fehlen leider ältere Belege; der Erstbeleg «deltsch» stammt aus dem Jahr 1802. Für diesen Namen wird die gleiche Deutung wie für Dilitsch angenommen. Beiden Namen wird die gleiche Urform zugrunde liegen, die sich dann dialektal unterschiedlich entwickelt hat.

Auch beim Hägendörfer Deletsch spricht die Grenzlage für die Namensdeutung «beim Gatter». Zudem wird das dort liegende Waldgebiet Spalenwald genannt. Der Name Spalen meint eine lange Latte, Leitersprosse oder Rundbalken und bezeichnet in Flurnamen Gebiete, die mit Zaunstecken oder Querhölzern abgesteckt und somit von anderen Gebieten getrennt wurden.

Wer am Zil ist, ist an der Grenze

Innerhalb des Gemeindebanns gab es jedoch auch unsichtbare Grenzen. Nebst den noch heute verständlichen Namen Gatteracker in Wangen und Wisen oder dem Grenzweg in Fulenbach gibt es auch den Zilacker in Gunzgen, der in der Nähe zu Kappel liegt, sowie das Zil in Oensingen, das an Kestenholz anstösst. Das schweizerdeutsche Wort ziel, zil meint Grenze oder markierter Raum.

Nebst dem Zil bedeutet auch das schweizerdeutsche Wort letzi Grenzbefestigung oder Grenzpfahl. In Wolfwil liegt der Letzirain neben dem bernischen Wyn-
au, und die Letzistudenmatt in Dulliken stösst an Däniken.

Pfütze oder Grenzmarkierung?

Bei den Lachen-Namen ist uns Namenforschern jedoch nicht zum Lachen zumute. Auf die Lachengasse in Mümliswil-Ramiswil oder die Lächen in Wangen können zwei Deutungen zutreffen. Entweder ist lache als Pfütze, Wassermulde oder als ein in einen Baum eingehauenes Zeichen als Grenzmarkierung zu deuten.

In Mümliswil-Ramiswil lohnt sich der Blick über die Grenze. In der Nähe der Lachengasse liegt das Gebiet Sebleten. Der Erstbeleg dieses Namens zeigt die Form Sewelen und geht, wie der Ortsname Seewen, auf die Gewässerbezeichnung See, Sumpfgebiet zurück. Auch die benachbarten Flurnamen Fällenmoos und Lischboden verweisen beide auf sumpfige und feuchte Böden. Der Name Lachengasse verweist also auf ein einst sumpfiges Gebiet mit kleinen Tümpeln.

Die Lächen in Wangen ist 1447 als «lachen» belegt und liegt nicht an einem Wasserlauf, sondern im steilen Waldgebiet oberhalb der Rumpelhöchi, an der Grenze zu Trimbach. In diesem Fall ist der Name auf die Grenzmarkierung zurückzuführen.

Kein Quaken an der Entligass

Wir sind noch nicht am Ende der Grenze angelangt. Zu guter Letzt gab es in Schönenwerd noch die Entligass, die jedoch nichts mit dem «Quietschentchen» zu tun hat, sondern auf die benachbarte aargauische Gemeinde Oberentfelden verweist.

Genau wie heute die Entfelderstrasse in Schönenwerd und Eppenberg-Wöschnau. Ent- und End-Namen gehen auf das althochdeutsche Wort enti zurück, das ebenfalls Grenze meint. Mit diesem Hintergrund sind auch die beiden Namen Ober- und Unterentfelden zu verstehen. Die Enten in beiden Entfelder Gemeindewappen beruhen also auf einer falschen Namensdeutung. Wer dort lebt, befindet sich an der Grenze und damit wohl am Ende der Welt.