Amtsgericht

Gast schnitt einem Gäuer am Samichlaustag fast ein Ohr ab

Chandran B. schlug auf seinen Gastgeber ein, danach wollte er ihm noch ein Ohr abschneiden. (Symbolbild)

Chandran B. schlug auf seinen Gastgeber ein, danach wollte er ihm noch ein Ohr abschneiden. (Symbolbild)

Ein 22-jähriger Mann aus Sri Lanka, der in Egerkingen zwei Personen spitalreif schlug, wurde vom Amtsgericht zu 40 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe wird zugunsten einer stationären Therapie aufgeschoben.

Der 50-jährige Gäuer wird den Samichlaustag 2014 wohl nicht so schnell vergessen. An diesem 6. Dezember liess er am Abend Chandran B. * zusammen mit einem ihm bekannten Kollegen in seine Wohnung in Egerkingen.

Nach einem gemeinsamen Essen rauchte das Trio Marihuana, von dem der Gäuer reichlich im Haus hatte. Im Verlauf des Abends kippte die Stimmung und der Gäuer legte gegen 21 Uhr seinen Gästen nahe, die Wohnung zu verlassen. Als diese der Aufforderung nicht Folge leisteten, drohte der Mann mit dem Beizug der Polizei und zückte dafür sein Handy.

Kollege verhinderte Schlimmeres

Chandran B. fand diese Idee gar nicht gut, riss dem Wohnungsbesitzer das Mobiltelefon aus der Hand und schaltete dieses aus. Als der 50-Jährige sich deswegen beschwerte, fackelte Chandran B. nicht lange und schlug dem Mann mehrmals mit voller Kraft beide Fäuste ins Gesicht.

Der Malträtierte fiel in der Folge bewusstlos mit dem Oberkörper auf den Tisch. Chandran B. liess aber dennoch nicht von seinem Opfer ab. Völlig ausser sich nahm er ein auf Tisch liegendes Messer und versuchte, dem bewusstlosen Mann mit der etwa 18 Zentimeter langen Klinge ein Ohr abzuschneiden.

Weil er vom Kollegen des Opfers von hinten festgehalten wurde, konnte Schlimmeres verhindert werden. So endete der Abend für den damals 49-jährigen Gäuer mit einer etwa 2 Zentimeter langen Hautdurchtrennung entlang des Ohrs sowie diversen Brüchen in Bereich der linken Augenhöhle, des Jochbeins, der Kieferhöhle und des Kiefers. Gefunden wurde der verletzte Mann von einer Nachbarin, welche darauf die Polizei alarmierte.

Gewehr und «Gras» gestohlen

Chandran B. hatte bei der Vernehmung durch die Polizei erklärt, dass er dem Mann das Ohr habe abschneiden wollen, um sich Respekt zu verschaffen. Wäre der Mann auf den Boden gefallen, hätte er ihn laut eigenen Aussagen mit den Füssen gegen den Kopf getreten. Der damals im Bezirk Lebern wohnhafte Mann brach übrigens noch am selben Abend kurz vor Mitternacht in die Wohnung seines inzwischen im Spital liegenden Opfers ein. Dort stahl er ein Sturmgewehr und einen Beutel mit 130 Gramm Marihuana.

Am Dienstag musste sich Chandran B. für diese brutale Attacke wegen versuchter schwerer Körperverletzung vor Amtsgericht Thal-Gäu verantworten. Dass es sich beim Angeklagten um einen Mann mit Gewaltpotenzial handelt, wurde schon zu Beginn der im Saal des Obergerichts in Solothurn durchgeführten Verhandlung deutlich. So wurde Chandran B. in Handschellen in den Saal geführt, in dem zusätzlich zwei weitere Polizeibeamte Präsenz markierten.

«Ich bin ein friedlicher Mensch»

Der seit Februar 2015 im Untersuchungsgefängnis in Solothurn einsitzende Angeklagte erklärte auf Nachfrage von Amtsgerichtspräsident Guido Walser, dass er zur Sache keine Aussagen machen werde. Gesprächiger war Chandran B. hingegen bezüglich seiner eigenen Person. Er habe sich in der Untersuchungshaft verändert und durch Fasten und Meditation Zugang zum Hinduismus gefunden. Der junge Mann versicherte ferner, dass er nun keine Drogen und keinen Alkohol mehr konsumiere. Nur deswegen sei er in der Vergangenheit gewalttätig gewesen. «Jetzt bin ich clean und damit auch ein friedlicher Mensch», meinte der in Sri Lanka geborene Mann in nur schwer verständlichem Deutsch. Derzeit plane er seine Zukunft, kündigte Chandran B. an. Er wolle nach seiner Freilassung eine Ausbildung als Physiklaborant in Angriff nehmen.

Staatsanwalt Marc Finger schenkte dieser Darstellung keinen Glauben und verwies auf die Brutalität, mit welcher der Angeklagte immer wieder auf seine Opfer einschlägt. Finger erwähnte in diesem Zusammenhang den Vorfall vom 18. Februar dieses Jahres am Bahnhof in Egerkingen. Chandran B. hatte dort gegen 15 Uhr eine 22-jährige Frau mit einem Faustschlag ins Gesicht niedergestreckt. Die Frau habe ihn provoziert, hatte der Angeklagte dazu zu Protokoll gegeben. Wegen der Heftigkeit des Schlags wurde die Frau ohnmächtig und erlitt einen Nasenbeinbruch und eine Hirnerschütterung. Nach diesem Vorfall wurde Chandran B. in Sicherheitshaft genommen, wie Finger bemerkte.

Überdurchschnittlich intelligent

Auch der von der Staatsanwaltschaft beigezogene Gutachter kam zum Schluss, dass wenig Hoffnung auf Besserung besteht. Bei Chandran B. liege eine Persönlichkeitsstörung vor, gepaart mit Unreife und einer narzisstischen Veranlagung. Trotz überdurchschnittlicher Intelligenz sei es ihm nicht möglich, seine persönliche Situation real einzuschätzen. Seine Pläne könnten sich rasch wieder ändern, nicht aber seine Gewaltausbrüche, die er nicht unter Kontrolle habe. Der Gutachter riet von einer ambulanten Therapie während des Strafvollzugs ab, räumte einer stationären Behandlung aber gewisse Chancen ein.

Eine solche Massnahme für nicht angebracht hielt hingegen die amtliche Verteidigerin von Chandran B. Sie plädierte für eine ambulante Behandlung, welche nach der Entlassung mithilfe eines Beistandes fortgeführt werde.

Nach eingehender Beratung verurteilte das Gericht Chandran B. wegen versuchter schwerer Körperverletzung im Fall des Gäuer Mannes und wegen einfacher Körperverletzung für das Zusammenschlagen der Frau sowie weiterer Straftatbestände zu einer Freiheitsstrafe von 40 Monaten. Die Strafe wird zugunsten einer stationären Behandlung aufgeschoben. Das Gericht sah von einer ambulanten Behandlung ab, weil diese kaum erfolgversprechend ist und die Rückfallgefahr bei Chandran B. als hoch eingestuft wird.

* Namen von der Redaktion geändert

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