Erlebnis-Reportage
Gas geben und «rotieren»: Wie ich mit Flugangst ein Linienflugzeug in Niederbuchsiten geflogen bin

In einer kleinen Mietbox in Niederbuchsiten liegt die ganze Welt der Aviatik versteckt: Seit zwei Jahren bietet der ehemalige Hotelier Gerry Dressler dort Flugstunden an, mit Simulatoren, die er selbst gebaut hat.

Gülpinar Günes
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 Der Captainsitz ist gemütlich aber anspruchsvoll: Mit Hilfe von Gerry Dressler kann ich die Boeing 737-800 selbst starten.
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 Gerry Dressler hat den Boeing-Simulator selbst gebaut. Er ist aber kein Pilot, sondern Hotelier. Das technischee Wissen und die Kenntnisse über die Aviatik für die Simulatoren habe sich der Bündner selbst beigebracht.
 Das ist das Cockpit der Boeing 737-800: Bei 254 Knöpfen, Schaltern und Hebeln ist es für einen Laien unmöglich, den Überblick zu behalten.
 Insgesamt hat Dressler fünf Simulatoren auf den zwei Stockwerken seiner Mietbox verteilt: Unten sind eine Cessna und ein Helikopter. Beide allerdings angekauft.

Der Captainsitz ist gemütlich aber anspruchsvoll: Mit Hilfe von Gerry Dressler kann ich die Boeing 737-800 selbst starten.

Bruno Kissling

Es rattert. Ich spüre die Vibrationen des Triebwerks bis zu meinen Fingerspitzen. Sie fangen an zu schwitzen, wie immer, wenn ich in einem Flugzeug sitze. Ich klammere mich an den Hebel zu meiner Rechten. Ich halte ihn so fest, als würde ich aus dem Sitz fallen, wenn ich es nicht täte. Die Flugangst sitzt tief. Mit etwas Druck stosse ich den Schubhebel dann nach vorne. Endlich geht’s vorwärts. Mit der linken Hand am Steuer wende ich das Flugzeug nach rechts ohne den Blick nach unten zu richten. Vor mir erstrecken sich allmählich die Pisten des Mailänder Flughafens. Die Sonne scheint und mein erster Abflug rückt immer näher.

«Sie machen das super. Haben Sie das Gefühl, dass Sie zu schnell rollen?» - «Nein, nicht wirklich.» - «Das erstaunt mich jetzt, Sie sind die erste Besucherin, die das sagt.»

Während ich die Boeing 737-800 mit 55 statt den erlaubten 37 Kilometern pro Stunde auf die Abflugpiste steure, beobachtet mich mein Co-Pilot Gerry Dressler. Er ist ehemaliger Hotelier und hat fast 30 Jahre lang in Führungsetagen von Spitälern und Heimen in der ganzen Schweiz gearbeitet. Vor zwei Jahren aber hat sich der 55-Jähriger selbstständig gemacht und bietet seither Flugstunden in der unscheinbaren Gemeinde Niederbuchsiten an. Dressler sagt, es sei zentral gelegen, deswegen sei der Bündner mit seiner Firma hierhin gekommen. In eine Mietbox so klein wie eineinhalb Badmintonfelder. Echte Flugzeuge passen da nicht rein, stattdessen aber Simulatoren. Gleich fünf davon. Für eine echte Fluglizenz habe schlicht die Zeit und das Geld gefehlt, aber das merkt man ihm hier im Cockpit des Linienflugzeugs nicht an: Seine braune Lederjacke sitzt perfekt über dem blauen Pullover mit dem weissen Hemdkragen. Seine vollen grauen Haare liegen luftig nach hinten gekämmt. Dass er das Cockpit selbst gebaut hat, das ist auch nicht auf den ersten Blick erkennbar.

«Sehr gut parkiert.» - «Kann ich jetzt Gas geben?» - «Nein, noch nicht!»

Ich bin hin und her gerissen. Einerseits liebe ich die Beschleunigung auf der Abflugpiste – wie das ganze Flugzeug beginnt zu rütteln und die Triebwerke hochgejagt werden. Andererseits habe ich Angst vor dem Abfliegen. Meine Hände zittern, als ich auf der Piste halte. Mein Herz rast, obwohl ich weiss, dass ich keinen Millimeter vom Boden abheben werde. Doch die mannshohen drei Bildschirme vor mir simulieren die Realität vor, auch wenn die Farben blasser und die Details gröber sind als in echt. Wie bei einem Computerspiel eben. Das Dröhnen der Triebwerke aber fühlt sich so real an, wie mein letzter Flug nach Kanada. Selbst die Stewardess hört man durch einen Lautsprecher. Erneut kommt meine Flugangst hoch. Ich sitze wie auf Nadeln. «Ding» - mein Co-Pilot hat die Signale zum Anschnallen eingeschaltet. «Ding» - Rauchen verboten. Er kennt jeden der 254 Knöpfe und Schalter neben, vor und über mir. Er habe sie alle einzeln programmiert und an die vielen Computer versteckt in und vor der Nase der Boeing angeschlossen. Jeder Schalter funktioniert und wenn er das mal nicht tut, finde Gerry Dressler keine Ruhe. Manche Schalter klicken, wenn man sie hoch und runter klappt, man hört und spürt die Bewegung. Andere haben einen angenehmen Widerstand, wenn man sie drückt. Fast so perfekt wie in einem BMW.

«Jetzt müssen Sie langsam aber kontinuierlich Gas geben. Dann sage ich «rotieren» und sie müssen das Steuerhorn zu ihnen ziehen und so halten. Schauen Sie auf der Fluganzeige, dass Sie nicht steiler als 15 Grad fliegen. Alles klar?»

Seine Worte folgen einer eingespielten Routine. Er weiss, was er als nächstes sagen wird. Ich halte das Steuerhorn vor mir mit der linken und gebe mit meiner rechten Hand am Schubhebel Gas bis ich das Kommando höre – wir werden immer schneller: «Rotieren!» Und schon sind wir in der Luft – und ich fliege die Boeing selbstständig. Viel Zeit, das zu geniessen bleibt allerdings nicht. Der Flug ist kurz, die Strecke nach Zürich ziemlich bergig. Die folgenden 40 Minuten sind ein Kampf zwischen Neigung halten, Geschwindigkeit überwachen, Höhe anpassen und nicht in einen 4000er steuern: Dabei finde ich kaum einen Moment, um aus dem «Fenster» zu schauen. Das sei normal, teilt mir mein Co-Pilot mit. Ein schwarzer Bildschirm zeigt mir meine Route in magenta an. Mehrere Fixe Wegpunkte sind eingezeichnet. Wenn man mal die Neigung des Flugzeugs aus den Augen verliert, sagt die Stewardess schon spöttisch durch die Lautsprecher: «Meine Damen und Herren, wir beginnen jetzt den Landeanflug.» Aber den Landeanflug müssen wir erst am Punkt «T/D», also Top of Descent, einleiten, weiss Dressler.

«Wie viele Stunden haben Sie hier drin schon verbracht?» - «Ich habe aufgehört zu zählen.»

Gerry Dressler war selbst noch nie im Cockpit einer Boeing, wie er sagt. Was er weiss, habe er sich aus der Literatur und in Gesprächen mit anderen Piloten über mehrere Jahre angeeignet. Seine Faszination für die Aviatik habe er aber relativ spät gefunden, als er in den 2000er Jahren sich einen Flugsimulator für den Computer gekauft hat. Etwas zu spät für den damals 40-jährigen, um danach noch Linienpilot zu werden. Aber das bereue er nicht, wie er sagt. Mit seinen Simulatoren könne er Strecken fliegen, von denen echte Piloten nur träumen können. Die fünf Simulatoren – teilweise angekauft – waren ihm denn auch mehrere 100'000 Franken und einen krisensicheren Job wert. Die Folgen von Corona merke er derzeit enorm. Aber er sagt, er mache es nicht wegen des Geldes. Er wolle anderen eine Freude bereiten. Mit grosser Hilfe von ihm konnte ich die Boeing schliesslich in Zürich selbst landen. Ich kann seine Leidenschaft nachvollziehen. Um meine Flugangst zu vertreiben hat es leider nicht gereicht. Trotzdem würde ich nun gerne einmal in einem echten Cockpit sitzen. Vielleicht in den nächsten Ferien in Kanada?

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