Asylsuchende Flüchtlinge lösen bei vielen Menschen ungute Gefühle, Ängste oder gar Ablehnung aus. Keine Berührungsängste kennt offenbar die Bevölkerung der 1700-Seelen-Gemeinde Kestenholz, wo seit gut einem Jahr rund 20 Asylsuchende in der Zivilschutzanlage einquartiert sind. Martin Iseli, Präsident der Kulturkommission, suchte im August sogar den Kontakt zu den vornehmlich aus Eritrea stammenden Männern und lud diese zur jährlich durchgeführten Serenade ein, an der Musikvereine, Chöre und Ensembles auf der Bühne stehen. Die Asylbewerber nahmen nicht nur die Einladung an, sondern führten an diesem Anlass zur Freude des Publikums auch gleich einen eritreischen Tanz auf (wir berichteten).

Von der spontanen Art der jungen Männer angetan war damals auch Pattrick Bürgi vom FC Kestenholz. Ihm war nicht entgangen, dass die Asylsuchenden viel Zeit mit Fussballspielen auf dem Fussballplatz des FC verbrachten. Deshalb bot er den Männern ein Freundschaftsspiel gegen die Seniorenmannschaft an, wenn sie es denn schafften, ein Team zusammenzustellen. Die Asylsuchenden liessen sich nicht zweimal bitten und nahmen diese Herausforderung an. Ausgerüstet wurden sie übrigens vom FC Kestenholz, wie Präsident Markus Probst bemerkte. «Wir haben ihnen ein Dress geschenkt, das wir wegen eines Fabrikationsfehlers nicht brauchen können». Bei den Fussballschuhen handle es sich teilweise um nach Spielen in der Garderobe liegen gebliebene Exemplare oder solche, die Leute aus dem Dorf gebracht hätten.

Letzten Freitag schlug nun die Stunde der Wahrheit. Um 19 Uhr machte sich eine 17 Spieler starke Auswahl der 3-Liga-FC-Senioren bereit für das auf 19.30 Uhr angesetzte Spiel gegen das aus 14 Eritreern und 2 Syrern bestehende Team des «FC Eritrea». «Zuerst gehen wir einmal auf Tutti», sagte der Kestenholzer Seniorenobmann Martin von Rohr zu seinen Spielern in der Kabine. Ziel sei der Sieg und dass möglichst jeder zu einem Einsatz komme.

Ohne den Beistand eines Trainers auskommen musste der «FC Eritrea», wo aber zumindest die Mannschaftsaufstellung auf Papier gebracht worden war. Auch mit grosser Fussballerfahrung konnten die Eritreer nicht aufwarten, wie der 24-jährige Beschir Adem berichtete. In seiner Heimat habe er vor allem in der Schule Fussball gespielt. Aus Eritrea geflüchtet sei er, weil er als 16-Jähriger ins Militär eingezogen worden sei und dort unerträgliches Leid erfahren habe. Gleich erging es Samuel Eyob, wie der 24-Jährige erzählte. Zwei Jahre sei er auf der Flucht gewesen. In die Schweiz sei er via Libyen, Sudan und Sizilien gekommen. Was Freiheit bedeute, habe er erst hier erfahren und erlebt, sagt Eyob, um danach mit seiner Mannschaft auf das Spielfeld zu traben.

Nach der eritreischen Nationalhymne pfiff Schiedsrichter Cay Dilaver das Spiel an. Bereits 15 Minuten später führte der FC Kestenholz 2:0, obwohl die Eritreer beachtliche Qualitäten an den Tag legten. In der 25. Minute gelang den Gästen der Anschlusstreffer zum 2:1, der vom rund 50-köpfigen Publikum laut bejubelt wurde. Danach gestaltete sich das Spiel ausgeglichen, das kompaktere Team war aber jenes des FC Kestenholz. In der Halbzeit stand es schliesslich 6:3.

Seniorenobmann von Rohr räumte beim Pausentee ein, dass die Gastmannschaft erstaunlich stark aufgespielt habe. «Die sind natürlich viel jünger als wir», gab Niklaus Bürgi zu bedenken. Zudem spielten die Senioren ja auch nicht mit letzter Konsequenz, schob der 43-Jährige nach. In der zweiten Halbzeit entscheide die Kondition, glaubte Seniorenobmann von Rohr. Obwohl das Team des «FC Eritrea» nach dem Anpfiff etwas schwächelte, erzielte die Mannschaft noch zwei weitere Tore, die Kestenholzer deren fünf zum Endstand von 11:5 für den FC Kestenholz. Sieger und Unterlegene waren sich nach dem Spiel einig: «Das hat richtig Spass gemacht, alle haben gewonnen.»

Seine Freude hatte auch Martin Iseli als Präsident der Kulturkommission am Spielfeldrand. Toll finde er, dass auch andere Vereine auf die Asylbewerber zugingen und diese zum Mitmachen animierten. So wie etwa der örtliche Turnverein, der die Männer am letzten Montag zu «Gy-Fit» (Turnen für jedermann) eingeladen habe. «Unsere neuen Dorfbewohner sind fast vollzählig erschienen und spielten im zweiten Teil des Abends mit Hingabe Badminton.» Iseli ist stolz auf die Dorfbewohner und die Asylsuchenden. «Dank der Annäherung haben viele Leute im Dorf ein anderes Verhältnis zu diesen liebenwürdigen und unauffälligen Männern.»