Niederbuchsiten
Für einmal hatte bei Casa Fidelio eine Frau das Sagen

Warum Männer an den Abgrund der Gesellschaft und so in den Teufelskreis der Sucht geraten können. Das ist das Thema im Buch, das zum 20-jährigen Bestehen der Casa Fidelio erschienen ist.

Erwin von Arb
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Enthüllung an der Buchtaufe (v.l): : Verleger Thomas Knapp, SP-Nationalrätin Bea Heim, Felix Jeanmarie, Mike Makosch und Martin Iseli.

Enthüllung an der Buchtaufe (v.l): : Verleger Thomas Knapp, SP-Nationalrätin Bea Heim, Felix Jeanmarie, Mike Makosch und Martin Iseli.

Erwin von Arb

Das Therapiezentrum Casa Fidelio in Niederbuchsiten ist eine reine Männersache und das schon seit nunmehr 20 Jahren. Die Idee dazu hatte Felix Jeanmarie, wie dieser an der Buchtaufe von «Ein Männerbuch - Ja ich will!» erwähnte. «Ich war damals mit meinem Beruf als Architekt einfach nicht richtig glücklich», berichtete der 63-Jährige. Die damalige Leiterin der therapeutischen Wohngemeinschaft für Frauen «Donna Casa» habe ihn dazu ermuntert.

Jeanmaire brauchte indes noch ein Jahr, bis er mit der Umsetzung begann. Der Start erfolgte schliesslich 1993 mit der Gründung des Vereins Casa Fidelio mit Sitz Niederbuchsiten, wo Jeanmarie zusammen mit dem Heilpädagogen Herbert Müller ein Musterhaus in das damals schweizweit erste Rehabilitationszentrum für suchmittelabhängige Männer umfunktionierte (vgl. Box).

Casa Fidelio

Am 31. März 1993 wurde die Casa Fidelio auf die Initiative von Felix Jeanmaire in Zusammenarbeit mit Herbert Müller in Niederbuchsiten als schweizweit erste und einzige Institution für suchtmittelabhängige Männer eröffnet. Der Lotteriefonds unterstützte die Institution mit 100 000 Franken. Trägerschaft und Personal setzen sich nur aus Männern zusammen. Wurden gegen Ende 1993 zehn Männer betreut, stieg die Zahl drei Jahre später auf 21. Als erste Suchtinstitution der Schweiz wurde Casa Fidelio 2001 mit dem Qualitätsmanagement-System QuaTHeDa zertifiziert. Die Erfolgsquote bei der Therapierung liegt über 60 Prozent. Casa Fidelio bietet Platz für 25 Bewohner, vornehmlich aus Deutschschweizer Kantonen. (eva)

Daran erinnerte sich an der Buchtaufe auch Mitbegründer und Casa-Fidelio-Präsident Mike Makosch vor der Gästeschar. Makosch beschrieb das über 120 Seiten starke Buch mit der facettenreichen Geschichte von Casa Fidelio und seinen Leuten und ebenso vielen Erklärungsversuchen verschiedener Autoren und Betroffener, warum Männer an den Abgrund der Gesellschaft und damit in den Teufelskreis der Sucht geraten können, als Labyrinth mit vielen möglichen Antworten. Das Buch folge keiner Regel oder Logik.

«Chaotisch gut»

Verleger und Taufpate Thomas Knapp erinnerte vor der Enthüllung des in Zusammenarbeit mit Chilimedia entstandenen Werks an die ersten Kontakte mit Felix Jeanmarie im August 2012 und den danach gemeinsam beschrittenen Weg. «Ich finde, das Buch ist chaotisch gut herausgekommen», meinte Knapp augenzwinkernd zu Jeanmarie. Dieser verriet, die Idee dafür sei ein Neujahrsvorsatz gewesen. «Das war vor rund zehn Jahren», sagte der Casa Fidelio-Initiant.

Die Festrede hielt mit SP-Nationalrätin Bea Heim für einmal kein Mann. Bei ihrer Arbeit als Politikerin bedankten sich immer wieder Leute dafür, dass es auch Therapieplätze für suchtabhängige Männer gebe.

«Es braucht solche Institutionen wie Casa Fidelio, die von Männern für Männer geführt werden, gänzlich ohne das Weibliche und das Mütterliche», betonte Bea Heim. Viele Männer schafften es nämlich nicht, ihre Probleme Frauen zu offenbaren, «schliesslich müssen Männer stark sein».

Casa Fidelio schaffe es seit 20 Jahren, Männer mit Suchtproblemen auf ihrem Weg zu sich selbst erfolgreich zu begleiten und zur inneren Befreiung zu verhelfen. «Die Gewissheit, nicht allein zu sein, gibt Kraft, allein weiterzugehen.» Casa Fidelio leiste vorbildliche Arbeit. Das bezeugten 96 Prozent aller Männer, die bei Casa Fidelio eine Therapie gemacht hätten, strich die Nationalrätin hervor.

Bea Heim ist übrigens auch eine der erwähnten Co-Autoren im Buch. Mit Beiträgen vertreten sind ferner Regierungsrat Peter Gomm und sowie die Künstler Ulrich Studer und Rhaban Straumann. Letztere unterhielten das Publikum bei der Buchtaufe mit Ausschnitten aus ihrem neuen Programm «Wolken melken».