Welschenrohr
Für die nächsten 40 Jahre gesorgt: Güterregulierung bleibt nie auf der Strecke

Das Land ist umverteilt, die Felder sind wieder besser entwässert: Mit der Güterregulierung endet in Welschenrohr nach 15 Jahren für die 14 verbliebenen Landwirte eine emotionale Geschichte.

Yann Schlegel
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Einer der bewegendsten Momente: Die Familie Mägli verlässt mit ihrem Vieh das Dorf und siedelt aus.

Einer der bewegendsten Momente: Die Familie Mägli verlässt mit ihrem Vieh das Dorf und siedelt aus.

Walter Schmid

Manchmal sprudelten ganze Bäche aus dem Untergrund hervor. Immer wieder traten im Zuge der Güterregulierung in Welschenrohr neue Probleme zu Tage. Und doch blieb das Grossprojekt der Gemeinde im hinteren Thal nie auf der Strecke – auch wenn die Kosten zwischenzeitlich aus dem Ruder zu laufen drohten. Im Vorprojekt hatte die Flurgenossenschaft noch 4,5 Mio. Franken veranschlagt. Wenn nun Ende 2020 das letzte Drainage-Rohr verlegt wird, hat die Güterregulierung über die letzten 15 Jahre insgesamt 9,5 Millionen Franken beansprucht.

Hansruedi Affolter; Projektleiter «Es kam mir vor, wie wenn ich am Ufer eines Flusses stehe, ein Boot besteige und losfahre.»

Hansruedi Affolter; Projektleiter «Es kam mir vor, wie wenn ich am Ufer eines Flusses stehe, ein Boot besteige und losfahre.»

Thomas von Arx

Hans Ruedi Affolter war als Projektleiter von Anfang an dabei. Er beschreibt den langen Weg so: «Es kam mir vor, wie wenn ich am Ufer eines Flusses stehe, ein Boot besteige und losfahre.» Vor der Güterregulierung war das Land von einzelnen Bauern im Dorf noch an bis zu 30 Orten verteilt. «Nach 60 Jahren geht es in Welschenrohr mit der dringend notwendigen Güterregulierung vorwärts», schrieb der Schweizer Bauer noch 2006. Am Anfang war unter den Landwirten noch viel Skepsis vorhanden. Diese wich zusehends. Heute holpert es nicht mehr, wenn die Landwirte mit ihren Traktoren über die neu erstellten Güterwege fahren. Die Felder rund um Welschenrohr sind grösstenteils mit neuen Drainage-Leitungen versehen, die das überschüssige Wasser aus dem Untergrund abführen. Die alten Rohre, die bis in das Jahr 1930 zurückreichten, wurden erneuert. «Die Bauern hatten Freude, einen neuen Weg zu kriegen und ich war auch erstaunt, wie reibungslos die Landumverteilung funktionierte», sagt Affolter.

Ein Intermezzo als Glücksfall

Völlig harmonisch verlief die Güterregulierung gleichwohl nicht.Für den vielleicht schwierigsten Teil der Güterregulierung benötigte es keine Baumaschinen, sondern die Schätzungskommission um deren Präsident Jakob Eggenschwiler. Das dreiköpfige Gremium bewertete das Land draussen im Feld anhand von Bodenprofilen, um die Landzuteilung möglichst fair zu vollziehen. Die Neuzuteilung von 2012 fand unter den Bauern grosse Akzeptanz.

Benjamin Brunner Präsident Flurgenossenschaft «Alle haben die Schäden gespürt. Und so war auch allen klar, dass wir die Defekte beheben mussten.»

Benjamin Brunner Präsident Flurgenossenschaft «Alle haben die Schäden gespürt. Und so war auch allen klar, dass wir die Defekte beheben mussten.»

Erwin von Arb

Flurgenossenschaftspräsident Benjamin Brunner sagt im Rückblick auf diesen langen Prozess, ein Intermezzo habe geholfen, dass die sogenannte Regulierung rund verlief. Dieses «Intermezzo» war dadurch verursacht, dass mit Markus Mägli ein Bauer im Rahmen der Güterregulierung das Dorf verliess und aussiedelte. «Durch dieses Ereignis waren wir fast zwei Jahre lang blockiert», sagt Brunner. «Die Bauern konnten sich in dieser Zeit an die neue Situation gewöhnen.» Sie wussten bereits, welches künftig ihr zusammengelegtes Land sein würde. Anders verlief es 2016: Als die Bürgergemeinde das Allmendland von zwei aufgelösten Bauernbetrieben verpachtete, gingen die Wogen zwischen den vier betroffenen Welschenrohrer Landwirten hoch. «Weil alles sehr schnell ging, konnten sich die Emotionen nicht setzen», sagt Brunner. «Jemand, der kein Land besitzt, kann sich nicht einfühlen und wissen, wie emotional es für einen Bauern ist, sein Land abzugeben und neues zu übernehmen.»

Schon 1942 war die Flurgenossenschaft gegründet worden, um das drainage-bedürftige Land zu entwässern sowie landwirtschaftliche Nutzflächen und Höfe mit sanierten Wegen zu erschliessen. Seither ging in Welschenrohr in dieser Hinsicht nichts mehr. Noch 1990 lehnten die Genossenschaftsmitglieder ein Sanierungsprojekt ab. Dass die Arbeiten lange Zeit aufgeschoben wurden, rächte sich. Von der emotionalen Komponente abgesehen sorgten die immer neu zum Vorschein gekommenen Defekte für die grössten «Stromschnellen», wie Affolter sagt.

Auch die Flurgenossenschaft hatte die Lage unterschätzt. «Im Nachhinein hätten wir die Anlagen viel genauer untersuchen müssen. Wir verzichteten darauf, da wir das Geld für die Sanierungen nutzen wollten», sagt Präsident Brunner.

Die Strassen bröckelten, das Wasser sprudelte

2015 stellten Projektleitung und Flurgenossenschaft fest, dass die Endkosten sich auf rund 9,5 Mio. Franken belaufen werden. An den alten Drainage-Leitungen kamen viele Schäden erst zutage, als Fachleute diese mittels Kanalfernsehen überprüften. Weiter bemerkten die Verantwortlichen, dass sich der Zustand der Hofzufahren während der Güterregulierung extrem verschlechtert hatte. Vor rund 40 Jahren hatte die Gemeinde die Strassen mit Recyclingasphalt der Autobahn A1-Baustellen erneuert, ohne vorher die Tragfähigkeit zu prüfen. «Alle haben die Schäden gespürt. Und so war auch allen klar, dass wir die Defekte beheben mussten», sagt Brunner.

Obwohl die Kosten anstiegen, unterstützten Bund, Kanton sowie Einwohner- und Bürgergemeinde das Projekt der Flurgenossenschaft bis zuletzt. Nach Abschluss der Güterregulierung sollen die Welschenrohrer Landwirte für die nächsten 40 Jahre auf intakt drainierten Feldern wirtschaften können. Auch die Hofzufahrten werden wenig Unterhalt erfordern. Für diesen wird künftig die Gemeinde aufkommen müssen, denn das intakte Wegnetz geht an die Gemeinde über. Die fast 80-jährige Flurgenossenschaft wird sich auflösen.