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Für das Wohl der Tiere: Welschenrohrerin setzt ein Zeichen gegen die Massenproduktion

Nadja Scheidegger mit einem Angorakaninchen in ihrem Laden in Welschenrohr.

Nadja Scheidegger mit einem Angorakaninchen in ihrem Laden in Welschenrohr.

Das Tierwohl spielt bei der Massenproduktion von Wolle meist eine untergeordnete Rolle. Nadja Scheidegger tut mit ihrem Geschäft in Welschenrohr etwas dagegen.

Nachdem Stallputz und Fütterung erledigt sind, schliesst Nadja Scheidegger die Türe zum Gehege hinter sich, während Hund Atilla und Katze Nessi das Geschehen vom gemütlichen Schattenplätzchen aus beobachten. Im Garten hinter dem Haus in Welschenrohr leben nicht Schafe, sondern Kaninchen. Keine gewöhnlichen, sondern Angorakaninchen hoppeln im Stroh und machen sich das Futter streitig. In Scheideggers Garten leben zwei Dutzend solcher Hasentiere, deren langwachsendes, dichtes Fell sich anbietet, um daraus Wolle zu gewinnen.

«In den Sommermonaten schere ich lieber einmal zu viel als einmal zu wenig», sagt Scheidegger. «Sie sollen es nicht zu heiss haben und gesund bleiben.» Bei ihrer Arbeit richte sie sich nach den Jahreszeiten und höre auf die Natur. An heissen Tagen sorgen das überdeckte Gehege und eine Rasenfläche für Wohlbefinden und Auslauf. Im Winter gibt es Extravitamine in Form von getrockneten Kräutern. Älter als zwölf Jahre können die kleinen Wolllieferanten werden, sofern sie richtig gehalten sind. Für Bella, Tiger, Jacki und ihre Artgenossen gibt es alle drei Monate einen Kurzhaarschnitt. «Dazu nehme ich eine Schere. Im Vergleich mit einem elektrischen Schergerät ist sie schonender für die Tiere. Pro Schur erhalte ich bis zu 100 Gramm Wolle.»

Das Tierwohl liegt ihr sehr am Herzen.

Das Tierwohl liegt ihr sehr am Herzen.

Schritt in die Selbstständigkeit – komme was wolle

Trotz schwieriger Ausgangslage, nicht zuletzt im Zusammenhang mit den Auflagen zur Coronapandemie, sah Scheidegger im vergangenen Frühling die Zeit kommen, sich mit ihrem Fachgeschäft für Wolle selbstständig zu machen. Ihre frühere Anstellung im Verkauf hat sie dafür gekündigt. Vor dem Schritt in die Selbstständigkeit hatte sie bereits Erfahrung gesammelt, indem sie selbst gefärbte Wolle über Auktionsplattformen im Internet verkaufte.

Ein eigener Webshop mit Wollprodukten zum Spinnen, Filzen und Stricken, vom Schaf, Alpaka bis hin zum Yak und den Angorakaninchen war der naheliegende nächste Schritt. «Als ich mich dann über die Herstellungsweisen informiert habe und sah, wie Tiere bei der Wollproduktion oftmals leiden müssen, habe ich meinen Entschluss gefasst.» Scheidegger wollte es selbst versuchen. Mit Wolle aus tiergerechter Produktion und zu einem fairen Preis.

Eine Leidenschaft, die früh beginnt

Aufgrund der aussergewöhnlichen Fellqualität entschied sie sich zudem für die Haltung von Angorakaninchen. Seit Scheidegger vor eineinhalb Jahren mit ihrem Lebenspartner nach Welschenrohr kam, hat sich im gemeinsamen Garten einiges getan. Der Umschwung auf rund tausend Quadratmeter wird nach und nach kaninchengerecht gestaltet. Neben der eigenen Angorawolle in Naturfarben und handgefärbten Variationen verkauft Scheidegger zugekaufte Ware. Diese stammt aus Ländern wie Neuseeland, wo vergleichsweise strenge Tierschutzauflagen gelten.

Scheidegger hat in ihrem Leben in ganz unterschiedlichen Bereichen gearbeitet. Die zweifache Mutter startete im Elektrofachmarkt, arbeitete im Pflegebereich und führte unter anderem ein Team in einem Textilfachgeschäft. Dem Textilhandwerk und der Verbundenheit zur Wolle blieb sie über die Jahre treu. «Als ich acht war, habe ich das Häkeln für mich entdeckt. Mit dem ganz dünnen Faden. Ich liebte schon immer das Filigrane», erinnert sich die heute 38-Jährige. In der Nähschule lernte Scheidegger später, wie man mit etwas Stoff, Fell und Faden einem Teddybären Leben einhaucht. «Noch heute fasziniert es mich, wie man aus Textilien etwas erschaffen kann, das Emotionen weckt und eine Geschichte erzählt.» Der Teddy aus den Anfangszeiten sitzt heute in ihrem Firmenlogo. Zurzeit bildet sich Scheidegger zur Detailhandelsfachfrau Textil weiter.

Im Haus an der Fabrikstrasse sind nicht nur Verkaufsladen und Lager des Onlineshops untergebracht, das Erdgeschoss dient gleichermassen als Kurslokal. «Mein Wissen mit anderen zu teilen, erfüllt mich. Ich hoffe, bald wieder Kursteilnehmende empfangen zu dürfen.» Langeweile kommt aber auch während der Zwangspause nicht auf. In der umfunktionierten Küche warten drei Puppenköpfe darauf, fertiggestellt zu werden. Beim Filzen mit einer Nadel und Wolle modelliert Scheidegger markante Gesichtszüge mitsamt den ganzen Feinheiten. «Rechtzeitig zu Halloween im Oktober sollen die Geisterpuppen fertig werden», sagt Scheidegger, die es gerne gruselig mag – sich jedoch weit lieber bei einem guten Horrorfilm gruselt als beim Anblick der zuweilen schauerlichen Zustände in der Wollproduktion.

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