Gänsbrunnen
Friedliche Manifestation mit Panzerabwehrkanone – zwei Böller für den Tunnelerhalt

Der Verein «Festungswerke Solothurner Jura» liess am Samstag erstmals eine Panzerabwehrkanone in Gänsbrunnen knallen.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Bunkeranlagen Gänsbrunnen
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Viele Interessierte liessen sich vorgängig die Bunkeranlagen oberhalb des Tunnels zeigen.
Die Anlagen werden heute vom Verein «Festungswerke Solothurner Jura» betreut.
Manifestation am Bahnhof Gänsbrunnen. Hier spricht Nationalrat Stefan Müller-Altermatt zu den Anwesenden.
Rund 300 Personen folgten dem Aufruf zu einer friedlichen Manifestation mit kriegsähnlicher Lärmbegleitung
«Wir Thaler sind ja ein friedfertiges Volk», meinte Nationalrat Stefan Müller-Altermatt, der das Komitee «Weissensteintunnel erhalten» präsidiert.
Urban Fink, Präsident des Vereins «Festungswerke», erinnerte an die lange Geschichte der Bunkeranlagen in und um Gänsbrunnen
Kurt Fluri, Stadtpräsident von Solothurn, Heimweh-Thaler und Nationalrat, zeigte die politischen Vorgaben auf
Bei einem Kauf eines solchen T'shirts gehen 5 Franken in den Fonds.

Bunkeranlagen Gänsbrunnen

Hansjörg Sahli

Gut 300 Personen folgten am Samstagnachmittag dem Aufruf zu einer friedlichen Manifestation mit kriegsähnlicher Lärmbegleitung nach Gänsbrunnen. Der Verein «Festungswerke Solothurner Jura», welcher sich um die jetzt verlassenen Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg im Kanton Solothurn kümmert, liess zum ersten Mal eine Panzerabwehrkanone abfeuern.

Diese befindet sich oberhalb des Weissensteintunnelportals in Gänsbrunnen. Die zwei lauten Böllerschüsse sollten bis nach Bern zu hören sein, meinte der Präsident des Vereins «Festungswerke» Urban Fink-Wagner. Vor allem auch, weil diese Böller für die Kanone die Feuertaufe bedeuteten.

Auch wenn diesen Knallern eine kriegsähnliche Bedeutung zukommt, verlief die ganze Manifestation auf dem Bahnhof Gänsbrunnen äusserst friedlich. Es gab Musik von der Musikgesellschaft Herbetswil, Bratwurst, Bier und Nussgipfel. Grund also für die Knaller: Der Kampf der Region «vor» und «hinter» dem Weissenstein für den Erhalt des Weissensteintunnels.

«Wir Thaler sind ja ein friedfertiges Volk», meinte Nationalrat Stefan Müller-Altermatt, der das Komitee «Weissensteintunnel erhalten» präsidiert. Er erinnerte, dass eine Schliessung dieses Tunnels, der die Gemeinde Gänsbrunnen mit Oberdorf SO verbindet, für eine ganze Region negative Auswirkungen hätte – und zwar in jeder Hinsicht: Pendlerverkehr, Wohnsituation, Schülertransporte, touristisches Angebot. Tatsächlich steht eine Schliessung des Tunnels im Raum, da eine Sanierung des gut 100-jährigen Bauwerks, welches heute der BLS gehört, zwischen 100 bis 170 Millionen Franken kosten würde.

Fluri ist optimistisch

Kurt Fluri, Stadtpräsident von Solothurn, Heimweh-Thaler und Nationalrat, zeigte die politischen Vorgaben auf. Nach der Verordnung von 2015, welche für die Konzession, Planung und Finanzierung der Bahninfrastruktur in Kraft gesetzt wurde, erfülle der Weissensteintunnel alle Kriterien, die es brauche.

Er sagte: «Die Solothurner Deputation im Bundesparlament in Bern wird sich mit grossem Engagement und entschlossen für die entsprechenden Kreditbeschlüsse einsetzen.» Er sei optimistisch, dass auch die Bundesversammlung und die Bundesbehörden das nötige Verständnis für dieses Anliegen aufbringen würden.

Tunnel auch nutzen

Urban Fink erinnerte als Historiker an die lange Geschichte der Bunkeranlagen in und um Gänsbrunnen, die übrigens 1995 aus der Geheimhaltung der Armee entlassen wurden. «Unsere Vorfahren bauten eben genau oberhalb des Tunnels einen Bunker, weil sie wussten, wie wichtig dieser Weissensteintunnel ist.»

Das Gleiche gelte heute noch, zwar unter anderen Gesichtspunkten, doch sei dies heute nicht mehr allen bewusst.

Alle Redner schlossen ihre Ansprachen mit dem gleichen Aufruf: «Das Beste, was es gibt, um den Weissensteintunnel zu erhalten, ist, ihn auch zu benutzen, sodass die Frequenzzahlen steigen.»

Wolfgang Hafner * persönlich: Standards gegen Heimat

Der Zwang zur Anpassung an effiziente, ökonomisch rentable Strukturen hat sich in den letzten Jahren verschärft. Es werden Standards eingeführt, und wer sie nicht erfüllt, wird ausgeschieden und dem Verfall überlassen. Das trifft sowohl auf Menschen als auch auf Räume und Infrastruktureinrichtungen wie den Weissensteintunnel zu. Jenseits der Standards entwickelt sich aber häufig ein Leben, ein Alltag, der gerade durch die fehlende ökonomische Effizienz Leerräume entstehen lässt, die plötzlich ihren eigensinnigen Charme entwickeln. Ein Charme, der auf andere Werte jenseits der Ökonomie verweist.

Einer dieser Räume ist der hintere Teil des Thals mit dem angrenzenden französischsprachigen Jura, den ich jedes Jahr zur Winterzeit drei- bis viermal durchwandere: immer mit den Skis, die Stille und die Einsamkeit des Aufstiegs von Gänsbrunnen durch den schattigen Rohrgraben nach der Hasenmatt geniessend. Meistens hat es hier mehr Schnee als in der Spur von Oberdorf, die eher wettkampfmässig angelegt ist. Das Ahnen einer anderen Gemütlichkeit beginnt jeweils erst auf der zweiten Kette, wenn nach dem kräftezehrenden Aufstieg vom Subigerberg auf dem Oberdörferberg eingekehrt werden kann.

Ist der Wirt mal nicht da, stellt er warmes Wasser und Zutaten vor das Haus, bezahlt wird nach Belieben. Die individuelle Behaglichkeit findet ihre Abrundung nach der Abfahrt in der kleinen Boulangerie in Crémines mit ihren grossartigen salzig-süssen Rahmkuchen. Und dann, ja dann fahre ich jeweils mit der Bahn durch den Weissensteintunnel nach Solothurn. Wird der Weissensteintunnel nicht saniert, wird in Zukunft ein Raum nur noch schwer zugänglich sein, der in seinem Kern so etwas wie «Heimat» bedeutet.
* Der Autor ist Sozial- und Wirtschafts-
historiker und Autor mehrerer Bücher.

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