Solothurn

Fluglehrer zum Unfall in Matzendorf: «Gleitschirmfliegen ist keine Gefahrensportart»

Der Bezirk Thal ist ein kleines Paradies für Gleitschirmpiloten.

Der Bezirk Thal ist ein kleines Paradies für Gleitschirmpiloten.

Vor einer Woche verunglückte ein 70-jähriger Gleitschirmflieger tödlich. Fachmann und Gleitschirm-Fluglehrer Sergio Waldmeier ist aber überzeugt, dass es sich um eine ganz normale Sportart handle. Bei den meisten Unfällen würde der Faktor Mensch eine zentrale Rolle spielen.

Gleitschirmfliegen ist eine atemberaubende Sportart und ein wunderbares Hobby: Lautlos durch das Himmelsmeer schweben und dabei prachtvolle Landschaften aus der Vogelperspektive geniessen. Doch wo die Sonne scheint, gibt es in der Regel auch Schatten. So ereigneten sich in den letzten sieben Wochen in Gleitschirm-Fluggebieten im Kanton Solothurn drei Flugunfälle.

Der letzte Gleitschirmunfall vor einer Woche in Matzendorf verlief sogar tödlich: Am Samstagnachmittag verlor ein 70-jähriger Gleitschirmflieger kurz nach dem Start ab der Oberen Wengi die Kontrolle über sein Fluggerät und stürzte in den Tod. Zuvor erlitt am Pfingstsonntag ein 27-jähriger Gleitschirmpilot bei einer Notlandung auf der vorderen Schmiedenmatt in Herbetswil mittelschwere Verletzungen und musste mit der Rega geborgen werden. Und am 10. April musste die Rega eine verletzte Gleitschirmpilotin retten, die in steilem Gelände am Weissenstein abgestürzt war.

Eine «normale Sportart»

Solche Ereignisse machen betroffen – vor allem auch jene, die sich beruflich mit dem Gleitschirmfliegen befassen. Zum Beispiel Sergio Waldmeier, Fluglehrer der Delta- und Gleitschirm Flugschule Airzone Nordwestschweiz in Oensingen (www.airzone.ch), die jährlich zwischen 20 und 25 Piloten ausbildet. Wie bei anderen Outdoorsportarten seien auch beim Gleitschirmfliegen Unfälle nicht gänzlich auszuschliessen, erklärt der 31-Jährige gegenüber dieser Zeitung und betont: «Zum Glück sind schwere Unfälle, gemessen an der Anzahl Flüge, die jährlich durchgeführt werden, sehr selten.»

Deshalb werde das Gleitschirmfliegen von den Versicherungen als normale Sportart und nicht als Gefahrensportart eingestuft. In der Öffentlichkeit werde das Gleitschirmfliegen oft als gefährlicher wahrgenommen als es nachweislich sei, weil jeder einzelne Unfall durch die Medienberichterstattung grosse Aufmerksamkeit erhalte.

Wie Sergio Waldmeier weiter erklärt, ist das Material bei der Gleitschirmfliegerei in den letzten Jahren «extrem viel besser» geworden, sodass es heute jedermann möglich sei, diesen tollen Sport zu erlernen. Unabhängig von den Unfällen am Weissenstein, in Herbetswil und Matzendorf stellt Waldmeier fest: «Bei den meisten Unfällen spielt der Faktor Mensch eine absolut zentrale Rolle.» Es gehe um das richtige Einschätzen der eigenen Fähigkeiten, der Wetterlage und der aktuellen Situation vor Ort. Oft handle es sich bei den Gleitschirmunfällen um eine Verkettung mehrerer Fehler.

Pilotenbrevet mit 16

Um Unfällen vorzubeugen, ist laut Waldmeier eine gute Ausbildung von grösster Wichtigkeit. Vor allem auch die Art und Weise, wie ausgebildet werde. Die Flugschule Airzone Nordwestschweiz lege zum Beispiel bei der Ausbildung grössten Wert auf ein familiäres Umfeld mit überschaubaren Gruppengrössen: «Nur so können wir garantieren, dass wir auf jeden Schüler individuell eingehen können, um ihn so zu einem sicheren Piloten ausbilden zu können.» Qualität stehe eindeutig vor Quantität. Das Pilotenbrevet sei bereits mit 16 Altersjahren über eine Theorie- und Praxisprüfung zu erlangen. Die Ausbildung dazu könne schon mit 15 beginnen. Gegen oben gebe es für Gleitschirmpiloten keine Altersbeschränkung.

Für jene, die mit dem Gleitschirmfliegen liebäugeln, biete die Flugschule Airzone, wie andere Gleitschirmschulen auch, spezielle Schnuppertage an, stellt Waldmeier fest. Er ist überzeugt, «dass man diesen schönen Sport mit einer guten Ausbildung, einer gesunden Selbsteinschätzung und der nötigen Vorsicht ein Leben lang sicher ausüben kann.» Dazu gehöre immer auch die richtige Schirmwahl. Diesbezüglich verhalte sich der Grossteil der Piloten vernünftig. Aber es gebe immer wieder auch solche, die ihre eigenen Fähigkeiten überschätzten.

70 gemeldete Fälle in einem Jahr

Insgesamt betreiben in der Schweiz etwa 20 000 aktive Pilotinnen und Piloten den Gleitschirmflug-Sport. Und wie hoch ist die Unfallquote? In seiner Unfallanalyse für das Jahr 2014 schreibt der Schweizerische Hängegleiter-Verband (SHV) von insgesamt 70 gemeldeten Zwischenfällen und Schirmstörungen, 13 davon mit fatalem Ausgang. Es sei jedoch von einer beträchtlichen Dunkelziffer ungemeldeter Zwischenfälle auszugehen, heisst es im Analysebericht weiter. Fast die Hälfte der tödlichen Unfälle 2014 betrafen gemäss SHV ausländische Gastpiloten – so viele wie noch nie zuvor. Von den gemeldeten Zwischenfällen haben sich gemäss der SHV-Unfall-
analyse 2014 insgesamt 17 während der Start- und Abflugphase, 11 während der Flugphase sowie 23 während des Landeanflugs und der Landung ereignet.

Wetter und Material checken

Beim SHV, der sich um die Sicherheit bei der Gleitschirmfliegerei bemüht, legt man grossen Wert darauf, dass das Material und das Wetter vor jedem Flug richtig gecheckt werden. Hinsichtlich Wetter müsse sich der Pilot etwa fragen: Wie sind Luftdruck und Thermik, wird es föhnig, turbulent, hammerthermisch oder gar gewittrig? Und betreffend Material: Sind Aufhängung, Rückenstütze, Gurten, Verschlüsse, Schirm, Leinen usw. einwandfrei und funktionstüchtig? Ein seriöser Check von Wetter und Material vor dem Start sei Voraussetzung für einen sicheren Flug und für einen gut ausgebildeten Gleitschirmpiloten eine Selbstverständlichkeit, unterstreicht Sergio Waldmeier. Es sei immer wieder von neuem ein faszinierendes Erlebnis, wenn man sich an einem Gleitschirm bei idealem Flugwetter wie ein Vogel in die Lüfte schwingen könne.

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