Dünnern
Fluch oder Segen für das Gäu?

Die Renaturierung der Dünnern und das Projekt «Cargo sous terrain» gibt einiges zu diskutieren. Es fragt sich: Ein Fluch oder ein Segen für das Gäu?

Beat Nützi
Beat Nützi
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Eine Verkehrsdrehscheibe und die Kornkammer des Kantons: Aberwo bleibt die Lebensqualität?

Eine Verkehrsdrehscheibe und die Kornkammer des Kantons: Aberwo bleibt die Lebensqualität?

Bruno Kissling

Einst bedrohte ein Gewässer die Landwirtschaft im Gäu: Die Dünnern, die ihr Quellgebiet auf Gemeindegebiet von Gänsbrunnen auf 760 Meter über Meer hat und in Olten in die Aare mündet. Sie durchquert wertvollstes Kulturland und versumpfte dieses in früheren Jahren immer wieder. Regelmässige Überschwemmungen sorgten damals für beträchtlichen Sachschaden und verhinderten eine Ausdehnung der Ackerbaufläche. Um der zunehmenden Versumpfung ein Ende zu setzen, wurde die Dünnern zwischen 1933 und 1944 mit einer Korrektion gebändigt.

Landwirtschaft zahlte hohen Preis

Die Dünnernkorrektion machte das fruchtbare Land überschwemmungsfrei und ermöglichte die Intensivierung des Ackerbaus. Das Gäu wurde zur Kornkammer des Kantons Solothurn. Doch für diese gab es bald neue Bedrohungen: Den Bau der Autobahn, die das Gäu mit der Eröffnung der Ost-West-Achse (A1/A2) 1967 für Grossverteiler interessant machte.

In den vergangenen 50 Jahren entstanden zahlreiche Lagerhallen und riesige Logistikzentren, denen viel wertvolles Kulturland geopfert wurde. Das Gäu entwickelte sich zum Transitland mit der wohl wichtigsten Verkehrsdrehscheibe der Schweiz. Dafür hat die Landwirtschaft einen hohen Preis bezahlt. Und allmählich leidet die ganze Bevölkerung im Mittel- und Berggäu unter den Folgen dieser Entwicklung, die viel Verkehr mit Dreck und Lärm in die Region gebracht hat. Zu Lasten von Wohn- und Lebensqualität hat sich das Gäu vom Armenhaus zur Wirtschaftslokomotive des Kantons Solothurn entwickelt.

Dünnern wird wieder Bedrohung

Erneut entsteht Handlungsbedarf. Waren die Bedrohungen früher naturgegeben, zum Beispiel durch den natürlichen Lauf der Dünnern, sind sie heute ursächlich auf menschliche Eingriffe zurückzuführen. Durch Menschenhand wurden die Dünnern korrigiert bzw. kanalisiert, die Autobahn und ihr entlang Lagerhäuser erstellt. Die einstige Kornkammer des Kantons Solothurn wurde zum «Logistic Valley» der Schweiz. Wertvolle Landwirtschaftsböden wurden verbetoniert und durch intensivere Bewirtschaftung verdichtet. So entstand vor allem zwischen Oensingen und Egerkingen eine Situation, welche die Dünnern wieder zu einer Bedrohung macht.

Wie hoch ist Schadenpotenzial?

Gemäss Vorstudie zum Hochwasserschutz mit Renaturierung, die auf neusten Erkenntnissen und Berechnungsmethoden beruht, ist heute bei einem Jahrhunderthochwasser der Dünnern zwischen Oensingen und Olten mit einem Schadenausmass von etwa 85 Mio. Franken zu rechnen. Im Konzept 2012 kam man für die ganze Dünnern zwischen Herbetswil und Olten noch auf ein Schadenpotenzial von gut 600 Mio. Franken, davon gegen 570 Mio. Franken zwischen Oensingen und Olten.

Der weitere Planungsverlauf wird zeigen, wohin sich der Betrag des Schadenpotenzials letztendlich bewegt. Auch hinsichtlich Kosten und Landverschleiss ist noch vieles zur Diskussion gestellt. Die Minimalvariante für den Hochwasserschutz mit Dünnern-Renaturierung dürfte zwischen Oensingen und Olten etwa 15 Hektaren Land und zirka 70 Mio. Franken kosten, die Maximalvariante mit Verschiebung der Dünnern nordwärts zwischen Kestenholz und Niederbuchsiten (350 Meter) über 30 Hektaren und gegen 90 Mio. Franken.

Kosten-Nutzen-Verhältnis?

Bei solchen Zahlen stellt sich die Frage des Kosten-Nutzen-Verhältnisses. Dazu ein konkretes Beispiel: Im Niederamt kann mit einem Beitrag von brutto 27,5 Mio. Franken für den Hochwasserschutz der Aare, dem das Volk zugestimmt hat, das Schadenausmass bei einem hundertjährigen Hochwasser um rund 100 Mio. Franken reduziert werden. Ein Vergleich des Kosten-Nutzen-Verhältnisses mit dem Dünnern-Projekt im Gäu ist erst möglich, wenn das zu beseitigende Schadenpotenzial konkret vorliegt.

Wäre davon auszugehen, dass der Betrag für die Sicherstellung des Hochwasserschutzes mit Revitalisierung etwa gleich hoch zu stehen käme wie jener für das Schadenpotenzial, müsste der Kritik des Solothurner Bauernverbandes (SOBV), für den das Kosten-Nutzen-Verhältnis ungenügend ist, beigepflichtet werden. So oder so sollte aber der Alternativvorschlag des SOBV (Nutzung ausgebeuteter Kiesgruben, die nicht vollständig aufgefüllt werden, als Rückhaltebecken) geprüft werden, um den Verlust von Kulturland möglichst gering zu halten.

Skepsis gegen «Cargo sous terrain»

Auch gegen die Plage des Lastwagenverkehrs, der Mensch und Umwelt zunehmend belastet, soll vorgegangen werden. Die Zauberlösung heisst «Cargo sous terrain». Das heisst: Güter sollen unterirdisch verschoben werden. Konkret: In einem ersten Schritt soll bis 2028 ein rund 67 Kilometer langer Tunnel mit einem Durchmesser von 6 Metern die Logistik-Drehscheibe Härkingen/Niederbipp mit Suhr, Spreitenbach und Zürich verbinden. Mittelfristig ist ein Netz von Genf bis St. Gallen und von Basel bis Luzern und Thun geplant. Dort sollen auf drei Spuren unbemannte, über eine Induktionsschiene elektrisch angetriebene Fahrzeuge mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h zirkulieren.

Kosten: Für die erste Etappe des Systems wird ein Aufwand von rund 3,5 Milliarden Franken veranschlagt. Die Promotoren von «Cargo sous terrain», zu denen Coop, Manor, Migros, Swisscom, Post, SBB und die Stadt Zürich gehören, möchten mit dem unterirdischen Warentransport bereits 2030 in Betrieb gehen. Positiv ist, dass die grossen Logistikzentren direkt angeschlossen werden.

Trotzdem regt sich im Gäu Skepsis gegen das Projekt. Für Hin- und Weglieferung zum unterirdischen Warentransportsystem sind nämlich Hubs geplant, die einen regen Lastverkehr zur Folge haben dürften. Und solche Hubs dürfte es im Gäu einige geben. So stellt sich ein halbes Jahrhundert nach der Eröffnung der Autobahn durchs Gäu erneut die Fage: Fluch oder Segen?