Oensingen
Firma vonRoll sieht sich systematisch übergangen

Wie reagiert der Oensinger Gemeinderat auf die geharnischte Reaktion der Firma vonRoll hydro, die sich benachteiligt sieht? Und wie deren Verwaltungsratspräsident?

Alois Winiger
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Der Sitz von vonRoll in Oensingen

Der Sitz von vonRoll in Oensingen

Alois Winiger

Nach dem Debakel bezüglich Auftragsvergabe Wasserleitung Sternenweg im vergangenen Jahr ist die vonRoll hydro (Suisse) AG einmal mehr mit einem Brief an die Oensinger Öffentlichkeit gelangt (wir berichteten).

Im Schreiben, unterzeichnet von Jürg Brand, Verwaltungsratspräsident vonRoll Infratec (Holding) AG, heisst es, die Firma werde «in der Sitzgemeinde systematisch übergangen, bloss weil sich die Gemeinderäte nicht trauen, einem bekennenden VonRoll-Hasser im Bauamt (und einigen ähnlich gelagerten Gemeinderäten) die nötigen Instruktionen zu geben.»

«Die vonRoll vertreiben»

Beim jüngsten Auftrag für 85 000 Franken geht es um eine Schieberwartung. Diese sei «an ein teureres auswärtiges Unternehmen» vergeben worden, heisst es weiter im Schreiben. Der Gemeinderat stelle sich so «hinter die Bestrebungen des Leiters Bauamt, der vonRoll aus Oensingen vertreiben will und sich auch explizit so äussert. Deshalb haben wir uns entschliessen müssen, die Sitze der Oensinger Gesellschaften nach Zug zu verlegen, womit wir den von Ihnen angerichteten und allein durch Sie verursachten Schaden wenigstens finanziell teilweise kompensieren können.»

Die Antwort des Gemeinderats

Zwei Einwohner von Oensingen hatten nun vom Gemeinderat schriftlich Antwort verlangt auf folgende Fragen: «Wie lautet die Stellungnahme des Gemeinderats zum Brief? Welche Folgen hat der Abzug des Firmensitzes aus der Gemeinde Oensingen für die Steuerzahler?» Die Antworten lauten im Wesentlichen gleich, wie sie bereits an der Gemeindeversammlung vom 22. Juni gegeben und am 24. Juni in dieser Zeitung veröffentlicht worden sind.

Jürg Brand

Jürg Brand

zvg

Der Gemeinderat hat den beiden Einwohnern ausführlich schriftlich geantwortet: «Weder der Gemeinderat noch der Leiter Bau haben den jetzt zur Diskussion stehenden Auftrag vergeben. Es war die Werkkommission, die nach den gesetzlichen Vorgaben einen genauen Kriterienkatalog erstellt und die eingegangenen Angebote nach diesem beurteilt hat. Die vonRoll konnte ein von der Werkkommission als sehr wichtig erachtetes Kriterium nicht erfüllen (Software, Datenbank). Dies musste bei der Bewertung der Angebote berücksichtigt werden. Somit hat die vonRoll frankenmässig zwar das billigste Angebot eingereicht, bei der Bewertung aber doch nicht die meisten Punkte erreicht.»

Stellung nimmt der Gemeinderat ferner zu den Anschuldigungen des Leiters Bau: «Gegen die ehrverletzenden Äusserungen gegen einzelne Personen verwahrt sich der Gemeinderat.» Im Übrigen freue sich der Rat, dass die vonRoll auch weiterhin Arbeits- und Ausbildungsplätze in Oensingen anbietet. Von einem Kampf gegen diese Firma kann keine Rede sein.

Die Antwort des Chefs

Die Firma hat ernst gemacht mit den Ankündigungen. «Im Handelsregister ist die Sitzverlegung zum grössten Teil bereits vollzogen», erklärt Jürg Brand, Verwaltungsratspräsident vonRoll Infratec (Holding) AG, auf Anfrage. Betroffen seien vonRoll hydro (Suisse) AG, vR Production (Oensingen) AG und vonRoll Itec AG sowie die Sitze der nicht operativen Gesellschaften. Die Mitarbeiter hingegen würden in den Oensinger Produktionswerkstätten verbleiben; das sind Logistik, spanabhebende Bearbeitung und Montage sowie die dazugehörende Administration. «Die Entwicklung neuer Geschäftsfelder wird aber nicht mehr in Oensingen stattfinden. Konkret betroffen ist die geplante Verlegung der vonRoll Itec mit den Bereichen IT und Digitalisierung.»

Zur Steuerfrage sagt Brand: «Die Hauptsitzfunktionen werden künftig in Zug versteuert.» Wie viel Steuergelder dadurch der Gemeinde Oensingen entgehen werden, lasse sich nicht abschätzen. «Steueraufkommen sind in der heutigen Zeit kaum prognostizierbar.»

Auch der Gemeinderat äussert sich nicht weiter zu einem allfälligen Verlust an Steuereinnahmen – aus Datenschutzgründen. Nur so viel: «Hat eine Firma mehrere Sitze, werden die Kantons- und Gemeindesteuern mittels Steuerausscheidung auf die einzelnen Kantone und Gemeinden verteilt. Am Hauptsitz besteht eine uneingeschränkte Steuerpflicht, an Sitzen mit einer Zweigniederlassung lediglich eine beschränkte.»

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