Amtsgericht Thal-Gäu
Finanzverwalter hat Millionen für Glücksspiele abgezweigt

Ein ehemaliger Finanzverwalter einer Transportfirma mit Hauptsitz in Egerkingen missbraucht das uneingeschränkte Vertrauen seines Arbeitgebers. Er hat 5,5 Mio. Franken abgezweigt für Glücksspiele. So kam ihm die Firma auf die Spur.

Alois Winiger
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Fasziniert vom Glücksspiel sind viele, Richard G. jedoch war süchtig danach.

Fasziniert vom Glücksspiel sind viele, Richard G. jedoch war süchtig danach.

«Es tut mir leid. Ich weiss nicht, wie es dazu kam. Ich entschuldige mich.» So weit die Worte, die Richard G*. vor Amtsgericht Thal-Gäu mit unsicherer Stimme hervorbrachte. In der Praxis wird der Angeklagte jedoch seine reellen Schulden kaum je begleichen können, denn die betragen total 5,521 Mio. Franken. Der 1955 geborene Richard G. hat sie in den Jahren 2001 bis 2011 als Finanzbuchhalter und Verwaltungsratsmitglied einer in Bau, Transport und Entsorgung tätigen Firmengruppe mit Hauptsitz in Egerkingen abgezweigt und für private Zwecke verwendet, praktisch ausschliesslich für Online-Glücksspiele oder Casinobesuche. Damit hat sich der Mann laut Anklageschrift der mehrfachen ungetreuen Geschäftsbesorgung schuldig gemacht.

20 Bundesordner und 15 Minuten

Welch ein Gegensatz: 20 Bundesordner sind gefüllt worden mit Verfahrensakten, die Verhandlung dagegen vor Amtsgericht im Schmelzihof in Klus-Balsthal war nach einer knappen Viertelstunde vorbei. Man hatte sich auf ein abgekürztes Verfahren geeinigt gemäss Artikel 360 der Strafprozessordnung: Die Parteien verzichten mit der Zustimmung zur Anklageschrift auf ein ordentliches Verfahren sowie auf Rechtsmittel. Weder Staatsanwalt Domenic Fässler noch Verteidiger Michel Meier kamen zu Wort, und selbst für Amtsgerichtspräsident Guido Walser gab es nicht mehr viel zu sagen. Er fragte umgehend den Angeklagten, ob er mit dem, was in der Anklageschrift steht sowie mit den Strafanträgen einverstanden sei. «Ja», antwortete dieser, der in Begleitung einer Therapeutin erschienen war.

Keine interne Kontrolle

Wie schafft man es, in einem Unternehmen durchschnittlich Jahr für Jahr eine gute halbe Million abzuzweigen, ohne dass es jemand merkt? Ans Licht gekommen war der Fall vor drei Jahren, da soll eine für die Firma tätige Bank einen Hinweis geliefert haben. Tatsächlich wurde – damals – festgestellt, es seien über einen Zeitraum von zwei Jahren rund zwei Millionen veruntreut worden sein. Am 6. September 2011 wurde der Finanzbuchhalter Richard G. verhaftet und für drei Wochen in Untersuchungshaft gesetzt.

Richard G. hatte bis dahin «uneingeschränktes Vertrauen» genossen. 1979 war er in die Firma eingetreten, die in den vergangenen Jahrzehnten stetig wuchs und aktuell 160 Personen beschäftigt. Neben der rein buchhalterischen Tätigkeit war er zuständig für die Unternehmenskasse, das Ausbezahlen der Löhne, ferner für das Offertwesen und die Lehrlingsbetreuung. 1994 wurde er in den Verwaltungsrat berufen. Sämtliche Arbeiten führte Richard selbstständig und eigenverantwortlich aus, eine interne Kontrolle seiner Arbeit gab es laut Anklageschrift nicht. Bei gewissen Bankbeziehungen galt eine Kollektivzeichnung zu zweien. Bei E-Banking-Zahlungen ab einzelnen Konten hingegen konnte der Buchhalter Zahlungen ohne Zweitvisum auslösen. Das ermöglichte Transfers auf private Kontokorrent- und Kreditkartenkonten. Ein Beispiel: Von einem Konto der Firma überwies Richard G. zwischen März 2001 und Juli 2011 mittels 379 Transaktionen total 3,3 Mio. Franken auf seine eigenen Konten. Ferner hob er Bargeld ab und bediente sich direkt aus der Geschäftskasse – ohne zu verbuchen, versteht sich. Immerhin besann sich der Mann hie und da darauf, woher er das Geld hatte: Zwischen 2004 und 2010 zahlte er total 60›000 Franken ans Unternehmen zurück.

Was bei Richard G. noch übrig geblieben ist, einige Goldvreneli und etwas Bargeld, wird zum Teil der Firma übergeben, zum Teil der Ehefrau. Die Verwertung von Cash-Cards und Jetons des Casinos Luzern im Wert von 25 Franken und 60 Rappen gehen in die Gerichtskasse. Verpflichtet wird Richard G. ferner, die Schadenssumme von 5,521 Mio. Franken zuzüglich Zins zu ersetzen. Verurteilt wird Richard zu einer Freiheitsstrafe von
30 Monaten, unter Gewährung des bedingten Vollzugs von 24 Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren. Das Urteil wird in den nächsten Tagen schriftlich bestätigt.

«Ein Hohn»

Betretenes Schweigen herrschte im Gerichtssaal nach der Verhandlung. Draussen hingegen machte der Gründer und Verwaltungsratspräsident des geschädigten Unternehmens seinem Ärger Luft: «Ein Hohn ist das. Fünfeinhalb Millionen klauen und dann so eine läppische Strafe», rief er aus. «Doch was will man.» In der Tat: Es war ja auch sein Wille, die Anklageschrift und die Strafanträge im abgekürzten Verfahren zu genehmigen.

Und Richard G.? «Das Leben geht weiter», sagte er halblaut. «Ich bedaure, was ich den Leuten angetan habe. Wir hatten doch ein so gutes Verhältnis.» Er wird sich nun einer gerichtlich verordneten Therapie unterziehen müssen zur Behandlung der Spielsucht.

* Name durch die Redaktion geändert.