Filetstück und Homeoffice

Kuno Blaser, Oensingen
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Als ich 1987 den allseits bekannten, mit den Verhältnissen des Kantons bestens vertrauten Oberbuchsiter Werner Häfeli bat, er möge ein Porträt über das Gäu im «Solothurner Jahrbuch mit Staatskalender» verfassen, bezeichnete er das Gäu als «Filetstück» des Kantons. Er meinte damit, dass die industrielle Nutzung und Bewirtschaftung der Felder dank guter Verkehrsanbindung den hiesigen Gemeinden einst zum Wohle gereichen werde. Die Ansiedlung begehrter Industriezweige mit hochklassigen Arbeitsplätzen für uns Gäuer war angedacht.

Vom genannten Filetstück besass Oensingen ein ansehnliches Stück. Eine Darstellung von 1900, die unverbaute Felder zeigt, müsste uns heute nostalgische Gefühle entlocken. Ein altes Sprichwort bringt es auf den Punkt: «Im Nachhinein ist man immer klüger!»

Um die Feststellung, dass wir «einen Ball verspielt haben», kommt man halt nicht herum. Die letzten Filetstücke überbaut nun grossflächig der Fleischverarbeiter Bell. Dieser beschert uns fürwahr nicht die damals begehrten «hightech»- Arbeitsplätze. Wie die Verkehrsströme verraten, siedelten sich diese anderswo an: In Zürich, Bern und Basel beispielsweise.

Oensingen wähnt sich irgendwie verkehrt in der Landschaft. Die viel gelobten guten Verkehrsanbindungen nutzen ausgiebig Pendler. Ihre Wege führen am Morgen aus dem Dorf an den Arbeitsplatz und abends sozusagen heim ins Bett. Das Entwicklungsgebiet Bahnhof entwickelt sich still und leise zum Schlafsaal Oensingens. Wer Zweifel an dieser Feststellung hegt, möge die Struktur der Neuüberbauung beim «Rondo» genauer ansehen: 17 der 37 Angebote umfassen 2 1/2 Zimmer- Wohnungen. An der nahen Von Rollstrasse gestaltet eine Bauherrschaft seine Altbauten gezielt von 4 1/2 Zimmer- Wohnungen zu Kleinwohnungen für Pendler ohne Kinder um. An Kindern mangelt es Oensingen trotzdem nicht. Offensichtlich zieht das spezifische Arbeitsplatzangebot Menschen aus allen Herren Ländern an. 90 Prozent Ausländeranteil an einzelnen Primarschulklassen ist die Folge.

Gründe, diese Entwicklung zu definieren, zöge eine hochpolitische Diskussion nach sich. Kommt dazu, dass Pendler mit dem Auto täglich den Arbeitsort Oensingen anpeilen. Darunter viele aus dem nahen Ausland. Ein geplantes Parkhaus für 1500 Autos allein für die Bell- Mitarbeiter, steht für diese Aussage. Eigentlich sollte es doch in einer ökologisch und klimaverträglich ausgewogenen Welt so sein, dass die Menschen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes wohnen. Diese These kommt in der Klimadiskussion kaum auf den Tisch und nie auf die Strasse. Warum? Weil man gute Verdienstmöglichkeiten vorzieht und mit diesem Verhalten selber zum Pendler wird, weil man nicht gerne am Ast sägt, auf dem man sitzt? Ahnt man gar, dass wir (mit unserer Politik) den Karren schon längst an die Wand gefahren haben?

Das Kuriose besteht darin, dass nun ein Virus - wenigstens vorläufig - und nicht die Politik für Zäsur sorgt. Homeoffice entwickelt sich zum Schlagwort, das uns ökologisch und gesellschaftlich künftig einen Schritt vorwärts bringen könnte. Mancher Pendler mutierte dem Sachzwang folgend zum Dorfansässigen. Eine Chance auch für unsere Vereine und kulturellen Institutionen. Sie böten Ersatz für die eingeschränkten sozialen Kontakte im Berufsleben.