Fasnacht vor 62 Jahren
Als 1959 in Kestenholz sich die Frauen einen Fasnachtsscherz erlaubten

Eine spontane Fasnachtsaktion anno 1959 lies den Pfarrer in der Gäuer Gemeinde erzürnen.

Fränzi Zwahlen
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So hat Verena Stucker-Spiegel den Maskenball in Erinnerung.

So hat Verena Stucker-Spiegel den Maskenball in Erinnerung.

zvg

Alles spricht vom Jahr 1971, als das Frauenstimmrecht endlich angenommen worden ist. Doch noch 12 Jahre vorher, am 1. Februar 1959, scheiterte die erste Volksabstimmung über das eidgenössische Frauenstimmrecht ganz klar am Volks- und Ständemehr. Protestaktionen in der ganzen Schweiz waren die Folge, so auch eine an der Fasnacht in Kestenholz.

Davon erzählt die heute 81-jährige Verena Stucker-Spiegel, die in Kestenholz aufgewachsen ist und heute in Thun wohnt. «Ich war damals noch ein junges Ding und habe mich, ehrlich gesagt, noch nicht sehr für Politik interessiert. Da kam am Fasnachtssamstag unsere Nachbarin, eine gestandene Bauernfrau, vorbei und befahl mir schon fast:‹ Komm, Du musst den Totenmarsch auf der Trommel lernen. Mein Sohn der Tambour ist, wird ihn Dir beibringen›.

«Ich fragte Sie, warum ich das tun sollte und sie sagte»:

«Wir wollen heute Abend beim Maskenball das Frauenstimmrecht beerdigen.»

Und so kam es, dass sich etwa zehn Frauen alle in Schwarz wie Witwen bekleideten, sich mit schwarzen Halbmasken nicht erkennbar machten, und dann sich in einem Trauerzüglein auf den Weg zum Maskenball ins Restaurant Eintracht machten. «Mit uns zogen wir einen kleinen, selbst gemachten Sarg, der mit ‹Nein 1959› beschriftet war. Dazu hatten wir eine Tafel mit ‹Frauenstimmrecht› mit dabei. Es gab ein Raunen im Saal, als wir als Kolonne die Bühne betraten», erzählt Verena Stucker-Spiegel weiter.

«Wir stellen uns im Halbkreis auf, zogen unsere mitgebrachten weissen Taschentücher heraus und begannen, hemmungslos zu schluchzen. Unterdessen öffnete eine von uns die Soufleusen-Lucke im Bühnenboden und wir versenken darin unseren ‹Sarg›. Man kann sich die Verwunderung und das Gelächter des Fasnachtspublikums vorstellen. So zogen wir wieder ab.»

«Doch am darauffolgenden Sonntag folgte das Beste»,

erzählt Verena Stucker-Spiegel. «Von der Kanzel herab verkündete der Pfarrer während des Gottesdienstes: ‹Der gestrige Auftritt von Euch Frauen ist eine Schande. Ihr habt eine schwere Sünde begangen.›»

«Eine solche Standpauke war natürlich eine regelrechte Ohrfeige für uns Frauen», erinnert sich Verena Stucker-Spiegel an ihr damaliges Gefühl. «Denn der Pfarrer war halt eine Respektsperson im Dorf.»