Wolfwil
Fahne und Wappen verschwunden: Ist das ein Angriff auf die Ehre?

Im Sommer die Fahne – jetzt das Wappen an der Hausfassade: Wolfwil sieht sich seiner Hoheitszeichen beraubt und rätselt.

Yann Schlegel
Merken
Drucken
Teilen
Der Abdruck an der nackten Hausfassade erinnert am Donnerstagmorgen an das gestohlene Wappen.

Der Abdruck an der nackten Hausfassade erinnert am Donnerstagmorgen an das gestohlene Wappen.

Bruno Kissling

«Was soll das eigentlich?», empört sich Wolfwils Gemeindepräsident Georg Lindemann am Mittwoch auf Facebook. Den Beitrag illustriert ein Foto der blanken Hausfassade der Gemeindeverwaltung Wolfwil. Nur noch der eindeutig erkennbare Abdruck am Verputz erinnert daran, dass an dieser Stelle das Wolfwiler Wappen prangte.

Die Gemeinde entdeckte den Verlust am Fasnachts-Dienstag, und sie vermutet daher, dass Unbekannte sich über diese Tage einen Streich erlaubten und das Wappen entwendeten. Noch am Sonntag zog der Gäuer Umzug durch Wolfwils Strassen, die von Menschen gesäumt waren. Trubel genug, um unerkannt ein Wappen bei der Gemeindeverwaltung zu entwenden. Der Wappen-Klau ist nicht der erste Vorfall, den die Gemeinde zu beklagen hat. Bereits im letzten Sommer wurde eine Wolfwil-Fahne vom Mast gestohlen. «Wir sind dankbar für Hinweise!», schreibt Gemeindepräsident Lindemann auf Facebook. «Oder vielleicht meldet sich der schlaue Täter selber?»

Raum für Humor, wenn es um die Ehre geht?

Da es sich nicht um ein schweres Delikt handelt, wird die Gemeinde voraussichtlich darauf verzichten, die Polizei einzuschalten, wie Georg Lindemann auf Anfrage sagt. Für Aufregung sorgte der Vorfall gleichwohl. Seit der Gemeindepräsident sich via Facebook an die Öffentlichkeit wandte, wurde der Beitrag in den sozialen Medien bis gestern Donnerstag knapp 60 Mal geteilt. Nicht der materielle Schmerz, sondern vielmehr die emotionale Dimension scheint aufzurütteln. Welchen symbolischen Stellenwert die Fahne aus historischer Sichtweise hat, hält das Historische Lexikon der Schweiz wie folgt fest: «Der Verlust der Fahne im Kampf bedeutet Schmach und Niederlage, die Eroberung gegnerischer Fahne Ehre und Sieg.» In der Frühen Neuzeit wurden im Kampf eroberte oder erbeutete Fahnen als Trophäen in Kirchen oder Zeughäusern aufbewahrt. Eine gemäss Brauchtum geweihte Fahne, über welche die Truppe den Eid geleistet hatte, galt es mit dem Leben zu verteidigen.

Im 21. Jahrhundert geht es nicht mehr um Sieg oder Niederlage, geschweige denn um Leben oder Tod auf dem Schlachtfeld. Der Konflikt spielt sich auf der Internetplattform ab. Aber wenn ein Wappen entwendet wird, erhitzen sich auch heute die Gemüter, wie das Beispiel Wolfwil zeigt. Wobei: Die Einen konnten sich einen humorvollen Kommentar nicht verkneifen. So auch der Härkinger Gemeinderat André Grolimund. «Ob es Fulenbacher waren...?!?», stellte er die Nachbargemeinde im Witz unter Generalverdacht. Georg Lindemann konterte: «Es könnten auch Härkinger gewesen sein...» Der Schlagabtausch zwischen den beiden Polit-Kollegen kam auf Facebook nicht überall gut an. Ein User mahnte zur Sachlichkeit. Es sei «tragisch und gar nicht lustig, dass das Wappen weg ist». Lindemann beschwichtigte: Es ist nicht meine Absicht, Themen oder Personen ins Lächerliche zu ziehen.»

Am Tag nach dem Facebook­eintrag zeigt sich Lindemann denn auch ehrlich betroffen. «Es ist enorm bedauernswert, wenn Menschen das Gefühl haben, das Wappen zu klauen sei ein super Gag», sagt er. Jahrzehntelang habe die Gemeinde keine Probleme dieser Art gehabt. Lindemann kann sich nicht erklären, woher der Angriff auf das Ehrenzeichen rühren könnte. Er geht von einer überlegten Aktion und nicht von einem dem Übermut entwachsenen Vandalenakt aus. Die Verwaltung liegt an der gut einsehbaren Hauptstrasse; das Wappen war fest an der Fassade verankert. Eine Verbindung zum Fahnenklau im letzten Sommer ist laut Lindemann denkbar. Das Verschwinden der gehissten Fahne kam in den Schnitzelbänken vor. Ob dies zur Folgetat animierte? Die Gemeinde hofft jedenfalls auf Hinweise und darauf, dass das Wappen im Idealfall wieder auftaucht.