Oensingen
Es ist das Ende einer 128-jährigen Gasthof-Geschichte

Mit dem Verkauf des «Rössli» in Oensingen beendet Stefan Baumgartner die langjährige Wirtstradition und schaut auf eine vom Wandel geprägte Zeit zurück.

Gülpinar Günes
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Gasthof Rössli Oensingen
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Seit vier Generationen befindet sich der Gasthof im Besitz der Familie Baumgartner.
Noch bis am Samstag, 27. April ist der Gasthof geöffnet. Danach startet der Umbau durch den neuen Restaurantbesitzer.

Gasthof Rössli Oensingen

Bruno Kissling

«Ich habe immer gewusst, dass ich der letzte Baumgartner sein werde hier», sagt Wirt und Koch des Oensinger Gasthofs «Rössli». Seit Anfang Jahr steht fest, dass Stefan Baumgartner das Restaurant mitsamt dem unbebauten Land nebenan an die Eigentümer der Garage Dubach in Oensingen verkaufen wird. Ende April geht damit für den Gasthof eine Ära zu Ende, die sich seit vier Generationen im Besitz der Familie Baumgartner befand. «Für mich fällt damit ein grosser Druck weg», sagt der 57-jährige Wirt.

Als Sohn einer traditionellen Wirtsfamilie wurde Baumgartner die Gastronomie in die Wiege gelegt. Die Geschichte der Familie und des Gasthofs reicht bis ins Jahr 1891 zurück, in welchem Albert Baumgartner neuer Besitzer des «Rössli» wurde. 1928 übernahm die Schwiegertochter Agnes Baumgartner-Brunner den Gasthof. Ihr Sohn Max Baumgartner lernte 1960 seine künftige Frau Violette Grandjean kennen und heiratete sie im Jahr darauf. «Sie war eigentlich als Serviertochter für das Hotel ‹Chrüz› aus der Romandie nach Oensingen gekommen», erzählt Stefan Baumgartner die Geschichte seiner Mutter. Bei einem kurzen Zwischenhalt im «Rössli» lernte sie seinen Vater kennen und blieb dort.

Aufwachsen im Gasthof

«In unserer Kindheit hatte es für die anderen Kinder immer den Anschein, als hätten wir alles: Wir hatten immer genug zu Essen und zu Trinken zu Hause und wurden darum beneidet, dass wir ein Restaurant haben», erinnert sich Baumgartner. «Auch wir hatten das Gefühl, dass es ein Privileg ist.» Gemeinsam mit zwei Schwestern wuchs er direkt neben und im Gasthof auf. Das habe allerdings nicht nur Vorteile gehabt. «Manchmal konnte man nicht schlafen oder ist aufgewacht, weil es nebenan bis in die Nacht hinein laut zu und her ging.» Das habe aber einfach dazugehört.

Abschiedsfest

Stefan Baumgartner und Partnerin Sandrine Hofer verabschieden sich im Rahmen eines Festes vom Gasthof und laden am Samstag, 27. April, Freunde, Familie und Gäste auf ein Gläschen zum Abschluss ein.

- 10 bis 16 Uhr: «Bye Bye-Day», offen für alle Gäste

- 18 bis Open-End: Austrinkete, mit vorangehender Platzreservation

Danach schliesst der Gasthof aufgrund Renovationsarbeiten bis auf Weiteres seine Tore.

1968 trifft die Familie Baumgartner jedoch ein Schicksalsschlag: Im Alter von fünf Jahren verliert Stefan Baumgartner seinen Vater und die Mutter, die seit der Hochzeit mitgewirtet hatte, übernimmt den Gasthof und damit die volle Verantwortung für eine Gastwirtschaft und drei kleine Kinder. «Wir hatten damals einige gute Angestellte, die meine Mutter unterstützten», sagt der Wirt. Nach der Lehre zum Koch und einem Abstecher in die USA sowie in die Versicherungsbranche, kehrte der damals 25-jährige Sohn 1987 zurück zum Gasthof und übernimmt drei Jahre später den Betrieb. «Es war für mich ein einfacher Weg, meine Existenz zu sichern, da ich sonst keinen weiteren Beruf gelernt hatte», erklärt er die Entscheidung. Hätte er nicht übernommen, wäre Violette Baumgartner gezwungen gewesen, den Gasthof zu verkaufen.

Im Wandel der Zeit

«Wir haben’s eigentlich immer gut gehabt», sagt Stefan Baumgartner auf die letzten rund 30 Jahre seines Lebens zurückblickend. Als Wirt eines zentralen und historisch bedeutenden Oensinger Gasthofs durfte er während dieser Zeit zahlreiche Vereine in seinen Räumlichkeiten willkommen heissen und bewirten, Gemeindeversammlungen veranstalten oder gemeinsam mit seinen Gästen Konzerte und andere Anlässe feiern. Ein Highlight sei jeweils immer der Fasnachtsmontag gewesen. «Man musste abends um sieben Uhr bereits hier sein, sonst fand man keinen Platz mehr – das war eine riesen Sache», erzählt er voller Freude. Besonderen Eindruck haben jedoch die «Herzensangelegenheiten» seiner älteren Stammgäste bei ihm hinterlassen: «Im Rössli-Saal han e mi Frou lehre könne» höre er sie des Öfteren erzählen. «Das hat mir gezeigt, wie wichtig der Gasthof zur Wirtszeit meiner Grossmutter gewesen ist», sagt Baumgartner.

Vor rund 50 bis 60 Jahren erfüllten das «Rössli» und Gasthöfe generell eine wichtige Funktion im Dorfleben, indem sie für junge Erwachsene einen Begegnungsort bildeten. Das sei heute nicht mehr so. «Der Gasthof hat nicht mehr diese Wichtigkeit», bedauert Baumgartner. Was früher am Stammtisch besprochen wurde, wird heutzutage über Soziale Medien geregelt. Von diesem Wandel bleibt auch das «Rössli», wo das Durchschnittsalter der Gäste sich um die 60 bis 70 Jahre bewegt, nicht verschont. «Die Leute brauchen den Gasthof im Dorf so gar nicht mehr. Daher hat die Kundschaft stark abgenommen», sagt Baumgartner.

Seiner Wahrnehmung nach hatten auch die wachsende Konkurrenz zum traditionellen Gastronomiegewerbe und die Verschärfung des Alkoholgesetzes starken Einfluss auf den Gastronomiebetrieb. «Früher sass man nach dem ‹Fürobebier› noch bis um 23 Uhr im Gasthof – das gibt es alles nicht mehr.» Dass er sich bis heute behaupten konnte, verdanke er seiner Spezialisierung auf Saal-Vermietungen: Es sei schon vorgekommen, dass das Restaurant leer gewesen sei, während sich im Saal 150 Gäste aufhielten. Aus Kostengründen habe er jedoch immer mehr Personal entlassen müssen, bis schliesslich lange Zeit nur noch er, ein weiterer Koch und seine Partnerin Sandrine Hofer das Alltagsgeschäft bewältigten. Der Wirt ist überzeugt, dass ein solcher Traditionsbetrieb wie das «Rössli», das so sehr auf das Dorf zugeschnitten ist, ohne weitere Spezialisierung und Anpassung an heutige Bedürfnisse kaum überleben wird.

Das «Rössli» bleibt erhalten

«Den Gasthof attraktiver zu machen, wäre mit hohen Kosten verbunden, die ich nicht investieren möchte. Die Ausgaben wären mit dem Alltagsgeschäft gar nicht mehr zurückzuholen – es wäre eine Risikoinvestition», erklärt Baumgartner, weshalb er den Gasthof verkauft. «Ich hätte gerne weitergemacht, aber aufgrund dieser Problematik lohnt es sich für mich nicht mehr.» Da auch seine zwei Töchter und sein Sohn kein Interesse an der Übernahme des Gasthofs zeigten, wäre es früher oder später ohnehin zum Verkauf gekommen. Daher stört sich Baumgartner auch nicht an der Tatsache, dass mit dem Verkauf des Gasthofs eine vier Generationen überspannende Wirtstradition gebrochen wird.

Der Gasthof selber bleibe jedoch bestehen, bestätigt er. Die Garage Dubach habe das Restaurant an eine Immobilienfirma aus Deitingen weiterverkauft, die es ab Anfang Mai renovieren und mit einem neuen Wirten weiterführen möchte. Trotz des Verkaufs sei ihm der Erhalt des Restaurants am Herzen gelegen. Er habe befürchtet, aus dem Gasthof könnten Büroräume entstehen und ist froh darüber, dass das Lokal der älteren Oensinger Generation erhalten bleibt. «So kann ich auch einmal als Gast vorbeikommen», lacht er.

Für Stefan Baumgartner beginnt nach dem Verkauf des «Rössli» ein neuer Lebensabschnitt. «Um fünf Uhr nachmittags in den Feierabend gehen und am Wochenende Zeit mit der Familie verbringen – das habe ich bisher nie gehabt», sagt er. Das Restaurant zu führen, sei stets mit grossen Anstrengungen verbunden gewesen. «Dass wir die Tradition zu einem guten Abschluss bringen konnten, ist eine grosse Erleichterung für mich.» Momentan orientiert sich der Wirt beruflich neu und könnte sich eine Anstellung in einer mit dem Gastgewerbe verwandten Branche vorstellen. «Ich gewöhne mich erst langsam an das neue Leben», sagt er. «Ich muss das jetzt setzen lassen und danach wieder frisch beginnen.»