Atomenergie
Erster Mühleberg-Direktor: «Bald werden in der Schweiz wieder Reaktoren gebaut»

Hans Rudolf Lutz ist der erste Direktor des Kernkraftwerks Mühleberg, welches 2019 von Netz soll. «Für mich bricht keine Welt zusammen», so «Atom Lutz». Der Lostorfer glaubt weiter an die Atomkraft.

Lucien Fluri
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Nur Menschen machen Fehler. Die Atomtechnik an sich hält Hans Rudolf Lutz für absolut sicher.

Nur Menschen machen Fehler. Die Atomtechnik an sich hält Hans Rudolf Lutz für absolut sicher.

Lucien Fluri

Sein Lebenswerk bröckelt. In Lostorf sitzt Hans Rudolf Lutz am Wohnzimmertisch und kann nicht fassen, was die Schweiz gerade macht. Die Energiewende? «Ein Jahrhundertunsinn», sagt der 80-Jährige, der Schweizer Atom-Geschichte geschrieben hat. Der «Atom Lutz» war erster Direktor des AKW Mühleberg. «Vom ersten Spatenstich an» war er dabei.

Und jetzt ist es endgültig: Mühleberg soll 2019 vom Netz, sein Mühleberg, das er aufgebaut hat. «Für mich bricht keine Welt zusammen», sagt Lutz. Es sei ein nachvollziehbarer wirtschaftlicher Entscheid der Bernischen Kraftwerke. Doch für Lutz ist klar: «Wenn man vernünftig gewesen wäre, wäre Mühleberg weiterbetrieben worden. Mühleberg ist doch kein Erdbebengebiet», kritisiert er neue Sicherheitsvorschriften. Für seine Gegner bewahrheitet sich: «Atom Lutz» ist «ein unerschütterlicher Lobbyist».

«Unvernünftig, teuer, nicht planbar und wenig umweltfreundlich»

Der markante Schädel, die schwarz umrandete Brille. Lutz könnte Professor sein. Als Wissenschafter stehe für ihn die Suche nach der Wahrheit an erster Stelle, sagt Lutz. «Was heute abläuft, ist eine Unwahrheit nach der anderen.» Die Photovoltaik: subventioniert und marktverzerrend. «Niemand würde Photovoltaik betreiben, wenn sie nicht so gut rentieren würde.» Die Energiewende? «Unvernünftig, teuer, nicht planbar und wenig umweltfreundlich», sagt Lutz, der zuerst für die FDP im Berner Grossen Rat und später für die SVP im Solothurner Kantonsrat sass.

Draussen regnet es. Vom Freisitz aus könnte man bei schönem Wetter das AKW Gösgen sehen. Gedanklich schweift Lutz jetzt gerade in die Weite. Er ist in England, Frankreich und China: Nirgends will man die Atomkraftwerke abschalten. China plant 25 neue Werke und die Türkei springt auf den Zug auf. «Sind die Türken die dümmeren Leute? Wollen sie ihr Territorium verseuchen?», fragt Lutz rhetorisch. «Ausser in Deutschland und der Schweiz steigt derzeit niemand aus der Atomenergie aus. Warum denken die Schweizer und die Deutschen, sie hätten das Ei des Kolumbus gefunden?» – Lutz warnt: Aufstrebende Länder, die die Atomtechnologie nutzen, würden bald mit günstigem Strom im Wettbewerbsvorteil stehen. Dann ist Lutz schon wieder in Deutschland bei der Braunkohle. «Plötzlich spricht niemand mehr von CO2.»

Neben dem Tisch stehen die Notenblätter von Vivaldi. Lutz spielt Geige. «Vielleicht besser als Einstein», sagte er dem Schweizer Radio. «Dieser war aber der bessere Physiker.» Irgendwann musste sich der junge Lutz entscheiden: Will er Musiker werden oder Physiker? Er entschied sich für die Technik, in der man die Zukunft sah. Sogar Umweltverbände befürworteten damals Atomkraftwerke, da sie sauberer als Ölkraftwerke waren.

Er zweifelte nie an der Technik

Er beaufsichtigte als AKW-Direktor eine Technologie, die ganz Zivilisationen gefährden könnte. Herr Lutz, hatten Sie nie schlaflose Nächte? «In der Nacht, als Mühleberg erstmals in Betrieb genommen wurde, war mir die grosse Verantwortung bewusst», so der 80-Jährige. Er hat Tschernobyl miterlebt und er hat die Bilder aus Fukushima gesehen. Aber bei ihm hat es nie einen Zweifel an der Technik gegeben. Er glaube an die Wissenschaft und die technische Entwicklung, sagt Lutz. Für die Technik scheint er die Hand ins Feuer zu legen.

Nochmal: Aber was ist mit Tschernobyl und Fukushima? Lutz steht auf, geht zum Möbel neben dem Tisch und nimmt Tischuntersätze aus dem Schrank, die er aus Japan mitgebracht hat. Ein Bild zeigt einen Tsunami. Man habe gewusst, dass diese alle 20 bis 30 Jahre vorkämen. «In Japan haben Menschen Fehler gemacht. Es ist unter anderem ein Versagen der Sicherheitsbehörden.» Lutz weist darauf hin, dass Fukushima 2 dem Erdbeben und dem Tsunami standhielt. Er ist überzeugt, dass Japan bald wieder einen Grossteil seiner derzeit abgestellten Kernkraftwerke hochfährt. «Verglichen mit der Gesamtfläche ist ja nur ein kleiner Bereich Japans von der radioaktiven Verstrahlung betroffen.»

Bereits einmal war die Welt für eine gewisse Zeit besonders atomkritisch. In den 80er-Jahren war Lutz als neuer Direktor des AKW Kaiseraugst vorgesehen. Doch dann kam Tschernobyl. Und Lutz war seine Stelle los, Kaiseraugst kam nie. Lutz baute dann das Zwischenlager in Würenlingen.

Herr Lutz, wehren Sie sich nicht einfach dagegen, dass man Ihr Lebenswerk zerstört? «Auch deshalb kämpfe ich mit vielen Mitstreitern weiter.» Derzeit denkt er über eine Volksinitiative nach, die ein Verbot der Kernkrafttechnik verhindern soll.

Hans Rudolf Lutz ist 80 Jahre alt. Sein Ziel sei es, gesund zu bleiben, sagt der hellwache Mann, der jeden zweiten Tag Sport treibt. «Was er noch erleben wird, weiss er nicht. Aber in einem ist er sich sicher: Bald werden in der Schweiz wieder Reaktoren gebaut. Nicht mehr grosse AKW, sondern kleinere inhärentsicherere Reaktoren, dafür in grösserer Zahl – auch auf Druck der Wirtschaft hin.