Was machen wir heute?» Vierzehn erwartungsvolle Augenpaare blicken zu Roberto Schenker hoch. «Schachfussball» lautet seine Antwort und die Kinder brechen in Jubel aus. Wir befinden uns im Schulzimmer der 2. Klasse in Däniken. Seit dem Sommer 2011 unterrichtet hier Roberto Schenker – und zwar nicht irgendein Fach, sondern Schach. Als erste Schule in der Schweiz hat Däniken eine obligatorische Schachstunde anstatt einer Stunde Mathematik für die Erst- und Zweitklässler eingeführt. Initiiert wurde das Projekt von Bruno Fankhauser, CEO der Leoni Studer AG, die die Finanzierung zu zwei Drittel übernommen hat.

Schnelle Fortschritte

Roberto Schenker leitet den Unterricht meist zusammen mit dem Kollegen Markus Regez. Seine praktischen Erfahrungen als Schachlehrer hat er im Schachclub Olten gesammelt. Schulleiter Ruedi Rickenbacher nennt die motivierten, jungen Lehrer einen wahren Glücksfall. Schenker erklärt, dass die Stunden immer ähnlich aufgebaut sind. «Zuerst wird etwas kurz erklärt, dann werden einige Aufgaben im Lehrmittel gelöst und schliesslich eine kleine Partie gespielt.» Dabei wird nicht mit allen, sondern nur mit einigen Figuren gespielt, um die Gangarten zu üben. Die Kinder machen schnell Fortschritte und sind mit Eifer bei der Sache.

Schulleiter und Lehrer sind sich einig, dass die Kinder von der Schachstunde nur profitieren können. «Es ist interessant, die Klassendynamik zu beobachten. Die Kinder müssen dem Gegner mit Respekt begegnen und lernen, mit Sieg und Niederlage umzugehen», erklärt Schenker. «Man kann die Kinder dort abholen, wo sie stehen und so der Heterogenität der Klassen gerecht werden», fügt Rickenbacher an.

«Trotzdem wollen wir den Verantwortlichen und Eltern gegenüber versichern können, dass die Kinder durch die fehlende Mathematikstunde keine schulischen Defizite haben», erklärt er weiter. Daher wird das Projekt von Professor Franco Caluori, Leiter der Mathematikdidaktik am Institut Primarstufe der Pädagogischen Hochschule in Liestal, begleitet. Eine Klasse in einem Nachbardorf hat sich angeboten, die halbjährigen Tests als Vergleichsgruppe ebenfalls machen. Nach anderthalb Jahren Unterricht können nun erste Schlüsse gezogen werden.

«Die Konzentrationsfähigkeit hat sich klar verbessert»

Professor Caluori betont, dass die Umfrage aufgrund ihrer Grösse nicht repräsentativ sei und der reinen Überprüfung gelte. «Wir sind hauptsächlich der Frage nachgegangen, was einen guten Schachspieler ausmacht, also den kognitiven Fähigkeiten und der Formenerkennung», so Caluori. «Der Einbezug sozialer Aspekte hätte den Rahmen gesprengt». Bei den Zweitklässlern, die nur ein Jahr Schach hatten, habe sich gezeigt, dass es in den untersuchten Aspekten keine signifikanten Veränderungen gebe und kein mathematisches Defizit erkennbar sei. Interessant seien die Beobachtungen bei jenen Schülern, die bereits im 2. Jahr Schach haben, also bei Projektbeginn in der 1. Klasse waren. «Bei ihnen hat sich die Konzentrationsfähigkeit klar verbessert», berichtet Caluori. Über den Einfluss des Schachspiels auf die soziale Kompetenz kann er nur Vermutungen anstellen. Studien in Deutschland haben aber gezeigt, dass diese durch regelmässiges Schachspiel ebenfalls gefördert werden. Ausserdem sei das Geschick im Schachspiel unabhängig von anderen Fähigkeiten, da es sich um Domänewissen handelt, das man sich aneignen kann. Die Erwartungshaltung gegenüber dem Spiel dürfe jedoch nicht zu gross sein und Caluori kann sich keineswegs vorstellen, dass Schach landesweit als Pflichtfach eingeführt wird, wie dies in Armenien der Fall ist.

Trotzdem ist es beeindruckend, welche Sprünge die Kinder machen. Das findet auch Sophie Wey, Lehrerin der 2. Klasse: «Die Kinder sind immer gut bei der Sache und denken mit. Ich bin selbst überrascht, wie schnell sie Fortschritte machen.» Von Eltern kamen nur positive Rückmeldungen, erzählt Schulleiter Rickenbacher. Nach dem erfolgreichen Start ist er positiv gestimmt, dass das Projekt nach dem zweijährigen Versuch weitergezogen wird. «Natürlich muss ich einen Antrag stellen, doch ich bin zuversichtlich, dass er angenommen wird.»