Industriefotografie

Er schafft Einblick in alte Werkhallen - sein Name blieb im Hintergrund

Ein Kugelschieber in Bearbeitung auf einer Grossdrehbank im Werk Klus.

Ein Kugelschieber in Bearbeitung auf einer Grossdrehbank im Werk Klus.

Während fünf Jahrzehnten hat Albert Römmel aus Oensingen mit seinen Aufnahmen starke Dokumente der Eisen- und Stahlindustrie geschaffen, ohne dass sein Name in Erscheinung getreten ist. In einer Ausstellung wird dies nachgeholt.

Bei unzähligen Fotos, die in der Zeit von 1963 und 1978 und darüber hinaus in Prospekten und Büchern, aber auch bei Ausstellungen des damals grossen Unternehmens von Roll erschienen sind, steht als Quellenangabe schlicht und einfach «Foto von Roll».

Kaum jemand hat erfahren, dass sie von Albert Römmel aus Oensingen gemacht worden sind, teilweise auch in Zusammenarbeit mit seinem Fotografenteam, dessen Leiter er war.

Im Werk Choindez entstehen Druckrohre im Schleudergiessverfahren.

Im Werk Choindez entstehen Druckrohre im Schleudergiessverfahren.

Der mittlerweile 80-jährige Albert Römmel stammt aus Arosa, wo er seine Ausbildung zum Fotografen absolvierte. An diesem Wochenende wird auf Schloss Neu Bechburg ein Querschnitt aus seinem Schaffen während 50 Jahren gezeigt mit Schwerpunkt Industriefotografie.

Die Aufnahmen beeindrucken in mehrfacher Hinsicht. Einmal, weil sie grossen dokumentarischen Wert haben. Denn die meisten Werkhallen, in denen die Aufnahmen gemacht worden sind, existieren nicht mehr. Besonders eindrücklich wirken die Bilder jedoch, weil es der Fotograf verstanden hat, die Grösse der Werkstücke und Anlagen spürbar zu machen und sie mit dem arbeitenden Menschen in Verbindung zu bringen.

Sein Name blieb im Hintergrund

Warum ist sein Name nie so in Erscheinung getreten, wie das üblicherweise bei Profifotografen der Fall ist? «Weil ich angestellt war, und meine Arbeit genauso für die Firma gemacht habe wie ein Giesser oder ein Buchhalter auch», antwortet Albert Römmel. Drei bis fünf Jahre wollte er bei der damaligen von Roll AG als Industriefotograf arbeiten, als er 1963 eintrat.

Er blieb bis 1978 und als Leiter der Fotoabteilung verlieh er den Aufnahmen eine eigene Handschrift. Bis zu zehn Personen waren zeitweise in seiner Abteilung tätig. Gearbeitet wurde hauptsächlich mit Fachkameras (Sinar) mit Filmen im Format 13×18 cm (5×7 inch), später 10×13 (4×5 inch) und Mittelformat 6×6 cm. Je ein Satz Aufnahmen in SchwarzWeiss, Farbdia und –negativ waren die Regel, die Filme und Vergrösserungen wurden in den eigenen Labors in der Klus verarbeitet.

Negativ und Dia im Format 13×18

Insbesondere im Vorfeld des Jubiläums 150 Jahre Von Roll AG im Jahr 1973 gab es viel Arbeit für die Fotoabteilung, denn da wurde ein 240 Seiten starkes Buch im Format 24×34 cm herausgegeben. Römmel und seine Leute waren unterwegs für alle damaligen Departemente des Unternehmens: Stahl, Guss, Rohre, Apparate, Bahn- und Stahlbau, Förder- und Lagertechnik sowie Umwelttechnik.

Vulkanisches Schauspiel beim Abstich des Elektro-Stahlofens im Werk Gerlafingen.

Vulkanisches Schauspiel beim Abstich des Elektro-Stahlofens im Werk Gerlafingen.

Aufnahmen wurden sowohl in den Niederlassungen bzw. Produktionsstätten Gerlafingen, Klus, Olten, Bern, Choindez und Delsberg (Rondez) gemacht, aber auch an jenen Plätzen im In- und Ausland, wo die Produkte und Anlagen zum Einsatz kamen. «Das war eine Zeit, die kommt nie mehr», berichtet Römmel. «Nicht nur, weil es viele dieser Produktionsstätten und Maschinen nicht mehr gibt, sondern weil man da noch sehr selbstständig arbeiten konnte, ohne dass man auf Schritt und Tritt von einem Aufpasser begleitet wurde.»

Römmel denkt dabei etwa an Aufnahmen, die er in Kernkraftwerken oder im Kernforschungszenrum Cern in Genf gemacht hat. Auch bezüglich Sicherheit wären heute gewisse Aufnahmen nur noch mit grossem Aufwand möglich. «Bei einer Luftseilbahn zum Beispiel habe ich die Kamera mit Stativ einfach oben auf der Kabine aufgestellt und habe mich so hinauffahren lassen bis zum gewünschten Aufnahmepunkt.»

In ganz Europa unterwegs

1978 verliess Albert Römmel die Firma von Roll und machte sich in Oensingen, wo er mit seiner Familie wohnte, selbstständig. Man nahm ihn dort vorab als einen Fotografen wahr, der einen Laden hat und im Dorf und der Umgebung Anlässe oder Gebäude ablichtet. Das tat er sehr wohl auch, aber viel mehr war er in ganz Europa als Industriefotograf unterwegs. «Ich hatte für mich eine Werbemappe mit Aufnahmen vorbereitet, brauchte sie dann aber nicht», erinnert sich Römmel. «Ein Auftrag zog den anderen nach.»

Hat er nie daran gedacht, aus den vielen Aufnahmen eine Ausstellung oder ein Buch zu machen? «Nein, für mich war jeder Auftrag für sich abgeschlossen», antwortet Albert Römmel. Dass er nun doch einen Querschnitt seines Schaffens auf Schloss Neu Bechburg zeigt, brauchte mehrere Anläufe und ist Max Misteli vom Organisationskomitee Kunstmarkt zu verdanken.

Und dass noch Aufnahmen aus der Von-Roll-Zeit vorhanden sind, ist nicht selbstverständlich, denn viele sind nach der Auflösung bzw. Aufteilung des seinerzeit stolzen Unternehmens verschwunden. Oder sie sind im Fotomuseum Winterthur archiviert. Aber eben nicht unter dem Namen Albert Römmel, sondern «Foto: von Roll AG».

Ausstellung Samstag, 11 bis 18 Uhr, Sonntag, 11 bis 17 Uhr, Schloss Neu Bechburg Oensingen; zu sehen sind Werke von total 13 Fotografinnen und Fotografen (Profis und Amateure).

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