Qual und Strapazen, das ist die Bedeutung einer Tortur. Freiwillig nimmt man eine solche normalerweise nicht auf sich. Eine Ausnahme bildet der Neuendörfer Mario Müller. Der 49-Jährige startet in knapp zwei Wochen an der Tortour, dem härtesten Radrennen der Schweiz. 1000 Kilometer und 14'500 Höhenmeter warten auf ihn und seine Mitstreiter. Die ganze Rundstrecke um die Schweiz muss innert 48 Stunden zurückgelegt werden, so das Reglement des Langzeitrennens.

Mario Müller ist kein Profisportler. Er ist gelernter Sanitär-Installateur und arbeitet mittlerweile in der Branche Haustechnik im Verkauf. Nebenher gibt er seit 17 Jahren Spinning-Kurse. Aktuell zweimal pro Woche. Die Motivation, von der er für die 48-stündige Tort(o)ur ebenfalls eine grosse Portion benötigt, sei dabei das zentrale Element: «Als Indoor-Cycling-Instructor muss ich die Leute wecken und vom Sattel holen.»

Für den Single ist das Velofahren nebst dem Beruf der wichtigste Lebensinhalt. Müller liebt seine Arbeit, nimmt auch für sein anstrengendes Hobby nur ungern frei. Nach dem Feierabend zählt aber nur noch das Radfahren. «Auf dem Velo kann ich den Kopf leeren und so richtig die Sau rauslassen.»

Keine Zeit für lange Pausen

Eher gegen den inneren Schweinehund kämpft Müller ab dem 18. August. Am Donnerstagnachmittag startet in Schaffhausen die Tortour 2016. Der Auftakt ist noch gemütlich. Er besteht aus einem ein Kilometer langen Zeitfahren – der Sieger darf beim Hauptrennen zuerst starten.

In der Nacht auf Freitag, um exakt 0.30 Uhr, gehts dann richtig los. Die 1000 Kilometer rund um die Schweiz sind in 16 Etappen unterteilt, die Müller in einer bestimmten Zeit passieren muss. «Alles wird mit Trackern kontrolliert», erklärt er. «Bei jedem Posten muss ich innerhalb der vorgeschriebenen Betriebszeit unterschreiben, sonst werde ich disqualifiziert.» Insgesamt hat er 48 Stunden Zeit, um in die Munotstadt zurückzukehren.

Die Tortour startet in der IWC-Arena in Schaffhausen. Auf der insgesamt 1000 Kilometer langen Strecke gibts nach knapp 50 Kilometern einen Kontrollposten.

Die Tortour startet in der IWC-Arena in Schaffhausen. Auf der insgesamt 1000 Kilometer langen Strecke gibts nach knapp 50 Kilometern einen Kontrollposten.

Viel Zeit für Pausen bleibt unterwegs nicht. «Ich werde sicher bei jeder Timestation absitzen, etwas essen und die Trinkflaschen füllen. Wenn die Müdigkeit kommt, hilft ein 10-minütiger Powernap.» Mehr liege zeitlich nicht drin, sonst werde es eng bis zum Zielschluss.

Um das Rennen optimal einteilen zu können, kann sich Müller auf die Unterstützung seines dreiköpfigen Teams im Begleitauto verlassen. Die drei Helfer sind gleichzeitig Navigatoren, Motivatoren, Mechaniker und auch Wasserträger. «Wir nehmen sehr viel Mineralwasser mit und dazu Cola», zählt Müller auf. «Zum Essen Sandwiches, Biberli, Powergel, Bouillon gegen den Salzverlust und kalten Kaffee gegen die Müdigkeit.»

An Material schleppt die Crew ein komplettes Ersatzvelo – «falls alle Stricke reissen» – Schläuche, Mäntel usw. mit. Und ganz wichtig: Ersatzbirnen für das Auto. Dies hat Mario Müller 2011 bei seiner ersten Teilnahme im Einzel gelernt. «Ich muss in der Nacht im Lichtkegel des Begleitfahrzeugs fahren, das ist Vorschrift.» Vor fünf Jahren gingen in der Nacht im wahrsten Sinne die Lichter aus. Die Crew musste Stunden warten, bis die erste Tankstelle öffnete, und Müller verlor dadurch zu viel Zeit.

Ein halbes Jahr taube Zehen

Ein Jahr später überstand Müller die Strapazen bei seiner zweiten Teilnahme. Dass er sein Ziel, nach 48 Stunden sicher und gesund Schaffhausen zu erreichen, schaffen kann, hat er sich selbst also schon bewiesen. Trotzdem ist der Respekt vor dem Rennen gross: «Am meisten vor der Müdigkeit und den Motivationsschwierigkeiten. Die harten Momente werden auf jeden Fall kommen, die muss ich überbrücken können. Ich bin aber auf alles vorbereitet.»

Müller rechnet damit, dass die schnellsten Fahrer das Ziel nach gut 36 Stunden erreichen werden, der Grossteil des Feldes schaffe die Strecke in 42 bis 43 Stunden. «Ich wäre mit einer Zeit um 45 Stunden sehr zufrieden. Als Hobby-Gümmeler darf ich mich nicht mit den Besten messen. Im Gegensatz zu vielen anderen Startern arbeite ich hundert Prozent.» Und mit knapp 50 Jahren auf dem Buckel sei er im Radsport eh schon ein Grossvater.

Vor den Strapazen, die auf die Tortour folgen, fürchtet sich Mario Müller indes: «Der Nacken wird wegen der unbequemen Körperhaltung wohl am meisten schmerzen.» Er will am Montag nach dem Rennen wie gewohnt zur Arbeit antreten. Wenn er sich so gut erholen könne wie vor vier Jahren, sei dies kein Problem. «Nach dem Rennen 2012 fühlte ich mich wirklich sehr gut. Nur in den grossen Zehen hatte ich etwa ein halbes Jahr lang kein Gefühl mehr.» Ohne Leiden keine Tort(o)ur.