Die Aula im Kreisschulhaus war nahezu voll, das Publikum nervös. Der Wahlkampf zwischen Sandra Kolly (43, CVP) und Rolf Kissling (53, FDP) um das Gemeindepräsidium erreichte seinen Höhepunkt.

Und was machen die Kandidaten? Sie sitzen zusammen in der ersten Reihe und «smalltalken». Die Stehtische, an denen sie sich streiten sollen, werden auf ihren Wunsch hin näher zusammengeschoben. Damit war der Grundsound für dieses Rededuell eingestellt: auf Augenhöhe.

Ansprüche markiert

Ueli Wild, stellvertretender Chefredaktor des Oltner Tagblatts und Moderator an diesem Abend, begann mit der grossen Frage: «Warum möchten Sie das Gemeindepräsidium übernehmen?» Beide Kandidaten beriefen sich auf ihren Leistungsausweis, beide möchten «Verantwortung für Neuendorf» übernehmen. Rolf Kissling unterstrich die «Arbeit für das Volk», die er als langjähriger Kantonsrat, in Kommissionen und beim Präsidieren von «bis zu drei kantonalen Organisationen» gemacht habe. Bei Sandra Kolly klang das ähnlich: Sie berichtete, wie sie in der Gemeinde nach und nach mehr Pflichten übernommen hat, wie sie zur Kantonsrätin und schliesslich zur CVP-Kantonalpräsidentin wurde.

Wenn Kissling sagte, er sei nicht der Typ, der sich «auf die faule Haut» legt, meinte Kolly: «Ich werde mein Pensum in einem Treuhandbüro um 40 Prozent reduzieren. Eine Stelle ist schon ausgeschrieben.» Werde sie nicht gewählt, würde halt niemand angestellt. Erste Differenzen gab es bei der Diskussion um die geplante Begegnungszone bei der Schulanlage (Tempo 20) und um die flächendeckend geplanten Tempo-30-Zonen. Sandra Kolly gab sich überzeugt: «Tempo 30 ist ganz klar ein Anliegen der Bevölkerung.»

Die 43-Jährige betonte, dass alle wichtigen Exponenten in die Gestaltung einbezogen würden. Der zehn Jahre ältere Kissling stand diesen Plänen kritischer gegenüber: «Sicherheit ist wichtig, vor allem wenn Schüler unterwegs sind. Es muss aber mit Augenmass reguliert werden.» Ohne Verkehrsschilder funktioniere es ebenso wenig wie mit einem «Schilderwald».

Mehrfach konnte Kolly als amtierende Gemeinderätin mit ihrem Wissen punkten. Umso häufiger wurde ihr Schaffen aber kritisch hinterfragt. Rolf Kissling dagegen konnte seine Ideen unbelasteter präsentieren, allerdings fehlte ihm hie und da der vertiefte Einblick.

Was Neuendorf bewegt

Moderator Ueli Wild wollte als Nächstes wissen, was die steuerpolitischen Pläne der Duellanten sind. Rolf Kissling forderte mehr Innovation: «Wir sollten in alle Richtungen denken.» Er habe jedoch keine Illusionen, dass der Kanton Solothurn zu einem Steuerparadies wie Nidwalden oder Zug werden könne. Sandra Kolly erinnerte daran, dass Neuendorf bereits einen guten Steuersatz habe. Trotzdem: «Die Steuern will auch ich nicht erhöhen.» In Sachen Gemeindeverwaltung waren sich die Kandidaten einig: Die Organisation müsse «durchleuchtet» (Kolly) und «gründlich überprüft» (Kissling) werden.

Ein weiterer Schauplatz: der Neuendörfer Einheitsfriedhof. Seit auf diesem ein muslimisches Mädchen beerdigt worden ist und der Gemeinderat das Gesuch für einen nicht-konformen Grabstein zurückgestellt hat, sorgt der Friedhof für rote Köpfe. Rolf Kissling und Sandra Kolly vertraten auch zu diesem Politikum ähnliche Positionen.

Beide sind dafür, dass ein neutrales Grabfeld entstehen und das Friedhofreglement überarbeitet werden soll. Kissling stellte klar, dass es zuerst «einen sauberen demokratischen Beschluss» brauche. Das Grab des muslimischen Mädchens soll als Ausnahme an seinem bisherigen Platz bleiben dürfen. «Eine Exhumierung wäre verrückt», meinte Sandra Kolly.

Am Ende des Podiums waren die Bürger mit ihren Fragen dran. Zu diskutieren gab die Bauruine an der Fulenbacherstrasse. «Ein echter Schandfleck» sei das nicht fertiggebaute Mehrfamilienhaus, frotzelte ein Bürger. Er wollte wissen, warum die Baukommission «so zögerlich» agiere. Sandra Kolly, im Gemeinderat für das Bauwesen zuständig, versprach: «Wir werden nun entschlossen handeln.»

Mehrere Bürger wollten von Sandra Kolly erfahren, ob es bei einem Doppelamt als Kantonsrätin und Gemeindepräsidentin nicht zu Konflikten komme. Kolly verneinte nachdrücklich: «Im Kantonsrat hört man das Gras wachsen, bevor es die Gemeinden erreicht.» Dem pflichtete alt Kantonsrat Rolf Kissling bei.

Der Feststellung eines Votanten, wonach der Neuendörfer Dorfkern «einfach nicht schön» sei, wollten weder Sandra Kolly noch Rolf Kissling zustimmen. Kolly berichtete stolz, dass der Dorfkern zum «Inventar der Landschaften von nationaler Bedeutung» gehöre. Und Kissling sagte: «Ich habe schon viel Lob für unser Ortsbild erhalten.»

«Gelb» gegen «Schwarz»

Beiden Kandidaten gelang es, Entschlossenheit zu demonstrieren. Ihr Auftritt war konzentriert, ihre Argumente stringent. Nur eines war das Duell nicht: ein Streitgespräch. Zu oft waren Sandra Kolly und Rolf Kissling im Gleichklang. Was sie unterscheidet, sind Nuancen. Das Duell K. gegen K. ist hintergründig wohl mehr ein Duell «Gelb» gegen «Schwarz», FDP gegen CVP. Obwohl: Kissling und Kolly betonten mehrfach, im Gemeinderat keine Parteipolitik machen zu wollen. Alles eine Frage der Sympathie also? Oder gar des Geschlechts? Bis zum 22. September kann nur spekuliert werden.