Versuch

Experte sagt über Auswilderung im Thal: «Wisent und Menschen vertragen sich. Es ist Platz für beide»

In rund zwei Jahren sollen oberhalb von Welschenrohr 15 bis 20 Wisente leben, wenn es nach dem Willen des Vereins Wisent Thal geht.

In rund zwei Jahren sollen oberhalb von Welschenrohr 15 bis 20 Wisente leben, wenn es nach dem Willen des Vereins Wisent Thal geht.

Im Thal wird ein Projekt zur Auswilderung von Wisenten verfolgt. Funktioniert das? Ja, meint Bernd Fuhrmann, Bürgermeister von Bad Berleburg (D), der seit sieben Jahren Erfahrung mit einem Wisent-Projekt hat.

Der Verein Wisent Thal möchte in rund zwei Jahren im Gebiet Sollmatt oberhalb von Welschenrohr 15 bis 20 Wisente platzieren. In Anlehnung an das Projekt im deutschen Rothaargebirge sollen die Tiere nach ein bis zwei Jahren ausgewildert werden. Wie das als Vorbild genommene Projekt im deutschen Nachbarland aufgenommen wurde und welche Bedeutung es für die Region hat, erklärt Bernd Fuhrmann, Bürgermeister der Stadt Bad Berleburg und erster Vorsitzender des «Trägervereins Wisent-Welt-Wittgenstein e.V.», im Gespräch.

Herr Fuhrmann, in Bad Berleburg existiert das Wisent-Projekt seit 2010. Was bedeutet dies für die Stadt und die Region?

Bernd Fuhrmann: Das Wisent-Projekt ist ein positiver Image-Faktor für Stadt und Region. Es hat die Region bundesweit und international bekannt gemacht. Die Wisente sind zu einem positiven Marken-Botschafter geworden. Das Projekt differenziert uns im Wettbewerb der Regionen. Es hat dem Tourismus einen Aufschwung beschert, trägt zur Wertschöpfung bei und hat unter anderem zu zusätzlichen Arbeitsplätzen und touristischen Angeboten und Dienstleistungen geführt. Als weicher Standortfaktor hat es eine wichtige Bedeutung für unsere strukturschwache Region, zum Beispiel, wenn Unternehmen Fachkräfte suchen. Denn die Wisente tragen insgesamt zu einer erhöhten Attraktivität bei.

Was ist für Sie persönlich an diesem Projekt wichtig? Warum können Sie als Präsident des Trägervereins dahinter stehen?

Im Zentrum steht der Artenschutzgedanke. Wir wollen der vom Aussterben bedrohten Tierart mit der Wiederansiedlung ein Stück Heimat zurückgeben und die Artenvielfalt stärken. Und wir zeigen zugleich, dass sich diese beeindruckenden mächtigen Tiere mit Menschen vertragen und den Lebensraum teilen können. Es ist Platz für beide. Wisente in einem bewirtschafteten Wald – das funktioniert. Damit befinden wir uns auch im Einklang mit der «Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt» der deutschen Bundesregierung.

Wie wird Ihr Projekt wissenschaftlich begleitet? Stehen Sie mit anderen Aussiedlungsprojekten in Europa in Kontakt?

Bad Berleburg hat sich als internationaler Wisent-Forschungsstandort etabliert. Das Projekt wurde fünf Jahre lang von mehreren Universitäten wissenschaftlich begleitet. Aktuell wird es von einer wissenschaftlichen Koordinatorin betreut.

Es besteht ein enger Austausch mit internationalen Wisent-Experten in Ost- und Westeuropa. Aber gerade für Westeuropa hat die Wiederansiedlung der Wisente im Rothaargebirge als Referenzprojekt grosse Bedeutung. Denn dort gibt es Gruppen, die ähnliche Projekte planen und deshalb von den Erfahrungen im Rothaargebirge profitieren möchten. Für den Schutz einer vom Aussterben bedrohten Art ist eine enge internationale Zusammenarbeit unumgänglich.

Welche Kritiken und Ängste zum Projekt gab es im Vorfeld und aus welchen Kreisen stammten diese?

Jahrhundertelang gab es keinen Kontakt mehr zwischen Wisenten und Menschen. Allein durch ihre schiere Grösse wirken die Tiere erst einmal beeindruckend und auch auf einige Menschen einschüchternd. Da bestand viel Unwissen und Unsicherheit über den Charakter und das Verhalten der Tiere. Der Wisent-Verein hat deshalb von Anfang an die Öffentlichkeit einbezogen, intensiv informiert und transparent gehandelt.

Brachten Sie die Kritiken zum Verstummen?

Die anfänglichen diffusen Ängste sind praktisch alle gewichen. Eine repräsentative Meinungsumfrage in den vier Nachbarkreisen hat gezeigt: Die übergrosse Mehrheit der Menschen akzeptiert die Wisente nicht nur, sondern will sie in der Region behalten.

Welche Kritiken gibt es heute noch?

Auseinandersetzungen – auch rechtlichen Streit – gibt es mit einzelnen Waldeigentümern. Denn die Wisente schälen Baumrinden und verursachen damit wirtschaftliche Schäden. Aus einem Schadensfonds, der wesentlich vom Bundesland getragen wird, werden die Waldeigentümer jedoch entschädigt. Für diesen Schadensausgleich hat sich der Wisent-Verein von Beginn des Projektes an eingesetzt.

Es gibt auch Stimmen, die sagen, aus Tierschutzgründen sollte man das Projekt nicht starten. Was sagen Sie dazu?

Die Tiere bewegen sich auf mehreren tausend Hektar frei in einer weitgehend zusammenhängenden Landschaft. Wir sehen keine Argumente des Tierschutzes gegen das Projekt.

Ist das Vorhaben im Thal mit einem Auswilderungsgehege von 100 ha und der späteren Freilassung aus Ihrer Sicht gross genug für eine Herde von 15 bis 20 Tieren?

Wir unterstützen unsere Schweizer Kollegen mit allen Informationen und dem Wissen, das wir in den vergangenen Jahren gesammelt haben. Jedes Projekt muss auf die Gegebenheiten vor Ort Rücksicht nehmen und zu einer Region passen. Wir sind sicher, dass unsere Schweizer Wisent-Kollegen den richtigen Weg für ihr Projekt finden.

Reicht es Ihrer Erfahrung nach aus, einen Wisent-Ranger einzustellen, oder bräuchte es nicht noch weiteres Personal?

Das hängt entscheidend von den Zielen und der Dimension des Projektes ab. Im Rothaargebirge ist das Projekt kontinuierlich gewachsen. Heute gehören dazu neben dem Artenschutzprojekt auch ein Besucherareal mit mehr als 30 000 Gästen jährlich, eine Gastronomie, ein Naturerlebniszentrum mit Waldpädagogik, die enge Zusammenarbeit mit dem Tourismus und eine Wisent-Erlebnissaustellung. Dafür ist die Mitarbeit vieler Menschen notwendig.

Gibt es einen Rat, den Sie den Verantwortlichen in der Schweiz geben?

Aus unserer Erfahrung zahlen sich Offenheit und Transparenz aus, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Und man braucht einen langen Atem sowie die Fähigkeit, Rückschläge wegzustecken. Wichtig ist es aus unserer Sicht auch, Vertrauen herzustellen, Beteiligung zu ermöglichen und das Projekt gemeinsam mit den Menschen in einer Region zu etablieren.

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