Oensingen
Einen Blick in die Vergangenheit werfen: "Da kommen Erinnerungen hoch"

Dank eines Fotoprojekts von Tom Hug schwelgen Dorfeinwohner in Erinnerungen an früher. Zu jedem Bild kann er zudem eine persönliche Anekdote erzählen.

Sarah Kunz
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Ein historisches Foto im jetzigen Oensingen.

Ein historisches Foto im jetzigen Oensingen.

Tom Hug

In Erinnerungen schwelgen. Wer macht das schon nicht gerne? Zwei Personen aus Oensingen beschäftigen sich speziell intensiv mit der Vergangenheit des Dorfes: Kuno Blaser und Thomas Hug. Letzterer war massgebend an der Erstellung der Dorfchronik zur 1050-Jahr-Feier beteiligt (wir berichteten). Auf Facebook kursieren derzeit diverse Einträge der beiden Oensinger, die bei den Einwohnern Heimatgefühle wecken.

«In einem Dorf verändert sich vieles in einem Menschenleben», beginnt einer der Facebook-Einträge des pensionierten Sekundarlehrers Kuno Blaser. Die Gunst, sich nahe einem Autobahnkreuz einen Platz gesichert zu haben, ziehe die Menschen halt an wie Speck die Mäuse. Es verwundere folglich nicht, dass Oensingen in den vergangenen Jahren so ein starkes Wachstum vermelden konnte.

Mithilfe vieler persönlichen Anekdoten erzählt Blaser Geschichten von früher, wie beispielsweise sein Grossvater im Jahr 1955 im Restaurant «Zur Ecke» im Unterdorf die dortige neue Wirtin besuchte und seine Eltern sich fürchterlich darüber aufregten. Denn in ihren Augen galt «dr Egge» nicht als seriös: Am Abend sei bisweilen dort bis in die Nacht hinein der Teufel los gewesen.

Oder aber er schreibt vom hageren Giesser Otto Strasser vom Strohhaus: «Der mausearme Vater von fünf Kindern besass wenigstens ein Fahrrad, dessen Farbe ich nie ausfindig machen konnte, weil von rostfarbigem Russ überzogen.» Mit Liebe zum Detail entführt Blaser die Mitglieder der Facebook-Gruppe in das Oensingen von früher.

Fotoserie für Ausstellung

Auch Thomas Hug erinnert mit seinen Fotos an die Zeit, in der viele «Önziger» noch in den Kinderschuhen steckten. Im Rahmen der Kulturwoche Gäu 2016 machte Hug bei einer Ausstellung in der Neu-Bechburg mit. Seine Serie «Ein kleiner Blick in die Vergangenheit» umfasst 20 Bilder, 10 davon wurden damals ausgestellt.

Sie zeigt alte Fotos von früher vor dem Hintergrund von heute. Damit die Ausschnitte perfekt übereinanderliegen, brauchte es einen enormen Aufwand: «Nach rund 50-60 Bildern, jedes Mal das Stativ um 5 cm verschoben, glaubte ich, die richtige Perspektive gefunden zu haben», sagt Hug. Im Anschluss fügte Hug die Ausschnitte mit dem Fotoprogramm Photoshop zusammen.

Streitgespräch um Kronenkeller

Entstanden ist so eine Serie, die visuell über Oensingen zu berichten vermag. Zu jedem der Bilder weiss der Dorfchronist aber noch etwas zu erzählen: So zeigt eines der Bilder beispielsweise zwei von insgesamt sieben Durchlässen unter der heutigen Hauptstrasse gegenüber dem Postgebäude. «Diese Durchlässe wurden wegen des Dünnernhochwassers vor der Korrektur 1933 gebaut», schreibt Hug. «Normalerweise floss die Dünnern nur durch einen dieser Bogen.»

Oder die Erinnerung an das «Bobst-Lädeli»: Dieser kleine Laden an der Hauptstrasse war für Generationen die Anlaufstelle für den täglichen Bedarf im Haushalt. «Wir Kinder wurden schon im Alter von 6 Jahren alleine zum Einkaufen geschickt», erinnert sich Hug. «Meistens erhielten wir dann noch zehn Rappen für Süssigkeiten.»

Oder aber die Langenthal-Jura-Bahn, die mitten durch das Unterdorf fuhr. Endstation war damals das Hôtel de la Couronne, das heute so umstrittene Kronenkeller Gebäude.

Für den Erhalt genau dieses Gebäudes setzen sich die beiden Oensinger übrigens ein: Am Freitag, 1. März, um 19.30 Uhr findet dazu ein Streitgespräch zwischen Kuno Blaser und Gemeindepräsident Fabian Gloor statt. Natürlich im Kronenkeller selbst.

«Da kommen Erinnerungen hoch»

«Und wie immer unter Zeitdruck, habe ich mir zu den Bildern keine tieferen Gedanken gemacht», sagt Hug. «Doch wenn ich mir die Fotos so anschaue, kommen tausend Erinnerungen hoch.» Er sei eben ein eingefleischter «Önziger». «Ich bin sogar in diesem Dorf zur Welt gekommen», erzählt er lachend. Drei Jahre lang habe zwar in Basel gelebt, aber dann schon «D Schnauze voll gha».

Hug hat folglich beobachtet, wie sich «sein» Dorf verändert hat: «Früher hat man jeden gekannt. Heute kennt man vielleicht noch die Hälfte.» Die Menge der Einwohner habe sich drastisch verändert. Aber so sei das eben.

«Schliesslich sollte jede Gemeinde ein moderates Wachstum anstreben», ist Hug überzeugt. Doch: «Wir müssen immer an die späteren Generationen denken und nicht einfach drauflosbauen.» Und deshalb dürfe man nie vergessen, auch zurückzublicken.

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