Welschenrohr/Herbetswil
Eine unheimliche Frau wacht über der Wolfsschlucht

Zwischen Welschenrohr und Herbetswil fliesst die Dünnern kraftvoll zwischen den Felshängen durch.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Kurz vor der Wolfsschlucht fliesst die Dünnern noch urtümlich und naturbelassen durchs Thal

Kurz vor der Wolfsschlucht fliesst die Dünnern noch urtümlich und naturbelassen durchs Thal

Patrick Lüthy

Noch fliesst sie hier ungebändigt, die Dünnern, unterhalb der Lochmühle in Welschenrohr an der Wolfsschlucht vorbei. In der Nähe der Haltestelle Hammerrain, wo der Einstieg zur Wolfsschlucht liegt, füllt der kleine Wolfsbach hin und wieder das Bachbett der Dünnern auf. Der Wolfsbach führt aber nicht immer Wasser. Nur in Regenperioden und nach starken Niederschlägen. Die gut zehn Kilometer lange Wanderung vom Talboden durch die romantische Wolfsschlucht erfährt gerade in diesen Tagen eine unerwartete Renaissance. An Wochenenden stehen entlang der Strasse und auch auf nahe liegenden Waldstücken etliche Autos von Wanderern, die dieses Stück Naturpark Thal erleben wollen. Es sind so viele, dass Aufrufe gestartet wurden, doch mit dem ÖV hierhin anzureisen.

Sommerserie

Von der Quelle im hinteren Thal bis zur Mündung in die Aare: In einer Bildserie geht diese Zeitung der Dünnern nach.

Die Wolfsschlucht ist ein kantonales Naturschutzreservat. Zwischen hohen, zum Teil überhängenden Felswänden hindurch führt der Wanderweg durch enge, wildromantische Felswände hindurch. Mehrere Feuerstellen und Bänkli entlang der Route laden zum Verweilen ein. Gutes Schuhwerk und einiges an Fitness werden für die 800 Meter Aufstieg den Wanderern abverlangt. Am Ende der Wolfsschlucht öffnen sich die Juraweiden und man kann die Landschaft in unterschiedlichen Richtungen weiter zu erkunden.

Zurück in die Wolfsschlucht. Es wird berichtet, dass im Jahr 1630 hier der letzte Wolf geschossen wurde, daher wohl auch der Name. Und noch ein anderer Name wird mit dieser urtümlichen, etwas unheimlichen Landschaft in Verbindung gebracht: D’Andresle.

D’Andresle sei eine unabhängige, intelligente Frau gewesen, die nach ihrer eigenen Art lebte und sich von keinem Mann etwas vorschreiben liess, heisst es in der Sage. Das passte der patriarchalisch geprägten Gesellschaft vor mehreren hundert Jahren natürlich gar nicht. Vor allem nicht, dass d’Andresle auch mit der Kirche nichts am Hut hatte. Sie starb jung, ohne letzte Beichte und Ölung. So konnte eine christliche Frau doch keinen Seelenfrieden finden. Noch heute, so wird erzählt, soll d’Andresle in der Wolfsschlucht von Höhlen und Hängen wehklagen, sausen und brausen. Liebespaare erschrickt sie und einsame Wanderer versucht sie aus der Fassung zu bringen.

Die Dünneren quert im Bereich hinterer Hammer fast unbemerkt die Hauptstrasse und wechselt die Strassenseite. Ab Herbetswil beginnt der in den Dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts begradigte Teil.