Hommage

Eine Generation Ärzte geht und macht Platz für eine Neue

Der Kardiologe und Hausarzt Max Misteli, Oensingen, in seiner Praxis in Oensingen. Zusammen mit dem Fotografen Patrick Lüthy hat er ein Buch über die Hausärzte im Thal-Gäu und Ungebung herausgebracht.

Der Oensinger Arzt Max Misteli und Fotograf Patrick Lüthy aus Olten halten mit ihrem Buch «Die Arztpraxen Thal-Gäu und Umgebung 2019» die Arbeit der heute praktizierenden Ärzte in Text und Bild fest. Wir sprachen mit Max Misteli über die Zukunft seines Berufsstandes.

Was hat Sie motiviert, ein Buch über die Hausärzte im Gäu und Thal zu veröffentlichen?

Max Misteli: Ich wollte schon lange ein Dokument schaffen, in dem die Ärzte aus der Region mit denen ich seit 25 Jahren zusammenarbeiten darf, bei ihrer Arbeit dargestellt werden. Als Arzt, der als Bauernsohn aufgewachsen ist, habe ich vor kurzem ein Buch über die Bauern von Aedermannsdorf machen dürfen. Etwa Ähnliches über die Ärzte fehlte. Geplant war es eigentlich erst in fünf oder sechs Jahren. Da aber einige meiner Berufskollegen in nächster Zeit kürzertreten oder in Pension gehen werden, habe ich mich entschlossen dies zu realisieren.

Wieso wollten Sie die Arbeit der Ärzte überhaupt festhalten?

Mehrere Gemeinden haben zu ihren 1050-Jahr Jubiläen im vergangenen Jahr eine Chronik, oder eine Ergänzung zu einer Bestehenden erstellt. Mediziner sind darin nur eine Randnotiz. Ich meine, die Kollegen haben mehr verdient. Ein Berufsleben lang waren sie für die Bevölkerung da, sie verdienen es, irgendwo porträtiert zu werden. Hinzu kam mein 25-jähriges Praxis-Jubiläum. Ich habe meinen Beruf in diesen Jahren erfolgreich und mit viel Freude ausgeübt. Dabei hat die Zusammenarbeit mit den Berufskollegen aus der Region immer gut funktioniert. Statt ein Fest für sie zu veranstalten, mache ich etwas, das bleibt. Auch für sie ist das Buch sicher ein schönes Zeitdokument.

Wie waren die Reaktionen der Berufskollegen auf das Projekt?

Ich habe sie angerufen, ihnen von meiner Idee erzählt und gefragt, ob sie mitmachen würden. Natürlich waren sie zuerst etwas überrascht, haben aber alle schon beim ersten Anruf zugesagt. Und obwohl sie die Fotos, die im Buch erscheinen bis zur Buch-Vernissage nicht sehen können, waren alle mit dabei. Sie hatten vollstes Vertrauen in Fotograf Patrick Lüthy und mich gesetzt.

Welches waren die Vorgaben für das Buch?

Bedingung war, dass der Fotograf während der Arbeit einen halben Tag ungestört fotografieren durfte. Es sind so keine gestellten Bilder, sondern echte Dokumente entstanden. Dazu lasse ich die Ärzte zu Wort kommen. Sie erzählen ihre Praxisgeschichte und verraten persönliches. Texte über den Notfalldienst und die Meilensteine der Medizin in den letzten 30 Jahren ergänzen den Textteil.

Haben Sie dabei Ungewöhnliches von Ihren Kollegen erfahren?

Ich hatte beispielsweise nicht vorher gewusst, dass ein Arzt zuerst Theologie in Fribourg studierte, bevor er Mediziner wurde? Ein anderer Berufskollege arbeitete zuerst bei der Swissair und ist erst später Arzt geworden. Auch über die verschiedenen Hobbys habe ich vieles erfahren und habe sie ins Buch aufgenommen.

Ihre Generation Ärzte tritt nach und nach ab. Die Ärztelandschaft verändert sich damit. Was erwartet das Thal-Gäu?

Als ich mit meiner Praxis vor 25 Jahren startete, waren wir eine Generation von Ärzten im Thal-Gäu, die heute alle etwa im Alter zwischen 55 und 65 Jahre sind. Diese Generation wird in den nächsten Jahren aufhören. Andere Ärztinnen und Ärzte werden nachrücken oder sind bereits in der Region tätig; so in Matzendorf, in Balsthal und Fulenbach. Es werden teilweise andere Praxismodelle entstehen. Einzelne Praxen werden durch Gruppenpraxen ersetzt werden, andere als Einzelpraxen weiterhin erfolgreich bestehen. Es wird Änderungen geben, doch ich sehe es durchaus optimistisch. Es könnte zwar in den nächsten drei bis vier Jahren etwas eng werden, doch werden Ärztinnen und Ärzte, die heute noch Assistenten sind, in die Praxen kommen.

Sind es vorwiegend die jungen Ärzte, die Gruppenpraxen bevorzugen? Oder warum gibt es vermehrt Gruppenpraxen?

Oft sind viele Ärzte nicht bereit, eine Praxis zu übernehmen, sich damit definitiv für einen Lebensort zu entscheiden und auch ein finanzielles Risiko einzugehen. Sie bevorzugen es vorerst noch, sich in einer Gruppenpraxis anstellen zu lassen. Auch wollen manche junge Ärztinnen und Ärzte nicht Vollzeit arbeiten. Hier bieten Gruppenpraxen eine vorzügliche Möglichkeit im Team Teilzeit arbeiten zu können. Ich persönlich glaube, dass Gruppenpraxen eine gute Zukunft haben werden, aber nur, wenn sie von den Ärzten selber geführt werden. Praxisfirmen mit angestellten Ärzten können diese ergänzen, könnten aber auch eine Übergangslösung sein. Längerfristig werden Ärzte wieder ihre eigenen Praxen führen. Da bin ich sicher.

Wieso?

Eine eigene Praxis zu führen und von niemandem angestellt zu sein, ist nach wie vor das Reizvolle an der Arbeit eines Hausarztes. Es wird vielleicht so sein, dass man zu zweit eine Praxis führt, aber nicht bei einer Firma angestellt ist. Ich glaube nicht, dass Gruppenpraxen im Anstellungsverhältnis die Lösung ist. Das Schöne am Beruf des Hausarztes ist die Selbstständigkeit.

Was wünschen sich die Patienten? Gruppen- oder Einzelpraxen?

Für die Patienten spielt das meiner Meinung nach keine Rolle. Wichtig ist, dass sie ihren Ansprechpartner haben, ihren Arzt, ihre Ärztin. Dieser darf auch mal an einem Tag nicht anwesend sein und Teilzeit arbeiten.

War dies auch Ihre Motivation, eine Praxis zu gründen?

Nach meinem Studium habe ich einige Jahre als Assistent und Oberarzt im Spital gearbeitet. Für mich war aber immer klar, dass ich eine eigene Praxis und damit die Selbstständigkeit anstreben möchte. Vor 25 Jahren habe ich eine neue Praxis eröffnet und durfte praktisch vom ersten Tag an voll arbeiten und so ist es bis heute geblieben.

Sie sind seit 25 Jahren in der Branche tätig. Wie hat sich die Ärztelandschaft verändert?

Nicht primär die Ärztelandschaft, sondern die Medizin hat sich enorm verändert. In den letzten rund 30 Jahren machte die Medizin gewaltigen Fortschritte. In vielen Bereichen sind Behandlungsmöglichkeiten entstanden, die es möglich machen früher tödliche Erkrankungen erfolgreich zu behandeln oder gar zu heilen. Denken sie nur an die Behandlung des Rheumas. Neben Kortison standen noch Goldspritzen zu Verfügung, die aber die Verstümmelung von Fingern und Händen kaum verhindern konnte. Heute können diese Patienten dank Infusionen mit modernen Medikamenten ein normales, gesundes Leben führen. Oder die Behandlung des Herzinfarktes. Noch in meiner Assistentenzeit standen ausser der Überwachung auf der Intensivstation, Aspirin und Schmerzmittel kaum etwas zur Verfügung. Heute kann der Herzinfarkt mit Ballondilation und Stenimplantation so erfolgreich behandelt werden, dass die Patienten mittlerweile eine Lebenserwartung, fast wie gesunde Menschen haben.

Sind mit diesen Fortschritten auch die Ansprüche an die Ärzte gestiegen?

Der Beruf ist vielfältiger und anspruchsvoller geworden. Die Ansprüche sind sicherlich gestiegen. Heute steht eine Vielzahl von diagnostischen Möglichkeit zur Verfügung, die der Patient bei Bedarf auch zurecht erwartet. Die Anforderung, all die neuen Therapiemöglichkeiten zu kennen und sie richtig anwenden zu können hat sicherlich zugenommen.

Die Erwartungshaltung der Patienten gegenüber den Ärzten ist auch gestiegen.

Ja. Das Internet und das Fernsehen haben dazu geführt, dass viele Patienten heute besser informiert sind. Das ist einerseits eine Herausforderung für uns, andererseits eine Erleichterung. Wenn die Patienten informiert sind, kann man die Krankheiten besser mit ihnen besprechen, als mit jemandem, der nichts darüber weiss. Das schätze ich sehr. Ausserdem sind jüngere Patienten selbstbewusster. Früher heiss es noch: ‹Der Doktor war zufrieden›, auf die Frage wie es jemandem geht. Ein alter Spruch. Heute weiss jeder selbst, ob es ihm gut geht.

Ist Arzt immer noch ein Traumberuf?

Ja, nach wie vor. Aber: Es ist nur dann ein Traumberuf, wenn man bereit ist, mit Leib und Seele dabei zu sein. Unser Beruf ist anspruchsvoll, man übernimmt Verantwortung. Bei der Diagnosestellung, bei einer eingeleiteten Behandlung – generell für den Patienten. Man erlebt das Leben eins zu eins. Jeden Tag erfahren wir Lebensgeschichten und gehen einen Teil des Weges mit unseren Patienten, in guten wie in schlechten Tagen.

Was muss man tun, damit junge Ärzte in die Grundversorgung einsteigen?

Ich bin überzeugt, dass es wieder junge Hausärzte geben wird. Die Dauerstellen in den Spitälern sind heute weitgehend besetzt mit 35- bis 45-jährigen Kolleginnen und Kollegen. Die jungen Ärzte, die jetzt ihre Ausbildung abschliessen, müssen wieder vermehrt raus aus den Spitälern und die Arbeit in einer Praxis aufnehmen. Wichtig ist, dass die finanziellen Rahmenbedingungen, die sich in den letzten Jahren in den Spitälern wesentlich verbessert haben, auch in der freien Praxis gut bleiben.

Unsere Region muss also nicht um weniger Hausärzte fürchten?

Das Thal-Gäu muss sicher nicht um seine Hausärzte fürchten. Wie es in Oberbuchsiten geschieht, werden vielleicht Praxen schliessen und die Patienten zu einem Arzt in der Nachbargemeinde wechseln müssen. Die Grundversorgung aber wird sicher gewährleistet sein. Man muss aber engagiert bleiben und sich für gute Bedingungen in der freien Praxis einsetzen. Ich bin optimistisch.

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