Es gibt Orte, auf denen scheint ein Fluch zu lasten. Da geht nichts. Da geigts nicht. Da musst du ums Verrecken nichts wollen: Jede Liebesmüh ist verlorene Liebesmüh. Und dann gibt es diese anderen Orte. Sie sind auf eine besondere Weise beseelt. Begnadet gar. Und das Herz geht dir auf. Kestenholz ist ein solcher Ort.

Die Kestenholzer sagen das selbst. Nicht mit diesen Worten, aber sinngemäss. Und immer wieder betonen sie den Zusammenhalt, der bei ihnen herrsche. Das mag man als Lokalpatriotismus abtun. Aber auch die Auswärtigen, die sich eine Weile im Dorf aufhalten, spüren ihn. Den Geist, der hier wirkt. Nicht anders erging es Adelmo Fornaciari, besser bekannt als Zucchero. Italienischer Superstar, Opener und Topact des diesjährigen St. Peter at Sunset. Dabei war der 61-Jährige nur kurz da. Um halb sieben traf er ein. Mit seiner Lebenspartnerin ass er backstage zu Abend. Kurz vor neun betrat er mit der Band die Bühne. Ging ab bis kurz nach elf. Und schon war er wieder weg.

Kestenholz lernte er also nur am Rande kennen. Aber auch er sog die «spezielle Atmosphäre» auf, wie Festivalbesucher sie nannten. Der Mond stand schon beinahe voll am Himmel. Es dunkelte langsam ein. Die Nacht verfärbte sich petrolblau. Lichterketten und die erleuchtete Kapelle St. Peter erhellten die Kulisse. «This is the first time we play here – beautiful!», liess Zucchero das Publikum während des ausverkauften Konzerts wissen. Dieses jubelte dem Musiker zu. Der Stimmung auf dem Feld im 1800-Seelen-Dorf konnte sich keiner entziehen. Zucchero selbst schien voll bei der Sache zu sein. Mit einem gigantischen Herz, das ihm als Bühnenbild diente.

Liebe der einen oder anderen Art

Zucchero und Kestenholz: Da hatten sich zwei gefunden. Man hätte dem Italiener gegönnt, dass er Zeit für einen Abstecher in die Kapelle St. Peter gefunden hätte. Schlicht und erhaben stand sie neben der Bühne. «Ein Kraftort, nicht wahr?», meinte der Kestenholzer Daniel Bader im Vorbeigehen. «Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Leute bewegen», fügte er an. Er hatte bemerkt, wie die Kapelle viele Besucher unwillkürlich anzuziehen schien. Der efeuumrankte Torbogen am Eingang zur Kapelle war mit hölzernen Herzen behangen. Das Gebäude selbst mit Windlichtern und Laternen umstellt. Rattansofas und -sessel mit weissen Polstern luden in die «Sunset Lounge». Anderswo hätte die Deko kitschig gewirkt. Hier zeugte sie von viel Liebe fürs Detail.

«Die Leute fühlen sich wohl», glaubte Bader. Übrigens nicht nur jene, die von auswärts kamen. Schon als Jugendlicher sei er mit Gleichaltrigen vor der Kapelle rumgelungert. Getrunken und geraucht hätten sie. «Da hatte es noch Bänke draussen», erinnerte er sich. Und damals schon habe eine liebevolle Stimmung geherrscht. Auch der anderen Art. «Hier machten wir unsere ersten Gehversuche», sagte er kichernd. «Aber das dürfen Sie so nicht schreiben.»

Pure Freude

Die Stimmung: Die ergab sich auch, weil keiner dem anderen etwas beweisen musste. Zucchero nicht dem Publikum. Hat er doch längst erreicht, was man sich als Musiker an Erfolg wünschen kann. Viele Songs waren wohl nur seinen eingefleischten Fans bekannt. Die Hits von früher – «Il Volo», «Baila Morena» oder «Wonderful Life» – streute er lässig in seinen Auftritt ein. Und auch das Publikum hatte die jugendliche Rotzigkeit hinter sich gelassen. Diese war purer Freude gewichen. Beiderseits: Die Zuhörer liessen sich von der Musik mitreissen, warfen spontan die Hände in die Luft, wiegten sich im Groove. Und Zucchero zeigte, mit wie viel Lust er auch nach Jahrzehnten noch bei der Sache ist.

Mit dem letzten Song stellte er noch einmal unmissverständlich klar: «Diavolo in me». Der Teufel reitet ihn auf der Bühne noch immer. Eine ganze Weile liess er sich bitten, bis er mit der heiss erwarteten Zugabe rausrückte. Dramaturgisch geschickt, beschloss er das Konzert mit dem 90er-Überhit «Senza una Donna». Und dann: ein kurzes «Buona fortuna, grazie mille!» Und weg war er.
Möglich aber, dass ihm Kestenholz in Erinnerung bleibt.