Härkingen
«Ein Wachstum, das uns nicht überraschte»: Rückblick auf 20 Jahre Gemeindepolitik

Härkingens Gemeindepräsident Daniel Nützi tritt 2021 ab: Nach 20 Jahren Gemeindepolitik blickt er auf die Dorf-Entwicklung zurück.

Yann Schlegel
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War stets bemüht, zum Wohl der ganzen Gemeinde zu handeln: Daniel Nützi vor dem neuen Gemeindehaus.

War stets bemüht, zum Wohl der ganzen Gemeinde zu handeln: Daniel Nützi vor dem neuen Gemeindehaus.

Patrick Lüthy

Bis auf ein Jahr hat Daniel Nützi sein ganzes Leben in Härkingen verbracht und fast die Hälfte davon brachte er sich politisch ein. Nach zwanzig Jahren gibt der 49-Jährige im kommenden Jahr das Gemeindepräsidium nach etwas mehr als drei Legislaturen ab.

Im Mai liessen Sie Ihre politische Zukunft noch offen. Nun treten Sie aber definitiv nicht mehr an, was gab den Ausschlag?

Daniel Nützi: Ich möchte meine Prioritäten verlagern. Aber das Amt ist etwas Einmaliges, spannend, erfüllend, aber auch herausfordernd. Für mich war das Gemeindepräsidium auch eine Lebensschule. Der Entscheid fiel mir schwer. In den letzten Jahren musste die Familie zurückstehen, weil die Politik und die Mitarbeit in regionalen Gremien viel Zeit beanspruchten. Meine Kinder sind nun zwischen 5 und 17 Jahre alt und ich möchte wieder mehr Zeit für sie haben. Das will nicht heissen, dass ich mich ganz aus der Politik zurückziehe. Ich lasse noch offen, ob allenfalls im nächsten Jahr eine Kandidatur für die Kantonsratswahlen eine Option ist.

Zur Person

Neben seinen politischen Ämtern arbeitet Daniel Nützi seit 17 Jahren als Lehrer an der Kreisschule Gäu in Neuendorf, wo er heute zugleich im Teilpensum Schulleiter ist. Ursprünglich ging Nützi nach der Kanti nach Zürich, um Kulturingenieur zu studieren, und arbeitete danach einige Jahre beim Kanton. «Die Jugendarbeit war aber schon in meinen Jugendjahren – etwa durch die Jubla - immer ein Thema und liess mich nicht mehr los», sagt Nützi. Nach dem Ingenieurstudium an der ETH absolvierte er später noch an der Fachhochschule das Studium zur Sek-I-Lehrperson. «Das Ingenieurwissen kam mir als Gemeindepräsident wieder zugute», sagt er.

Nach rund 20 Jahren sprechen Sie von einer Lebensschule. Wie hat sich die Gemeinde Härkingen unter Ihrem Einfluss als Gemeindepräsident im Vergleich zu damals verändert?

Die beiden Jahrzehnte waren vom Wachstum geprägt. Die Gemeinde ist rein äusserlich stark gewachsen – infrastrukturell aber auch bezüglich Bevölkerungszahl. Wir haben das Schulhaus umgebaut, einen neuen Gemeindewerkhof erstellt, einen zusätzlichen Kindergarten erhalten, ein neues Gemeindehaus gebaut. Auf der Verwaltung hatten wir eine grosse Kontinuität, was ich als gutes Zeichen bewerte und was die Arbeit als Gemeindepräsident vereinfachte.

Das ganze Gäu stand im Zeichen des Wachstums. Zunehmend gibt es Stimmen, die diese Entwicklung kritisieren. Wie sehen Sie dies auf Ihre Gemeinde bezogen?

Es war ein Wachstum, das uns nicht überraschte. Wir hatten eine gute Planung und brauchten etwa nicht plötzlich neuen Schulraum. Als wir im Jahr 2016 unser Leitbild entwickelten, kam vermehrt der Wunsch auf, das Dorf solle nicht mehr so stark wachsen. Dies haben wir in der nach wie vor laufenden Ortsplanungsrevision berücksichtigt, und so möchten wir im Jahr 2035 rund 2000 Einwohner haben, weniger als die kantonale Prognose für Härkingen vorsieht. Ich finde es persönlich gut, wenn wir diesbezüglich einen Gang zurückschalten.

Wie steht es um die Identität des Dorfes?

Der Grundcharakter ist gleich geblieben. In Härkingen legte man immer viel Wert auf die Vereine, die für die Dorfkultur ein ungemein wichtiger Faktor sind. Kulturell haben wir mit dem Dorfwachstum etwas mehr investiert, und die zuständige Kommission organisiert jährlich einige Anlässe, die auch identitätsstiftend sind.

Sie haben kürzlich auch von der guten Vertrauensbasis in Härkingen gesprochen. Wie kommt diese zum Vorschein?

Die Akzeptanz, die der Gemeinderat hier hat, ist ausgeprägt. Mit Transparenz, Offenheit und fundierter Vorarbeit sind an den Gemeindeversammlungen immer alle Geschäfte von der Bevölkerung gutgeheissen worden. Ich denke dabei etwa an die verschiedenen Infrastrukturbauten oder die Sportplätze aus dem Jahr 1998, die wir während meiner Amtszeit totalsanieren mussten.

Geholfen hat dabei bestimmt auch die überaus gute finanzielle Lage Härkingens.

Die Gemeinde steht finanziell sicherlich auf sehr guten Beinen. Aber in guten Zeiten könnte man leichtsinnig werden, die grössten Fehler machen und den Überblick verlieren. Ich denke, das ist auch eine Stärke Härkingens. Wir waren immer sehr vorausschauend, sagten nicht, wir machen dies und jenes, einfach weil wir die Möglichkeiten dazu haben.

Oft fällt es Gemeinden schwer, Freiwillige für das Exekutivamt unseres Milizsystems zu finden. Wer kann die Lücke füllen, die Sie hinterlassen werden?

In den letzten beiden Legislaturen kamen wir gut zu Kandidaten. Die Problematik, die man von anderen Gemeinden kennt, gab es bei uns eher weniger. Ich spüre die Bereitschaft, Verantwortung wahrzunehmen. Es gibt genügend Menschen, die an der Entwicklung dieser Gemeinde interessiert sind. Das Schöne ist: In diesem Amt kannst du Entscheidungen fällen und siehst schnell ein Ergebnis.

Millionengewinn für die Gemeindekasse

Rechnung Als «hervorragend» bezeichnet die Gemeinde Härkingen ihren Jahresabschluss in einer Mitteilung. Und dies ist er in der Tat: Vor Gewinnverwendung beläuft sich der Ertragsüberschuss auf rund 1,1 Millionen Franken. Budgetiert hatte die Gemeinde einen marginalen Gewinn von 4777 Franken, wobei dabei bereits eine Einlage in die finanzpolitische Reserve von 130'000 Franken berücksichtigt war. Nun beläuft sich der Gewinn nach geplanter Einlage noch immer auf gut 968'000 Franken. Wie die Gemeinde mitteilt, führten vor allem Mehreinnahmen bei den Steuern der juristischen Personen von rund 432'000 Franken und der Infrastrukturbeitrag der Post von knapp 465'000 Franken zu diesem Ergebnis. Den Beitrag der Post erhielt Härkingen im Zusammenhang mit dem Paket- und Briefzentrum aufgrund eines Vertrages, rückwirkend für die Jahre 2014–2016. Der Gewinn wird dem Eigenkapital zugewiesen. Somit beläuft sich das Eigenkapital der Einwohnergemeinde Härkingen über sieben Millionen Franken und die finanzpolitische Reserve beläuft sich auf 910'000 Franken. Im vergangenen Jahr betrugen die Nettoinvestitionen rund 319'000 Franken.

Traditionsgemäss findet am 1. August die Bundesfeier auf dem Parkplatz der Mehrzweckhalle statt. «Ob die Feier dieses Jahr in gewohntem Rahmen oder überhaupt durchgeführt werden kann, steht noch nicht fest», schreibt die Gemeinde. Der Gemeinderat wird den Entscheid Ende Juni fällen. (otr)