Aus Thaler Sicht

Ein uralter Kulturfund aus der Klus

Im archäologischen Museum Olten sind allerlei Schätze ausgestellt.

Im archäologischen Museum Olten sind allerlei Schätze ausgestellt.

Im neuen archäologischen Museum in Olten liegt ein ganz besonderes Kleinod. Es handelt sich um eine etwa kinderfaustgrosse Knochenplatte, auf welche ein Tier eingeritzt ist, wahrscheinlich ein Steinbock. Der Fund ist die älteste künstlerische Darstellung im Kanton Solothurn und gut 15'000 Jahre alt.

Er stammt aus der äusseren Klus, aus der Rislisberghöhle. Diese liegt auf Oensinger Gemeindegebiet und diente vermutlich den Jägern und Sammlern der Altsteinzeit als Beobachtungsposten, um die durchziehenden Wildtiere zu sichten und zu jagen.

In der Tat eignet sich die Höhle hervorragend dazu, liegt sie doch etwa 20 Meter über der Dünnern an einer der engsten Stellen der Klus und man kann sich gut vorstellen, wie diese Menschen von Wind und Wetter geschützt dort Ausschau hielten. Wirft man heutzutage einen Augenschein auf den Ort, fallen einem sofort auch Dinge auf, die sich im Laufe der Zeit stark verändert haben und ich denke nicht in erster Linie an die Autokolonne, die sich tagtäglich durch die Klus wälzt. Vielmehr dämpft ein dichter Wald das Brummen des Verkehrs und versperrt zudem die Sicht auf die andere Seite der Klus. Die Vegetation war zu jener Zeit bestimmt weniger dicht und wahrscheinlich bloss von Buschwerk geprägt. Zudem scheint die Höhle sehr klein, Ablagerungen füllten sie auf.

Wie bei vielen Funden aus der Alt- und Jungsteinzeit führte ein Zufall zu deren Entdeckung. Kluser Kinder hatten die Rislisberghöhle als Spielplatz ausgewählt und brachten ihrer Lehrerin seltsam geformte Steine und Knochen mit, die sie dort gefunden hatten. Diese informierte umgehend die zuständige Behörde, worauf in den frühen 1970er-Jahren umfassende Ausgrabungen gemacht wurden, die die besagte Knochenplatte zutage förderten.

Über das dargestellte Tier weiss man wenig. Wurde es einfach so zum Zeitvertreib in den Knochen eingeritzt, war es eine Art Skizze, die dann ihre Fortsetzung in einer Malerei fand oder diente es zu kultischen Zwecken und wurde als Jagdzauber verwendet, um den erhofften Erfolg zu begünstigen?

Die weltberühmten Höhlenmalereien von Lascaux sind nochmals etwa 5000 Jahre älter als der Fund in der Rislisberghöhle. Unzählige Studien haben sie beschrieben und interpretiert und noch immer hat sich keine allgemein akzeptierte Deutung zu den Tierdarstellungen durchsetzen können. Jeder Besucher staunt allerdings über die Kunstfertigkeit und Präzision der Malereien, welche die Künstler unter schwierigsten Umständen aufgetragen haben, da die Werke zum Teil über Kopfhöhe in Felsnischen und bei sehr schwierigen Lichtverhältnissen angefertigt worden sind. In Lascaux gibt es neben den Tierzeichnungen zahlreiche Ritzungen wie auch ein mysteriöses Wesen in einem tiefen Felsschacht. Es hat einen menschlichen Körper und einen Vogelkopf. Über dieses Wesen zerbrechen sich die Wissenschafter noch mehr den Kopf als über die Tierdarstellungen und es ist anzunehmen, dass das Geheimnis nicht so bald gelüftet werden wird.

Auch bei uns gäbe es noch viel zu entdecken und hoffentlich bringt die Kantonsarchäologie noch weitere Funde ans Tageslicht, die neue Erkenntnisse über das Leben am Anfang unserer Zivilisation ergeben. Die Chancen dazu stehen nicht so schlecht, denn die Lehnfluh in Oensingen gilt als einer der ältesten Siedlungsplätze in unserem Kanton und der strategisch bedeutungsvolle Durchgang durch die Klus hat sicher auch noch nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben. Auch die Balsthaler Holzfluh ist Teil dieses uralten Kulturraums. Es muss ja nicht gerade eine Höhle wie diejenige von Lascaux entdeckt werden, aber es wäre schon reizvoll, wenn ein solch geheimnisvolles Wesen wie der Vogelmensch auch bei uns heimisch gewesen wäre und sich zum Steinbock gesellen könnte. Je nach Fundort würde es einen passenden Namen bekommen, Neandertaler ist allerdings schon vergeben.

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