Mümliswil

Ein Relikt aus früheren Zeiten: Hier ist der Fussballplatz der Star

Ein Fussballspiel auf dem abgelegenen Fellenmoos ob Mümliswil ist etwas für Fussballromantiker.

In der Glanzwelt des Fussballs sind es heute zumeist aalglatte Profis, die im Scheinwerferlicht stehen und dabei auf einem perfekten Rasen ihrem Beruf nachgehen. In den Niederungen des Regionalfussballs gibt es dagegen das ehrliche, auf überflüssige Aspekte verzichtende Spiel noch immer zu beobachten.

So etwa auch in Mümliswil, wo der Platz der Star ist: Das Fellenmoos – liebevoll Alp genannt – wirkt wie ein Relikt aus früheren Zeiten.

In einer scharfen Linkskurve führt der schmale Weg steil in die Höhe und vorerst scheinbar ins Nichts. Der Auswärtige stockt, zweifelt, ob er den rechten Weg eingeschlagen hat. Plötzlich tauchen jedoch auf der rechten Seite Scheinwerfermasten aus der Dunkelheit auf und im schummrigen Licht kann ein Feld, ja tatsächlich ein Fussballfeld, erahnt werden.

Nicht mehr als das Nötigste

Ähnlich abenteuerlich wie die Anfahrt ist dann auch der Fussballplatz Fellenmoos. Er liegt versteckt auf einem Zwischenplateau an einem der zahlreichen zerklüfteten Jurahänge, eingepfercht zwischen zwei Waldstücken – eine höchst idyllische Angelegenheit. Wer den Platz schlicht als Unterlage für das Spiel mit dem runden Leder unter die Lupe nimmt, der mag wohl die Nase rümpfen.

Denn die Grösse des Rasenvierecks genügt gerade den Mindestanforderungen. Während die Breite durchaus den gängigen Massen entspricht, ist die Länge mit knapp neunzig Metern gegenüber den Standardwerten von
105 Einheiten sehr gering.

Dazu kommt – nicht untypisch für regionale Plätze – das holprige Geläuf und der tiefe Boden. Von einer Ebene zu sprechen ist ebenso schmeichelhaft, fällt der Platz doch zur Seite ab und steht auch das eine Tor recht schief in der Landschaft. Die Anlage bietet nicht mehr als das Nötigste: Neben dem Rasenplatz gibt es zwei kleine Ersatzbänke und der «Schopf», wo diverse Utensilien gelagert werden und zwei Mitarbeiter vom Klubrestaurant Speis und Trank für den kleinen Appetit feilbieten. Damit hat es sich.

«Klar, wir wissen um den Ruf der Alp. Die Städter nennen sie einen ‹Buureplatz›, für uns aber ist es so was wie die ureigene Heimat. Wir kommen gerne hier hoch», erzählt Andi Frei, der an diesem Abend als Trainer der dritten Mannschaft des FC Mümliswil auf dem Fellenmoos engagiert ist. Wegen der fällig gewordenen Renovation des Rasens der moderneren Anlage im Brühl, müssen die Mümliswiler auf die Alp ausweichen, welche während vieler Jahre die erste Heimat des FCM bildete.

Früher hätten sich die Mannschaften noch im Restaurant Limmernschlucht, das in der Zwischenzeit Geschichte ist, umgezogen, weiss Frei zu berichten. Nachdem das Fellenmoos ebenfalls einer Auffrischung unterzogen worden war, sei es in einem akzeptablen Zustand, befindet Frei. Im letzten Spiel vor der Winterpause treffen seine Mannen in der Viertliga auf das «Zwöi» von Härkingen. «In der letzten Saison war die Alp unser Sieggarant. Hier haben wir alle Heimspiele gewonnen.» Nun aber haben die Guldentaler als Aufsteiger hartes Brot zu essen und befinden sich im Abstiegskampf.

Perskindolgeschwängerte Luft

Szenenwechsel: Eine Stunde davor bereiten sich die Akteure in den Garderoben des Brühls auf die Begegnung vor. Trikots werden rumgereicht, Ausrüstungsgegenstände vorbereitet, in der einen Garderobe dröhnt der Bass aus der Musikanlage, in der selbst deklarierten Ü30-Garderobe ist hingegen eher ein lockerer Schwatz angesagt. Der stechende Geruch von Perskindol, dem Allerweltsmittel, um Wehwehchen zu bekämpfen und den Körper auf Betriebstemperatur zu bringen, liegt in der Luft.

Zumindest die Einheimischen wissen, was es auf der Alp braucht und montieren die längeren Metallstollen an die Schuhe. Schliesslich eine kurze Ansprache von Trainer Frei, bevor es nicht etwa auf den Rasen, sondern viel mehr in die Privatautos, um den knapp fünfminütigen Weg quer durch das Dorf unter die Räder zu nehmen. Die Gäste sind in freudiger Erwartung über das anstehende Gastspiel auf der Alp. «Ist es tatsächlich so schlimm, wie alle sagen?», hört man jene fragen, welche das erste Mal da sind.

Licht kämpft gegen den Nebel

Andi Frei würde da bestimmt mit einem Nein antworten. Auch wenn der Fussballplatz Brühl mehr Komfort biete, so komme er immer wieder gerne auf die Alp, meint Frei. Am Fusse des Hanges aufgewachsen, sei er schon als Fünfjähriger regelmässig auf dem Rasen gestanden. «Besonders an Sommerabenden bietet das Fellenmoos mit dem Blick gen Jurapanorama und Sonnenuntergang eine unvergleichliche Atmosphäre», kommt er ins Schwärmen.

An diesem Spätherbstabend aber ist der Platz in tiefe Dunkelheit getaucht und das Flutlicht vermag seinen Schein nur halbbatzig durch den aufziehenden Nebel zu richten. Frei ist angespannt, für seine Mannschaft wäre ein Sieg wichtig, um sich hinten raus etwas Luft zu verschaffen. Nach wenigen Minuten gehen die Gastgeber mit dem ersten verheissungsvollen Angriff in Führung.

Doch schon bald darauf fährt Frei aus der Haut, als der Unparteiische, seiner Meinung nach, nicht auf der Höhe des Geschehens ist und bei einem Gegentor eine Abseitsstellung übersieht.

Auch wenn es hier keine grosse Fussballkunst zu bestaunen gibt und die beissende Kälte zunehmend um sich greift, die Füsse längst feucht sind, so wird einem warm ums Herz. Es ist die schlichte Schönheit und die ehrliche Arbeit in den regionalen Niederungen, die den Mythos dieses Spiels, bei dem 22 Akteure einem Leder hinterherjagen, noch immer ausmacht.

Am Ende konnten die speziellen Begebenheiten auf der Alp die grössere spielerische Klasse der Gäste nicht kompensieren. Mit 3:4 haben die Mümliswiler das Nachsehen. Im kommenden Frühling soll es auf dem Brühl weitergehen. Dannzumal zwar mit mehr Komfort, aber ohne das kleine Stück Originalität oben auf der Alp.

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