Teigwaren, Reis, Gemüse, Suppe. Damit kenne ich mich aus. Denn das befindet sich normalerweise in mir. Täglich werde ich zum Kochen hervorgenommen, abgespült und wieder im Schrank verstaut.

Nur manchmal, wenn das Risotto vergessen geht und anhockt, werde ich mit Wasser gefüllt, um das Angebratene einzuweichen. Dann bleibe ich auf der Spüle stehen und kann das Treiben im Haus beobachten. Bisher waren das immer meine spannendsten Tage.

Heute Morgen aber ist das anders. Bereits seit gestern Abend stehe ich auf dem Küchentisch bereit, neben mir ein Löffel. Wir sind beide aufgeregt und etwas nervös. Schliesslich wollen wir den Erwartungen gerecht werden, möglichst viel Krach veranstalten und die Egerkinger aus ihren Betten scheuchen. Denn heute Morgen dürfen wir mit an die Chesslete, um die Fasnacht einzuläuten und den Winter zu vertreiben.

«Ich habe kaum geschlafen»

Kurz vor fünf Uhr morgens ist es so weit. Meine Trägerin hat sich ein weisses Gewand übergeworfen und gähnt ausgiebig. Dann werde ich ihr in die behandschuhten Hände gedrückt und aus dem Haus geschickt. Auf dem Kornhausplatz haben sich schon viele andere Kinder und zahlreiche Erwachsene eingefunden.

Ich bin zwar schlecht im Schätzen, aber es sind bestimmt 400 Leute. Natürlich ist auch Chräiemueter Brige I. anwesend. Dem diesjährigen Motto «Flower Power» getreu als Hippie verkleidet, führt sie die Schar an.

Meine Trägerin hat ein paar Freunde gefunden und unterhält sich mit ihnen. «Ich bin seit zwei Stunden wach, weil ich so aufgeregt war», erzählt eines der Mädchen. «Ich habe auch kaum geschlafen», meint ein Junge. Dann gähnt auch er herzhaft.

Kurz darauf verstummen die Gespräche, alle Köpfe drehen sich, der Böller steigt mit einem Zischen in den schwarzen Nachthimmel und explodiert mit einem lauten Knall. Eine Sekunde später schwillt der Lärm an und es geht los.

Rätschen, trommeln und tröten

Bong. Aua! Mit dem Löffel schlägt meine Trägerin rhythmisch gegen meinen Boden. Bong. Aua! Na, das wird mir aber ein langer Morgen. Die Schläge sind nämlich ziemlich schmerzhaft. Trotzdem bin ich stolz auf meine Aufgabe, als wir krachend und lärmend durch die Quartierstrassen ziehen.

Vereinzelt schauen einige Egerkinger verschlafen und im Pyjama aus ihren Fenstern. Andere stehen im Türrahmen und winken der lauten Schar fröhlich zu. Bong. Aua! Neben mir geht ein Bub mit einer Rätsche, dort sehe ich ein Mädchen mit einer Schelle, vor mir trommeln zwei Jungen auf ein leeres Ölfass ein und hinter mir bläst ein Herr in eine Tröte. Bong. Aua!

«Name ist scherzhaft gemeint»

Bei dem ganzen Lärm, den wir veranstalten, kann ich kaum ein Gespräch mitanhören. Vor allem am Anfang ist der Radau ohrenbetäubend. Bong. Aua! Je länger wir aber durch die Strassen ziehen, desto eher nimmt der Lärmpegel ab und ich schnappe vereinzelte Gesprächsfetzen auf.

«Du, was hältst du eigentlich von dieser Negerchinger-Diskussion?», fragt ein Mann hinter mir sein Kollege. «Ach, das wird doch alles aufgebauscht», antwortet der andere. Laut Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi sei der Ursprung des Wortes politisch und nicht rassistisch: Bekanntlich werden im Kanton Solothurn die CVP-Parteigänger auch jetzt noch als «Schwarze» bezeichnet. «Und jeder hier weiss, dass der Name scherzhaft gemeint ist», meint einer. Bong. Aua!

Mein Topfboden fühlt sich schon ganz wund an. Nach rund einer Stunde bin ich nicht unglücklich darüber, auf einen Tisch im Comfort Hotel Egerkingen gestellt zu werden, während sich meine Trägerin ihre Mehlsuppe holt. Etwas mitleidig betrachte ich den Topf voll Suppe. Ich habe heute bestimmt einen spannenderen Start in den Tag gehabt. Wenn er auch ein wenig schmerzhaft war.