Oberbuchsiten
Ein Heimweg auf Umwegen – Plädoyer gegen Geradliniges

Rhaban Straumann und Roman Wyss boten literarische und musikalische Satire im Rahmen von «Ges(t)ammelte Werke». Erklärtes Ziel des Duos war, das Publikum zu überfordern und es auf eine musikalische und sprachliche Reise mitzunehmen.

Urs Amacher
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Während Roman Wyss das Publikum in die Welt der Klänge entführt, unternimmt Rhaban Straumann mit diesem eine Wortreise.

Während Roman Wyss das Publikum in die Welt der Klänge entführt, unternimmt Rhaban Straumann mit diesem eine Wortreise.

Urs Amacher

Das Duo Roman Wyss und Rhaban Straumann präsentierte im Gäuer Forum Schälismühle die neueste Ausgabe seiner musikalisch unterlegten Lesung. Die inzwischen dritte Edition von «Ges(t)ammelte Werke» läuft unter dem Untertitel «Das Leben ist ein Heimweg». Hier erinnert man sich sofort auch an den verhüllenden Ausdruck «Heimgang» für den Tod. Damit wäre das Leben nichts als ein langes Sterben.

Falls das Publikum sich hier aber auf dem Holzweg befindet, ist das wohl von Straumann mit seinem doppelbödigen schwarzen Humor nicht unbeabsichtigt. «Es ist unsere Absicht, Sie zu überfordern», erklärte er augenzwinkernd gleich zu Beginn der Vorstellung.

Die Parabel vom vergessenen Weg

Die Titelgeschichte trägt Rhaban Straumann ganz am Ende seines wortgewaltigen Programms vor. Er erzählt eine selbst erlebte Episode aus seiner Kindheit in Trimbach. Am ersten Schultag begleitete ihn sein Vater noch bis zum Schulhaus. Nach Ende der Unterrichtsstunden merkt jedoch der Erstklässler, dass er den Weg nach Hause vergessen hat. Der Heimweg wird zum Umweg. Doch auf dem Irrweg findet der ABC-Schütze viel Ungesuchtes und Überraschendes. Er entdeckt neue Strassen und beispielsweise auch den kleinen Laden mit den Leckerbissen, dessen Namen und Geschmack Rhaban nie vergessen wird. Die einfache Geschichte wird zum tiefsinnigen Plädoyer gegen das Geradlinige und für ein Leben nicht ziellos, aber auf Umwegen.

Roter Faden in «Ges(t)ammelte Werke» ist der Lebenslauf der Hanna. «Geburt im TGV» lautete die Schlagzeile, welche Rhaban Straumann auffiel und die er weiterspinnt: Die Mutter reist im Hochgeschwindigkeitszug und – welch Wunder – das Kind kommt zu schnell. Das Neugeborene zählt von Geburt an zu den Fahrenden, denen die Ausweisung droht.

Zwischen Fiktion und Wahrheit

So geht das weiter. Der Oltner Schauspieler fischt sich irre Schlagzeilen aus dem Nachrichtenfluss und baut sie zu unglaublichen eigenen Geschichten aus. Seine Zeitungsenten kommen aber nicht im Gänsemarsch. Straumann reiht die Schlagzeilengeschichten kunstvoll aneinander, allerdings verlaufen sie bei ihm nicht linear. Immer wieder schafft er einen überraschenden Dreh; er greift frühere Anekdoten auf und baut die Geschichtenfetzen verquer wieder ein.

Vom Stau am Gotthard als unfreiwilliger Kurzurlaub im Urnerland findet Straumann den Weg zur Typologie des Hupens. In den USA warnt die Hupe «Watch my car!» (pass doch auf!), der Italiener signalisiert: «Hallo, ich komme» und der Schweizer hornt: «Fahr doch endlich, Blödmann». Und immer wieder verfolgt das Programm als andern roten Faden das Thema der Reise, so wie das ganze Programm eine Reise zwischen Fiktion und Wahrheit ist.

Roman Wyss ist das Alter Ego des Wortmenschen Straumann. Wyss begleitet den Redner auf dem Keyboard, untermalt seine Geschichten mit passenden musikalischen Improvisationen. Bisweilen erhält Roman Wyss, «der mit den Fingern tanzt», in solistischen Zwischenspielen Gelegenheit, seine Künste zu zeigen. So wird Rhaban Straumanns Wortreise auch zu einem Ausflug in die Welt der Rhythmen und Melodien.