Oensingen
Ein (Ehe-)Leben für die Kunst

Die in Oensingen wohnenden Walter (90) und Doja Blapp (82) sind kreativ tätig – bis heute. «Wir haben uns über all die Jahre gegenseitig angespornt und inspiriert», sagen die beiden.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Doja und Walter Blapp haben ihre grosse Kreativität all die Jahre über erhalten können.

Doja und Walter Blapp haben ihre grosse Kreativität all die Jahre über erhalten können.

Fränzi Zwahlen-Saner

Im Haus des Ehepaars Blapp in Oensingen gestalten grossformatige, farbintensive, abstrakte Bilder die Wände, grosse und kleine Keramiken und allerhand Sammlungsgegenstände zieren die Räume. Den Kaffee gibt es in formschönem Keramik-Geschirr, und man sitzt in lieb gewordenen Möbeln. Walter Blapp wurde vor kurzem 90 Jahre alt, seine Frau Doja ist acht Jahre jünger, und beide sind als Ehepaar ein eingeschworenes Team. Beginnt eines zu erzählen, fährt der andere weiter; jeder kennt die Gedanken des andern. Sie sind vital und gesund, und sie haben sich ihre grosse Kreativität all die Jahre über erhalten können – und darauf sind sie stolz.

Walter Blapp erzählt: «Ich bin in Diegten aufgewachsen. Ein Onkel von mir war Holzschnitt- und Mosaikkünstler, und dieser öffnete mir die Augen für die Kunst.» Als junger Mann malte Blapp, was ihn umgab. Seine Heimat, die Landschaft, den Wald, die Kirschbäume, die Jahreszeiten. «Schliesslich konnte ich beim bekannten Grafiker Hermann Eidenbenz in Basel eine Grafikerlehre absolvieren. Hier habe ich gelernt, ganz exakt zu arbeiten», erinnert sich Blapp. «Wochenlang feilte ich an den Buchstaben eines neuen Schrifttyps für die Schriftgiesserei Münchenstein», erinnert sich Blapp. Nach der Rekrutenschule wechselte er in das Grafikatelier von Rolf Rappaz in Basel.

1948 machte sich Blapp mit einem Grafikatelier in Diegten selbstständig. Er arbeitete für diverse Firmen im Baselbiet und schliesslich gehörte auch die von-Roll-Werbeabteilung in Gerlafingen/Balsthal zu seinen Kunden. 1952 wurde er dort als Grafiker angestellt. 1953 heiratete er seine Freundin Doja Probst aus Buus. Die beiden zogen nach Oensingen und bauten 1960 an der Bechburgstrasse ihr Heim. Noch heute wohnen sie dort. «In den ersten zehn Jahren lief es gut im Werbebüro von Roll», erzählt Blapp. Da er eine Gruppe leitete, kam er selbst nur noch selten dazu, kreativ tätig zu sein. Das vermisste er. 1964 nahm er seine künstlerische Arbeit in der Freizeit wieder auf. Das Arbeitsklima in der von Roll verschlechterte sich zusehends. Blapp wollte den Arbeitsort wechseln, was nicht so einfach war, denn mittlerweile waren drei Töchter grosszuziehen. «Die Familie und das Haus erschwerten den Weggang in eine andere Region», sagt das Ehepaar.

In Walter Blapps künstlerischer Arbeit jener Jahre ist diese schwierige Zeit erkennbar. Rote, gelbe, orange, beunruhigende Flächen dominieren auf seinen konstruktiven Arbeiten. Kühle, distanzierte Farben sind weniger oft anzutreffen. Diese Bilder beweisen, von welch innerer Unruhe der Künstler damals erfasst war. Doja Blapp erinnert sich: «Zum Glück konnte sich mein Mann künstlerisch ausdrücken. Ich hätte sonst Angst um ihn haben müssen.»

1968 wagte Blapp erneut den Sprung in die Selbstständigkeit. Die Buchgestaltung eines immer wiederkehrenden Jahrbuches sicherte der Familie das Überleben jeweils für ein halbes Jahr. Die zweite Jahreshälfte widmete sich Blapp der Malerei. Der Künstler konnte seine Bilder – eher grossformatige abstrakte, sensible Farbenspiele in ausgeklügelten Kompositionen – in verschiedenen Galerien im In- und Ausland ausstellen. Verkaufen konnte er nur wenig. Er sagt dazu: «Ich arbeite eben sehr lange an einem Bild. Da werden die Arbeiten entsprechend teuer.»

Der Künstler hatte aber noch etwas ganz anderes im Sinn. Kinetische Kunst war damals das grosse Schlagwort – Kunst, die sich bewegen lässt. «Anfang der Siebzigerjahre entwickelte ich meine ‹Selbstbilde-Bilder›», berichtet Walter Blapp. Er beschreibt, wie er Tragelemente aus Plexiglas in Würfelform schuf, in denen sich unterschiedlich farbige Dreieck-Flächen befinden. Diese Flächen lassen sich bewegen und damit immer wieder neu anordnen. Es entstehen spielerisch immer neue farbige Muster in unendlichen Variationsmöglichkeiten. Diese beweglichen Kunst-Spielzeuge konnte Blapp an der «Art Basel ’72» im Programm einer Galerie vorstellen. «Walter Blapp hat mit seinen Selbstbilde-Bildern eine neue Möglichkeit der didaktischen Beschäftigungstherapie gefunden, die hohes kreatives Vergnügen bereitet», attestierte ihm der bekannte Kunstkritiker Hans Neuburg. Die Selbstbilde-Bilder stiessen auf grosses Interesse, aber fanden wegen des unbekannten Namens keine Käufer. Darüber frustriert verstaute Blapp das ganze Material im Keller.

«Da meldete sich bei uns eine Journalistin, die mehr über die Selbstbilde-Bilder wissen wollte», erinnert sich Doja Blapp. «Sie besuchte uns und entdeckte die Geschirr-Sets im Puppenstuben-Format, die ich hergestellt hatte. Sie war derart davon begeistert, dass sie auch darüber eine Reportage in einer Frauenzeitschrift veröffentlichte.» Das wurde zum grossen Erfolg von Doja Blapp. Ihr ursprüngliches Hobby, Miniatur-Keramiken herzustellen, entwickelte sich zu einem Geschäft und Broterwerb für die Familie. 1979 entschloss sich Walter Blapp, die Mitarbeit beim Jahrbuch zu beenden, sich ganz der Malerei zu widmen und daneben bei der Keramikherstellung mitzuhelfen. Das Ehepaar zeigte schliesslich die Keramik an der Neuheiten-Messe Ornaris in Bern und konnte so einen immer exquisiteren Kundenkreis erschliessen. «Der zweite Besuch an der Ornaris war ein voller Erfolg», freut sich Doja Blapp noch heute. «Heimatwerk, grössere Geschenkboutiquen in Touristenregionen, auch in Deutschland, wollten meine Objekte haben.»

Auch Walter Blapp setzte sich immer öfter mit Keramikkunst auseinander. Unter seinen Händen entstanden wunderschöne kunstvoll gestaltete Schalen oder Tierobjekte. Ein Ergebnis seiner Beschäftigung mit Keramik waren auch seine Studien zur Kugel. Weisse Keramikkugeln mit besonderem, verblüffendem Innenleben schuf er.

Im Lauf der vergangenen Jahre wandte sich Blapp dann wieder vermehrt der Malerei zu. «Ich habe durch Farben und Formen viele Erkenntnisse gewonnen», sagt er heute zufrieden. Mit 71 Jahren, also vor 11 Jahren, hat Doja Blapp aufgehört mit der Produktion ihrer Keramik-Figuren. «Es wurde Zeit», sagt sie darüber. Dennoch ist die Kreativität des Ehepaars Blapp nicht versiegt. Walter Blapp berichtet: «Das System mit den Selbstbilde-Bildern habe ich kürzlich, nach 26 Jahren Unterbruch, auf Anregung einer meiner Töchter wieder hervorgeholt und verbessert.» Die Objekte sind jetzt noch ausgeklügelter und faszinierender, freut er sich, da auch technisch heute mehr möglich sei als noch vor Jahren. Heute, nach vielem Auf und Ab, sagen beide: «Wir haben uns über all die Jahre gegenseitig angespornt und inspiriert. Jedes freute sich am Erfolg des andern. Was kann man mehr als Künstler-Ehepaar erreichen?»

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