Aarefischer
Ein Denkmal für die Kultur der Aarefischer

Seit dem Ende der Verpachtung von Fischenzen im Jahr 2008 nimmt die Verbundenheit der Fischer mit «ihrem» Flussabschnitt ab. Damit geht auch das Wissen über die Namen der Fischerplätze verloren.

Christian von Arx
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Beat Lanz im Bereich des Zyssetlochs in der Wöschnau, wo die starke Erosion den früheren Uferweg (links) vollständig abgetragen hat; Bäume, die einst rund 10 Meter vom Ufer entfernt waren, stehen heute direkt an der Aare.

Beat Lanz im Bereich des Zyssetlochs in der Wöschnau, wo die starke Erosion den früheren Uferweg (links) vollständig abgetragen hat; Bäume, die einst rund 10 Meter vom Ufer entfernt waren, stehen heute direkt an der Aare.

Christian von Arx

Namen, die keiner mehr nennt, heisst ein Buch der 2002 verstorbenen Publizistin Marion Gräfin Dönhoff. Damit sind die altertümlich klingenden deutschen Namen in Ostpreussen gemeint, das nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen und Russland fiel. Bald könnte der Buchtitel auch für die Namen der Fischerplätze an der Aare zwischen Olten und Aarau gelten.

Ähnlich wie die Bauern auf ihren Feldern und Matten, die Förster und die Jäger im Wald, haben auch die Fischer an der Aare genaue Namen für die wichtigen Orte an ihrem Fluss. Allerdings könnten die meisten nur diejenigen Plätze nennen, an denen sie selbst fischen. Und auch dieses Wissen geht heute verloren, weil seit dem neuen solothurnischen Fischereigesetz von 2008 die Fischer-Vereine an der Aare nicht mehr für ihre während Jahrzehnten gepachteten Fischenzen verantwortlich sind.

Vom Vater gelernt

Der seit kurzem pensionierte Maschinenkonstrukteur Beat Lanz, Jahrgang 1947, ist in Schönenwerd geboren und hat, mit Ausnahme eines anderthalbjährigen, beruflichen Kanada-Aufenthalts in jungen Jahren, immer im aarenahen Schönenwerder Dorfteil Feld gelebt. Er hat das Fischen an der Aare als Bub von seinem Vater Max Lanz (1915-1998) gelernt. Von ihm hat Beat Lanz auch die Namen der Fischerplätze von der Gösger Brücke bis in die Wöschnau gehört und übernommen. Sein Grossvater Johann Lanz war 1916 sogar Gründungsmitglied des Fischer-Vereins Schönenwerd und Umgebung, starb jedoch schon 1918 an der Spanischen Grippe.

Als vereidigter Fischereiaufseher im Auftrag des Amts für Jagd und Fischerei gehörte es zu den Aufgaben von Max Lanz, Kontrollen in der Fischenz des Fischer-Vereins zu machen. Die verschiedenen Plätze an der Aare zuverlässig benennen zu können, war für ihn ein Arbeitsmittel. Es war auch notwendig, um sich mit den Verantwortlichen des Fischer-Vereins bei Anordnungen oder allfälligen Beanstandungen verständigen zu können. Darum sind die Kenntnisse der Namen, die Beat Lanz von seinem Vater lernte, wohl die besten, die es gibt.

Orte sind getauft

Die Namen der Plätze flussaufwärts der Brücke Schönenwerd-Niedergösgen, bis an die obere Grenze der Fischenz bei Dulliken und Winznau, hat Beat Lanz dagegen erst später, in seiner Zeit als Vorstandsmitglied des Fischer-Vereins von 1973 bis 1987, von den mehr in diesem Abschnitt beheimateten Kollegen gelernt. Die Namen mit «Loch», «Louf» oder «Woog» bezeichnen Stellen im Fluss, die andern meist Plätze am Ufer. Einige sind sicher erst nach Gründung des Fischer-Vereins 1916 entstanden, andere wurden schon vorher gebraucht.

Orte werden «getauft», damit eine Gemeinschaft von Menschen sich über die Lage dieser Orte verständigen kann. In unserem Fall sind diese Gemeinschaft die Fischer (und zum Teil die Pontoniere) an der Aare, speziell die Mitglieder des Fischer-Vereins Schönenwerd und Umgebung. Dieser Verein hatte während Jahrzehnten die Fischenz an der Aare im Niederamt vom Staat gepachtet, gehegt und gepflegt. Viele Vorstandsmitglieder und freiwillig Engagierte lebten über Jahrzehnte mit der Aare in «ihrer» Fischenz und kannten sie wie ihre Westentasche.

Mit der Aufgabe des Pachtsystems verloren die Fischervereine an Aare und Emme diese Aufgabe. Es zeichnet sich ab, dass ihre über 100 Jahre gewachsene Kultur zerfällt – und mit ihr das Wissen um die Namen der Fischerplätze.

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