Peter Binz
Ein Bericht, nur für die reifere Jugend

Im dritten Teil seiner selbst verfassten Lebensgeschichte beschreibt der Welschenrohrer Peter Binz sein «Unglück» und weiss auch ganz genau, wer daran schuld ist.

Fränzi Zwahlen-Saner
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So einsam wie der Wanderer in Caspar Wolfs «Bärenhöhle» von Welschenrohr fühlte sich Peter Binz zeitlebens.

So einsam wie der Wanderer in Caspar Wolfs «Bärenhöhle» von Welschenrohr fühlte sich Peter Binz zeitlebens.

Zur Verfügung gestellt

Bevor Peter Binz mit dem dritten Teil seiner Lebensgeschichte beginnt, warnt er seine Leser: «Ich kann mich nicht ganz an die Wahrheit halten, denn ich kann mich, wie die Familie, nicht an den Pranger stellen.» Auch sei dieser Teil nur für die reifere Jugend, vorgerücktes Alter geschrieben, da seine Erlebnisse in der Ehe solcherart waren, dass er sie nicht naturgetreu geben könne, sich gar seine Feder sträuben würde, seine Worte aufzuschreiben.

Er berichtet: 1869 heiratete Binz eine Anna Roth aus Mümliswil, sieben Jahre älter als er und bereits Mutter von zwei unehelichen Kindern. Diese Kinder kamen in einem sogenannten Hebammenhaus in Mulhouse zur Welt. «Ob tot oder lebendig, und was mit ihnen geschehen ist, das wissen nur die Götter», schreibt Binz. Kennen gelernt hatte er Anna Roth während seiner Arbeit als Geschirrhausierer, nach seiner Wanderschaft, als er zusammen mit seiner Mutter eine Wohnung in Welschenrohr bei der Familie von Anna Roth bezog. Schon bald war die Frau schwanger. «Sitzen lassen wollte ich sie nun nicht, hätte es aber tun sollen», schreibt er, denn er sei von unterschiedlichen Leuten im Dorf vor dieser Frau gewarnt worden. Die Frau habe das Laster des «Umgangs mit andern neben mir», sei ihm gesagt worden. Schon im zweiten Jahr der Ehe wurde Anna Binz-Roth, als sie auf dem Weissenstein als Wäscherin arbeitete, wegen Hurerei und Konkubinat mit einem Knecht entlassen. Aus Enttäuschung «lief ich fort», schreibt Peter Binz. «Sie liess mir keine Ruhe, bis ich wieder heimkam. Doch gut ging es nun nicht mehr», bilanziert er. «Wäre ich nur ins Wasser oder dem Teufel zu, statt wieder zu dieser Elenden zurück». Die Klage geht weiter: «Meine 1500 Franken verdientes Geld ging kaputt. Bei dieser Ehebrecherin, Zankeisen war Frieden unmöglich.» Und noch schlimmer: «Die einzigen Klebläuse in meinem Leben las ich von ihr auf, im Herbst 1877, nebst mich musste ich auch sie davon reinigen.»

Peter Binz: Unhold, Spinner oder Opfer seiner Lebensbedingungen?

Peter Binz wurde als uneheliches Kind am 30. Juni 1846 in Welschenrohr geboren. Solche Kinder mussten schon früh ihren Teil zum Familieneinkommen beitragen. Sei es als Viehhirte, durch Arbeiten bei einem Bauern als sogenannter «Bueb», durch Betteln oder – was in Welschenrohr sehr verbreitet war – durch den Verkauf von Erdbeeren in Solothurn. Die Welschenrohrer wurden damals in Solothurn auch «Är-beeri-Buebe» genannt. Die Mutter von Peter Binz stammte aus einer eher wohlhabenden Sennenfamilie. Diese bewirtschaftete im 18. Jahrhundert den Sennberg Schmiedenmatt bei Herbetswil. Die Familie besass aber – wie damals bei Sennenfamilien üblich – bloss das Landburgerrecht (Kantonsbürgerrecht). Ohne ein Ortsbürgerrecht zu sein, bedeutete Heimatlosigkeit. Elisabeth Binz wurde 1801 in Niederwil geboren. Bei der sogenannten «Einteilung» der Heimatlosen 1818 wurde sie Winznau zugeteilt. Binz hatte eine ebenfalls unehelich geborene Stiefschwester. Mit zwei unehelichen Kindern erlebte Elisabeth Binz einen gesellschaftlichen Abstieg und musste ihren Lebensunterhalt als Hausiererin verdienen.

Als Illegitimer hatte Binz im 19. Jahrhundert schlechte Startbedingungen, die den weiteren Verlauf seines Lebens stark beeinträchtigten. Verfolgungs- und Verlassenheitsängste prägten seine Kindheit. Als kleines Kind war Peter Binz oft tagelang alleine, da die Mutter zum Hausieren unterwegs war. Seine Ängste kamen auch in seiner körperlichen Konstitution zum Ausdruck. «Er war schwächlich, scheu und antwortete auf Fragen mit kaum hörbarer Stimme», schreibt sein Psychiater in einem späteren Gutachten.

1869, nach seiner Rückkehr aus Frankreich, heiratete er die sieben Jahre ältere Anna Maria Roth aus Mümliswil. «Zur Zeit seiner Verheiratung bot Binz nach seiner eigenen und ganz besonders nach der Schilderung seiner Frau zweifellos schon das Bild des durchaus abnormen Menschen dar», schreibt der Gutachter. Während der Ehe mit Binz brachte seine Frau neun Kinder zur Welt. Bei einigen bestritt Binz aber, der Vater zu sein. Peter Binz wurde 1895 wegen Blutschande verhaftet und nach verschiedenen Gefängnisaufenthalten im Juli 1896 in die Psychiatrische Anstalt Rosegg bei Solothurn eingeliefert.
Binz hielt sich selbst für eine äusserst gescheite Persönlichkeit. Er meinte, das Elend in der Welt würde verschwinden, würde man seinen Ideen folgen. Die Diskrepanz zwischen seinen Allmachtsfantasien und der Wirklichkeit führte zu Frustration und Aggressionen, die sich in Gewaltausbrüchen innerhalb der Familie entluden. Sein Herrschaftsanspruch ging – in Verbindung mit Alkohol – so weit, dass er meinte, als Vater habe er ein uneingeschränktes Recht auf seine Tochter. Daher konnte er auch in seinem Inzest nichts Unrechtes erkennen. 1895 verfasste Binz seine Lebensgeschichte. Im ersten Teil (erschienen am 5. 10.) beschrieb er seine Kindheit, im zweiten Teil (12. 10.) seine Wanderjahre. In der kommenden Ausgabe dieser Zeitung vom 26. 10. berichtet Historiker Albert Vogt, warum er sich heute noch mit Peter Binz beschäftigt. (frb)

Quelle: Albert Vogt «Unstet». Zürich: Chronos Verlag.

Die Familie wurde armengenössig und zog nach Winznau, der Heimatgemeinde von Peter Binz. Er selbst nahm sein Wanderleben wieder auf und zog in den Jura, nach Malleray, zum Arbeiten. Auch, um dem Streit in der Ehe zu entkommen, wie er schreibt. 17 Franken Reisegeld habe er dafür vom Winznauer Gemeindepräsidenten bekommen. Er schreibt: «Was meine Fehler, Diebstähle anbelangt, habe ich diese nur in der Verlassenheit begangen, weil ich nicht betteln konnte. Alles, was ich entwendete, sind 2.85 in Geld, 1 Wolldecke, 1 Gilet,
1 Paar Hosen, 1 Sense und etwas Holz im Berg. Wie Sie aus den Akten sehen, bin ich seit 1883 wegen Diebstahl nie mehr bestraft worden, nur einmal zu einem Monat wegen Familienstreit und der Kinder wegen. Zeugen gäbe es, die versicherten, dass – wenn er auch nur einen halben Tag weg sei – es bei ihnen zugehe wie bei den Wilden.»

Und er rechtfertigt sich weiter: «Als es mit ihrer Wollust wieder anging mit anderen, da war es mit mir vorbei. Ich tat dann viele Jahre nicht mehr gut, irrte unstet und verlassen in der Welt umher, sogar 28 Monate in Nordamerika, 8 Monate in Russland, bis ich nichts mehr hatte.» Im Sommer 1889 wurde Binz von seiner Tochter Theresia mitgeteilt, dass sich seine Frau mit einem Welschenrohrer, den er auch kannte, eingelassen habe. «Muss nun eine Tochter, die solches von der Mutter sieht und weiss, nicht ebenso schlimm werden wie diese selbst, zudem, wenn sie auch weiss, was diese früher getrieben?», schreibt er seinen Richtern.

Im Dezember 1895 wurde Peter Binz wegen Inzest mit seiner Tochter Theresia verhaftet. Er schreibt: «Was nun den Beischlaf mit meiner Tochter anbetrifft, glaubte ich, dies sei keine Sünde, aus folgenden Gründen: Meine Frau, seit Jahren lungenleidend, verlangt nun nichts mehr, ist 7 Jahre älter als ich, so dass ich sie zum Beischlaf immer zwingen musste, wobei sie sich so gebärdete, dass die Kinder im Nebenzimmer es immer hörten, wodurch ich mich auf meine Tochter verlegte, die ja sich schon das erste Mal aus voller Hinneigung zum Beischlaf hergab, ohne irgendwelchen Zwang. Mich beim Berühren herzlich küsste und arbeitete, wie ein jedes andere verliebte Mädchen.» Die Frau wusste darum und hat es stillschweigend geduldet. Die Tochter, «welche ich nicht geöffnet habe», habe ihn allein aus Rachegefühlen, nicht wegen des Beischlafs, angezeigt, weil er ihr einmal einen Klapf geben musste.

Binz ist davon überzeugt, dass er alle schlimmen Sachen nur wegen seiner Frau gemacht hat. «Zudem bin ich in meinem Leben immer wie ein Stiefkind behandelt worden, in jeder Beziehung, am meisten aber von den Behörden.» Man käme sich hier in der Schweiz ja vor wie in einer absoluten Monarchie, nicht wie in einem republikanischen Staat, beklagt er sich. Und jetzt sei er schon zehn Wochen eingesperrt, mit Tochter Theresia unter einem Dach, getrennt durch eine dünne Wand, ohne ein Wort mit ihr reden zu können. «Oh welche Schmerzen, welche Gedanken haben mein armes Hirn seither durchzogen. Ich muss mich selbst anklagen, ich kann nicht anders. Ich habe mich im Anfang meiner Verhaftung oft mit Selbstmordgedanken beschäftigt, dann aber kam der Geist, der gute Genius über mich, mit der Erinnerung: Tu das dir, deiner Familie, deiner verstorbenen Mutter, Schwester, Verwandten, deinen Kindern nicht zuleide. Was soll nun werden?», fragt Binz und fleht zum Schluss hoffnungsvoll: «Allen sei verziehen, auch in dieser Sache kann vielleicht geholfen werden. Ich bitte Sie daher, Ihr H.H. Richter, auch uns gnädig zu sein, und bitte Sie um Geduld, dieser vielen Zeilen und Seiten wegen.»

Damit endet die selbst verfasste Lebensgeschichte des Peter Binz, der sich auch in einer langen Eingabe an das Bundesgericht zu rechtfertigen versuchte. Schliesslich wurde er vom Schwurgerichtshof des Kantons Solothurn wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen. Er starb in der Rosegg am 19. Februar 1906, 60-jährig.

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