Bevor Peter Binz mit dem dritten Teil seiner Lebensgeschichte beginnt, warnt er seine Leser: «Ich kann mich nicht ganz an die Wahrheit halten, denn ich kann mich, wie die Familie, nicht an den Pranger stellen.» Auch sei dieser Teil nur für die reifere Jugend, vorgerücktes Alter geschrieben, da seine Erlebnisse in der Ehe solcherart waren, dass er sie nicht naturgetreu geben könne, sich gar seine Feder sträuben würde, seine Worte aufzuschreiben.

Er berichtet: 1869 heiratete Binz eine Anna Roth aus Mümliswil, sieben Jahre älter als er und bereits Mutter von zwei unehelichen Kindern. Diese Kinder kamen in einem sogenannten Hebammenhaus in Mulhouse zur Welt. «Ob tot oder lebendig, und was mit ihnen geschehen ist, das wissen nur die Götter», schreibt Binz. Kennen gelernt hatte er Anna Roth während seiner Arbeit als Geschirrhausierer, nach seiner Wanderschaft, als er zusammen mit seiner Mutter eine Wohnung in Welschenrohr bei der Familie von Anna Roth bezog. Schon bald war die Frau schwanger. «Sitzen lassen wollte ich sie nun nicht, hätte es aber tun sollen», schreibt er, denn er sei von unterschiedlichen Leuten im Dorf vor dieser Frau gewarnt worden. Die Frau habe das Laster des «Umgangs mit andern neben mir», sei ihm gesagt worden. Schon im zweiten Jahr der Ehe wurde Anna Binz-Roth, als sie auf dem Weissenstein als Wäscherin arbeitete, wegen Hurerei und Konkubinat mit einem Knecht entlassen. Aus Enttäuschung «lief ich fort», schreibt Peter Binz. «Sie liess mir keine Ruhe, bis ich wieder heimkam. Doch gut ging es nun nicht mehr», bilanziert er. «Wäre ich nur ins Wasser oder dem Teufel zu, statt wieder zu dieser Elenden zurück». Die Klage geht weiter: «Meine 1500 Franken verdientes Geld ging kaputt. Bei dieser Ehebrecherin, Zankeisen war Frieden unmöglich.» Und noch schlimmer: «Die einzigen Klebläuse in meinem Leben las ich von ihr auf, im Herbst 1877, nebst mich musste ich auch sie davon reinigen.» 

Die Familie wurde armengenössig und zog nach Winznau, der Heimatgemeinde von Peter Binz. Er selbst nahm sein Wanderleben wieder auf und zog in den Jura, nach Malleray, zum Arbeiten. Auch, um dem Streit in der Ehe zu entkommen, wie er schreibt. 17 Franken Reisegeld habe er dafür vom Winznauer Gemeindepräsidenten bekommen. Er schreibt: «Was meine Fehler, Diebstähle anbelangt, habe ich diese nur in der Verlassenheit begangen, weil ich nicht betteln konnte. Alles, was ich entwendete, sind 2.85 in Geld, 1 Wolldecke, 1 Gilet,
1 Paar Hosen, 1 Sense und etwas Holz im Berg. Wie Sie aus den Akten sehen, bin ich seit 1883 wegen Diebstahl nie mehr bestraft worden, nur einmal zu einem Monat wegen Familienstreit und der Kinder wegen. Zeugen gäbe es, die versicherten, dass – wenn er auch nur einen halben Tag weg sei – es bei ihnen zugehe wie bei den Wilden.»

Und er rechtfertigt sich weiter: «Als es mit ihrer Wollust wieder anging mit anderen, da war es mit mir vorbei. Ich tat dann viele Jahre nicht mehr gut, irrte unstet und verlassen in der Welt umher, sogar 28 Monate in Nordamerika, 8 Monate in Russland, bis ich nichts mehr hatte.» Im Sommer 1889 wurde Binz von seiner Tochter Theresia mitgeteilt, dass sich seine Frau mit einem Welschenrohrer, den er auch kannte, eingelassen habe. «Muss nun eine Tochter, die solches von der Mutter sieht und weiss, nicht ebenso schlimm werden wie diese selbst, zudem, wenn sie auch weiss, was diese früher getrieben?», schreibt er seinen Richtern.

Im Dezember 1895 wurde Peter Binz wegen Inzest mit seiner Tochter Theresia verhaftet. Er schreibt: «Was nun den Beischlaf mit meiner Tochter anbetrifft, glaubte ich, dies sei keine Sünde, aus folgenden Gründen: Meine Frau, seit Jahren lungenleidend, verlangt nun nichts mehr, ist 7 Jahre älter als ich, so dass ich sie zum Beischlaf immer zwingen musste, wobei sie sich so gebärdete, dass die Kinder im Nebenzimmer es immer hörten, wodurch ich mich auf meine Tochter verlegte, die ja sich schon das erste Mal aus voller Hinneigung zum Beischlaf hergab, ohne irgendwelchen Zwang. Mich beim Berühren herzlich küsste und arbeitete, wie ein jedes andere verliebte Mädchen.» Die Frau wusste darum und hat es stillschweigend geduldet. Die Tochter, «welche ich nicht geöffnet habe», habe ihn allein aus Rachegefühlen, nicht wegen des Beischlafs, angezeigt, weil er ihr einmal einen Klapf geben musste.

Binz ist davon überzeugt, dass er alle schlimmen Sachen nur wegen seiner Frau gemacht hat. «Zudem bin ich in meinem Leben immer wie ein Stiefkind behandelt worden, in jeder Beziehung, am meisten aber von den Behörden.» Man käme sich hier in der Schweiz ja vor wie in einer absoluten Monarchie, nicht wie in einem republikanischen Staat, beklagt er sich. Und jetzt sei er schon zehn Wochen eingesperrt, mit Tochter Theresia unter einem Dach, getrennt durch eine dünne Wand, ohne ein Wort mit ihr reden zu können. «Oh welche Schmerzen, welche Gedanken haben mein armes Hirn seither durchzogen. Ich muss mich selbst anklagen, ich kann nicht anders. Ich habe mich im Anfang meiner Verhaftung oft mit Selbstmordgedanken beschäftigt, dann aber kam der Geist, der gute Genius über mich, mit der Erinnerung: Tu das dir, deiner Familie, deiner verstorbenen Mutter, Schwester, Verwandten, deinen Kindern nicht zuleide. Was soll nun werden?», fragt Binz und fleht zum Schluss hoffnungsvoll: «Allen sei verziehen, auch in dieser Sache kann vielleicht geholfen werden. Ich bitte Sie daher, Ihr H.H. Richter, auch uns gnädig zu sein, und bitte Sie um Geduld, dieser vielen Zeilen und Seiten wegen.»

Damit endet die selbst verfasste Lebensgeschichte des Peter Binz, der sich auch in einer langen Eingabe an das Bundesgericht zu rechtfertigen versuchte. Schliesslich wurde er vom Schwurgerichtshof des Kantons Solothurn wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen. Er starb in der Rosegg am 19. Februar 1906, 60-jährig.