Strassenverkehr
Ein Autobahntunnel durch die Gäuebene: Ein Witz oder ernste Forderung?

Pro Natura und der Bauernverband fordern einen Autobahntunnel zwischen Oensingen und Oberbuchsiten. Der Bund sieht nur eine Wildtierbrücke vor. Vor allem der Bauernverband ist aber alles andere als ein vehementer Naturschützer.

Urs Mathys
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Kulturland zurückgewinnen und Dünnern revitalisieren: «Wenn die A1 schon sechsspurig werden muss, soll sie bei Oberbuchsiten in einen Tunnel», fordert Pro Natura Solothurn.

Kulturland zurückgewinnen und Dünnern revitalisieren: «Wenn die A1 schon sechsspurig werden muss, soll sie bei Oberbuchsiten in einen Tunnel», fordert Pro Natura Solothurn.

HR Aeschbacher

«Das ist ja ein Witz!» So lautet die häufigste Reaktion auf Forderungen nach einem Tunnel für den Sechsspur-Ausbau der A1 im Gäu. Die Idee: Im Zuge der geplanten Verbreiterung soll die Autobahn zwischen Oensingen und Oberbuchsiten auf zwei Kilometer Länge unter den Boden kommen. Ein Witz? «Es ist uns durchaus ernst mit diesem Vorschlag», entgegnet Ariane Hausammann sogleich allen Zweiflern. Die Geschäftsführerin von Pro Natura Solothurn (früher Naturschutzverband) verteidigte die Tunnel- Forderung diese Woche vehement.

Das generelle Projekt des Bundes sieht in diesem Bereich lediglich die Erstellung einer 50 Meter breiten Wildtierbrücke vor, die den Wildwechsel über die A1 wieder ermöglichen soll. Die Kosten-Nutzen-Analyse spreche für einen Tunnel, argumentiert Pro Natura. Man könne schliesslich nicht immer mehr Land zubetonieren. Mit dem gleichen Argument stellt sich auch der Solothurnische Bauernverband hinter die Forderung. Bauernsekretär Peter Brügger betont, dass neben dem A1-Ausbau auch die damit verbundenen ökologischen Ausgleichsflächen und die Renaturierung der Dünnern erneut Landwirtschaftsland beanspruchen würden.

Für «Flachland-Tunnels» gibts in der Schweizer Autobahn-Landschaft durchaus Vorbilder: Erstens in Thun. Dort wurde die A6 unter die Allmend gelegt, damit die Panzertruppen weiter ungehindert üben können. Weils im erklärten Interesse des Vaterlandes geschah, wurde das Bauwerk in Zeiten des Kalten Krieges nicht wirklich hinterfragt. Zweites Beispiel ist der Witi-Tunnel der A5 bei Grenchen: Er dient der Erhaltung einer der letzten zusammenhängenden grossen Kulturlandflächen des Kantons, der nationalen «Hasenkammer » sowie des Wasser- und Zugvogel- Gebietes von europäischer Bedeutung. Der Bund gab damals grünes Licht, weil die Solothurner anders nicht für das Projekt zu haben waren und weil der Naturschutzverband in «Strassburg» mit Klagen auf den Schutz dieser «Landschaft von nationaler Bedeutung» gepocht hatte.

Die doppelbödige Rolle der Bauern im Gäu

Es gibt böse Zungen, die den wahren Zweck des Witi-Tunnel darin sehen, dass man sich dank ihm den Anblick Grenchens ersparen könne. Ähnlich bösartig könnte man argumentieren, dass ein A1-Tunnel im Gäu den Durchfahrenden wenigstens etwas von der dortigen «Lagerhallenromantik» ersparen könnte. Denn aus dem Gäu, der einstigen Kornkammer des Kantons, ist längst die Lager- und Kühlhalle Europas geworden. Die Region am Kreuz von A1 und A2 ist geprägt von Ansammlungen riesiger – und nicht selten hässlicher – Gebäudekomplexe, die sich immer weiter in die fruchtbaren Ebenen hinaus fressen. Die Autobahn ist zugleich Auslöser, Motor und auch «Opfer» dieser Entwicklung. Und weil durch diese Lebensader immer mehr Blut, sprich motorisierter Verkehr fliesst – oder häufig auch steht – braucht auch sie selber jetzt mehr Platz.

Verständlich, dass Pro Natura im Zuge der unabwendbaren Autobahn- Verbreiterung die Gunst der Stunde nutzen möchte, mit einem Tunnel zu retten, was zu retten ist. Dass sich der Solothurnische Bauernverband dafür ebenfalls starkmacht, irritiert auf den ersten Blick. Schliesslich haben auch unzählige grosse und kleine Bauern mit dem Verkauf von ihrem Ackerland zum heutigen Aussehen des Gäus beigetragen. Auf den zweiten Blick leuchtet aber ein: Die Bauernlobby rechnet sich aus, dass sie unter dem Strich von einem Tunnel nur profitieren könnte.

Wenns drauf ankommt, entpuppt sich der Bauernverband als nur halbherziger Landschafts- und Naturschützer: Scheitert die Tunnelidee – nicht zuletzt an den Finanzen –, wollen die Bauern nämlich nicht einmal von einem Wildübergang über die A1 etwas wissen. Diesen hat der Bund zwar seit vielen Jahren versprochen, doch die Bauern reut es, dafür Kulturland zu opfern. So oder so: Man kann und soll über alles nachdenken und diskutieren. Auch über einen Autobahntunnel in der Dünnern-Ebene. Ein völliger Witz ist es jedenfalls nicht, dass Autobahnverbreiterung, Wildtierquerung, ökologische Ausgleichsflächen und Dünnern-Renaturierung gemeinsam auf den Prüfstand gehoben werden. Und wenn daraus zuletzt ein Tunnel als vernünftigste und beste Lösung für alle resultiert – dann hätte dieser Witz sogar eine tolle Pointe.