Balsthal
Dieser Balsthaler beherbergt minderjährigen Flüchtling: «Ich habe den Besten erwischt»

Seit über einem Jahr lebt bei Heinz von Arb in Balsthal ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling.

Rebekka Balzarini
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Heinz von Arb in seinem Garten in Balsthal. Normalerweise giesst Mahdi die Blumen, aber er wollte lieber nicht mit auf das Bild.

Heinz von Arb in seinem Garten in Balsthal. Normalerweise giesst Mahdi die Blumen, aber er wollte lieber nicht mit auf das Bild.

Bruno Kissling

Erst seit einem Monat spricht Heinz von Arb den Namen seines Schützlings richtig aus. Zum Scherz sagte von Arb damals: «Weisst du Mahdi, auf Berndeutsch würdest du ‹Mächtu› heissen.» Da habe Mahdi angefangen zu strahlen und gesagt: «So heisst es auch richtig». Von Arb lacht, als er die Anekdote erzählt. Sie passt zum Alltag, den er mit Mahdi erlebt. «Es ist meine Art zu helfen», erklärt er.

UMA

Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Kinder und Jugendlichen (UMA) hat im Kanton SO seit Sommer 2014 stark zugenommen. Momentan leben 94 unbegleitete Minderjährige im Kanton.

Weil sie viel Platz im Haus hatten, beschlossen von Arb und seine Tochter im letzten Jahr, einen unbegleiteten Flüchtling aufzunehmen. Im März stand Mahdi dann bei ihnen in Balsthal vor der Tür, und wohnte ein Wochenende bei von Arbs, sozusagen als Test. Deutsch konnte er ein bisschen von einem Sprachkurs, den er in der Schweiz absolviert hatte. Ansonsten half ein Online-Übersetzungsprogramm aus. Und nach den zwei Tagen war klar: Mahdi bleibt.

Bereut haben sie diese Entscheidung nie, so von Arb. «Ich habe mit Mahdi den Besten erwischt». Zu Beginn habe er sich viele Gedanken darüber gemacht, ob die neue Konstellation als Pflegefamilie auf Dauer funktioniere. Das hat sich mittlerweile erledigt. «Wir haben noch nie wirklich gestritten. Mit Mahdi kann man gar nicht streiten».

Gute Schulnoten

Mahdi ist heute 14 Jahre alt. Er ist Afghane, lebte aber als Flüchtling im Iran. Mit 13 Jahren beschloss er, nach Europa zu reisen. Er wollte in die Schule, und als Flüchtling ohne Papiere war das im Iran für ihn nicht möglich. Deshalb schloss er sich einer Gruppe an und reiste über die Balkanroute in die Schweiz.

Heinz von Arb ist stolz, wenn er von einem Pflegesohn erzählt. Innerhalb von einem Jahr sei Mahdi von der Kleinklasse in die Sek E aufgestiegen. Und dort gehöre er bereits zu den Besten seiner Klasse, betont von Arb. « «Ohne dass ich ihm auch nur ein bisschen geholfen habe.» Die Unterstützung, die er in der Schule nicht braucht, benötigt Mahdi aber im Alltag. Von Arb und seine Tochter Lena helfen ihm, sich in der Schweiz zurechtzufinden. In vielen Situationen sei Mahdi überfordert gewesen, erinnert sich von Arb. Zum Beispiel beim Einkaufen. «Da stand er staunend vor den vollen Regalen im Coop.»

Von Arb versucht, Struktur in den Alltag von Mahdi zu bringen. Dazu gehört auch ein Hobby. Von Arb konnte ihn davon überzeugen, mit Fussball anzufangen. «Ich bin gespannt, wie es dort mit den Mannschaftkollegen klappt», sagt von Arb. Denn Mahdi hat nicht viele Schweizer Kollegen. «Er ist einfach viel zu schüchtern».

Grosse Unsicherheit

Den Grund für diese Schüchternheit sieht er in Mahdis Vergangenheit. «Im Iran musste Mahdi sich immer verstecken. Sonst wäre er wieder nach Afghanistan zurückgeschafft worden.» Deshalb versuche Mahdi immer, bloss nicht aufzufallen. «Er ist überkorrekt», findet von Arb. «Bei jedem Fehler hat er Angst, dass er wieder gehen muss. Das bremst ihn aus.» Innerhalb der Familie werde Mahdi zwar langsam mutiger. «Er isst jetzt mit mir, statt immer zu warten, bis ich fertig bin. Und beim Spazieren gehen wir jetzt nebeneinander, vorher war er immer hinter mir.»

Von Arb macht sich regelmässig Sorgen um Mahdi. Zum Beispiel dann, wenn sein Pflegesohn tagelang im Zimmer liegt, mit seiner Familie telefoniert und manchmal weint. «Wenn er sich so zurückzieht, dann ist es ganz schwierig, an ihn heranzukommen.» Er könne dann auch nicht einschätzen, ob der Rückzug ins Zimmer mit Mahdis Vergangenheit zu tun habe oder einfach damit, dass dieser eben auch ein Teenager sei, so von Arb. «Manchmal frage ich ihn auch nach seiner Familie. Aber er erzählt dann nicht viel.»

Diese Situation ist für von Arb nicht leicht auszuhalten. Er tauscht sich deshalb regelmässig mit anderen Pflegefamilien aus. Und er versucht, Mahdi wieder aufzumuntern. Etwa mit Ausflügen, wie letztens nach Luzern. Dort hatte von Arb ein unvergessliches Erlebnis mit Mahdi: «Als wir uns für ein Erinnerungsfoto hinstellten, da legte er plötzlich den Arm um mich. Das war ein wirklich schöner Moment.»