Naturpark Thal

Die Wisente sind schon ausgesucht: Ein Rundgang auf einem Teil des künftigen Geländes

Ein kleiner Rundgang mit Wisent-Ranger Benjamin Brunner auf einem Teil des künftigen Wisent-Geländes. Beim Projekt suchte man ein möglichst grosses zusammenhängendes Gebiet im Jura, welches nur wenigen Landbesitzern gehört.

Benjamin Brunner, Landwirt auf der Sollmatt ob Welschenrohr, ist seit drei Jahren dazu bestimmt, als Ranger die Betreuung der kommenden Wisent-Herde zu übernehmen. «Wir sind bereit, die Einzäunung zu bauen. Noch sind zwei Beschwerden beim Verwaltungsgericht hängig», sagt er zum momentanen Stand der Dinge. «Werden diese nicht noch an das Bundesgericht weitergezogen, könnten wir los­legen.»

Wir begeben uns ein paar hundert Meter von seinem Hof weg. «Ab hier würde jetzt die Einzäunung für die Testherde beginnen», sagt Brunner. «Die Tiere, vor allem die Leitkuh würde mit einem GPS-Sender-Halsband ausgerüstet, sodass jederzeit überwacht werden kann, wo sich die Herde aufhält.» In der ersten Phase würden sich fünf bis zehn Tiere in einem Gebiet von rund einem Quadratkilometer aufhalten, und das zwei Jahre lang. So könnten sich die Tiere an ihr Gelände gewöhnen. «Der Zaun besteht aus Drahtseilen, teilweise elektrisch eingezäunt, der von den übrigen Wildtieren, ob Reh, Hirsch oder Wildschwein problemlos passiert werden kann», so Brunner. Im Wildtierpark Langenberg bei Zürich werde dieser Zaun seit etlichen Jahren zur Haltung einer Wisentherde erfolgreich genutzt.

«Wie die Jungfrau zum Kind»

Er selbst sei eigentlich wie die «Jungfrau zum Kind» zum Amt eines Wisent-Rangers gekommen, erzählt er weiter. «Eines Tages rief mich Stefan Müller-Altermatt, Präsident des Vereins Wisent Thal (s. ‹Nachgefragt›) an und fragte, ob er mir etwas vorstellen dürfe.» Als neugieriger Mensch sei er natürlich interessiert gewesen. Die Spezies Wisent habe er eigentlich nicht gekannt, sich dann aber ganz schnell kundig gemacht. Inzwischen weiss Brunner viel über das seit 1000 Jahren in Mitteleuropa ausgestorbene Landtier. «Ich war einige Zeit im deutschen Bad Berleburg im dortigen Wisent-Gehege tätig und habe dort vieles über die Tiere gelernt.» Auch im Wildnispark Langenberg Zürich, von wo die Thaler Wisente kommen sollen, hat er sich mehrfach intensiv mit den Tieren auseinandergesetzt.

Ein möglichst grosses zusammenhängendes Gebiet

Warum das Projektteam für die Wisentansiedlung überhaupt auf das Gebiet rund um Brunners Sollmatt gestossen ist, erklärt er so: «Man suchte ein möglichst grosses zusammenhängendes Gebiet im Jura, welches nur wenigen Landbesitzern gehört, um die administrativen Belange möglichst gering zu halten. So kam man auf dieses Gebiet, welches der Bürgergemeinde Solothurn und mir gehört.»

«Wir dachten schon zu Beginn, dass es Widerstand gegen dieses Projekt geben wird», erinnert sich Brunner an die Anfänge. «Allerdings haben wir immer gehofft, dass man mit wissenschaftlich fundierten Argumenten die Fragen beantworten kann. Dies ist allerdings nur möglich, wenn man sich zusammen an einen Tisch setzt und gemeinsam diskutiert. Wenn ein Gespräch unmöglich ist, bleiben halt die Vorbehalte bestehen. Da nützen auch alle wissenschaftlichen Ergebnisse nichts», sagt er mit Blick auf die derzeit noch hängigen Beschwerden. Erfreulich sei nun aber, dass die Jagdgesellschaft, welche ebenfalls Beschwerde eingereicht hatte, diese zurückgezogen hat. «Wir konnten mit ihnen zusammensitzen und ihre Bedenken ausräumen. Jagd- und Freizeitmöglichkeiten im Wisent-Gebiet werden weiterhin möglich sein», da ist sich Brunner sicher. «Die Tiere sind sehr scheu und werden sich in den Wald zurückziehen, wenn jemand ihr Gebiet durchstreift.»

Doch gibt es sicher Fragen, die man eben erst bei einer Ansiedlung beantworten kann. «Und genau deshalb wollen wir das Projekt ja auch starten, denn man will wissen, ob dieses Tier wieder im Jura heimisch werden kann und in der Kulturlandschaft tragbar ist. Schon heute laufen verschiedene wissenschaftlich begleitete Bestandesuntersuchungen zum Gelände. Es interessiert die Artenvielfalt, die Pflanzenbestände oder Verbissschäden durch heutige Waldbewohner. So haben wir Vergleichsergebnisse – vor und nach der Wisentherde.»

Jederzeit via Handy-Alarm vor Ort

Wie seine künftige Arbeit als Wisent-Ranger aussehen wird, weiss Brunner heute schon. «Auf dem Gelände werden acht Kameras installiert. So ist es mir jederzeit möglich, per Handyalarm dort einzugreifen, wo es nötig ist. Beispielsweise einen Zaun zu flicken oder andere Schäden zu begutachten.» Jedenfalls freut er sich auf diese neue, komplexe Aufgabe. Er habe tatsächlich schon von Wandergruppen Anfragen bekommen, ob die betroffenen Wege trotz Wisentherde noch begehbar seien. «Selbstverständlich sind sie das. Und wenn jemand eine Begleitung wünscht, bin ich gerne bereit, das zu tun und Informationen zu geben.»

Benjamin Brunner hat die Sollmatt von seinen Grosseltern mütterlicherseits 1985 übernommen. Früher lebte er mehrheitlich von der Milchwirtschaft, heute hat er auf Mutterkuhhaltung – und zwar mit unterschiedlichen Rassen – umgestellt. Zudem führt er auf seinem Hof auch einen Bio-Recy­cling-Anlage, wo Häckselgut abgegeben werden kann. Er engagiert sich auch für die Zucht von Pro-Specie-Rara-Wollschweinen.

Meistgesehen

Artboard 1