Entlastungsstrase

Die Strasse gegen die Verkehrsflut: Eine imaginäre Fahrt über Oensingens Umfahrung

Die Entlastungsstrasse führt künftig zwischen der Kreisschule Bechburg (im Vordergrund) und dem Dorfkern durch.

Die Entlastungsstrasse führt künftig zwischen der Kreisschule Bechburg (im Vordergrund) und dem Dorfkern durch.

Der Kanton schickt die Verkehrsentlastung Oensingen in die Vernehmlassung. Gemeindepräsident Fabian Gloor führt über die neue Entlastungsstrasse von Niederbipp Richtung Oberbuchsiten, die um Oensingens Dorfkern herumführt.

Fabian Gloor breitet die Pläne auf dem Sitzungstisch in der Gemeindeverwaltung aus. Im Hintergrund hängt eine Malerei aus dem Jahr 1967. Wenn Oensingen noch so wäre, wie das Gemälde es abbildet, so müsste der Gemeindepräsident nicht die Pläne einer Entlastungsstrasse auffalten. «Dann würden wir andere Herausforderungen diskutieren, vielleicht sogar grössere», sagt Oensingens Gemeindepräsident lachend.

Die weiten Felder des Gäus sind in einer Industriezone verloren gegangen. Durch diese und auch durch die Autobahn nahm der Schwerverkehr zu. Oensingen ist gewachsen. «Jeder sieht, wie die Situation auf den Strassen ist», sagt Gloor. Währenddessen schlängelt sich am frühen Freitagnachmittag bereits der Kolonnenverkehr durch das grösste Gäuer Dorf. Gemäss den Prognosen des Kantons wird sich die Situation deutlich verschärfen. Sie sagen voraus, dass die Verkehrsdichte auf der Kantonsstrasse H5 durch den Dorfkern hindurch bis 2040 massiv zunehmen würde. Bis zu 16 200 Wagen an einem Tag plus 1000 Laster könnten sich durch Oensingen wälzen. Es würde wohl einem totalen Verkehrskollaps gleichkommen. Oder um es in den Worten von Fabian Gloor zu sagen: 

Deshalb ist die Akzeptanz in Oensingen für das Umfahrungsprojekt, das kommen soll, gross. Landwirte, Gewerbe, Anwohner. Überall stosse das Projekt auf Zustimmung, sagt Gloor. Der Kanton hat gemeinsam mit der Gemeinde eine Entlastungsstrasse entwickelt. Eine ungefähre Streckenführung gab der Kanton im Juli erstmals bekannt (wir berichteten). Fabian Gloor beugt sich über die ausgefalteten Pläne. Er kennt das Projekt so gut, als habe er die Pläne eigenhändig gezeichnet. Und er führt durch eine imaginäre Fahrt über die Strasse, die Oensingen aufatmen lassen soll. Der Kanton hat das Vorprojekt in die eingeschränkte Vernehmlassung geschickt. Darin wird erstmals ersichtlich, dass die Umfahrung gemäss groben Schätzungen zwischen 50 und 60 Millionen Franken kostet. Noch vergeht Zeit, ehe die Entlastung bis frühestens 2025 Tatsache ist. Und doch liegt das Projekt bereits überraschend detailliert vor.

Von Niederbipp zur Nordringstrasse

Die Entlastungsstrasse beginnt beim Kreisel Moosmatte auf Gemeindegebiet Niederbipps. Da dieser auf bernischem Boden liegt, wird es in der Verantwortung des Nachbarkantons liegen, den Anschluss an die Entlastungsstrasse auszugestalten. Die Fahrt führt Richtung Osten entlang der schnurgeraden Nordringstrasse, der Industriezone Oensingens. Aus verschiedenen Zufahrten wird hier folglich der Schwerverkehr zufliessen. Der Fussgängerverkehr wird auf der Nordseite der Strasse geführt. Die Gemeinde hofft auf eine möglichst durchgehende Verkehrslösung.

Vom Grosskreisel zum Vebo-Knoten

Die Fahrt führt von der Nordringstrasse an den komplexesten Abschnitt der Entlastungsstrasse. Keinen Platz gibt es auf diesem stark befahrenen Stück für den Veloverkehr, der zukünftig an der Dünnern entlanggeführt wird. Über der Dünnern entsteht ein Grosskreisel mit vier Ästen und einem Durchmesser von rund 70 Metern. Die Ausfahrt Richtung Osten führt auf die Werkhofstrasse, die auf vier Fahrspuren ausgebaut wird. Bis zu 17 000 Privatfahrzeuge und 2200 Lastwagen sollen diesen Abschnitt gemäss kantonalem Verkehrsmodell befahren. Wenig später folgt die im Projekt als «Vebo-Knoten» bezeichnete Verzweigung.

Für diesen Knoten ist das Bundesamt für Strassen (Astra) zuständig. Hier fliesst der Verkehr von der Autobahn zu oder auf die Autobahn ab. Etwa der Verkehr aus dem Thal soll künftig über die Staadackerstrasse direkt auf die Entlastungsstrasse einfahren, um nicht mehr die Ortsdurchfahrt zu belasten. Der Name des Knotens kommt nicht von ungefähr: So verläuft er zwischen zwei Gebäuden der Genossenschaft, die einander quer gegenüberliegen. Um vom einen zum anderen Gebäude zu gelangen, müssen Vebo-Mitarbeiter erst die Jurastrasse und dann die Staadackerstrasse überqueren. Die Fussgängerpassagen werden wie der Knoten auch durch eine Lichtsignalanlage gesteuert. «Der motorisierte Verkehr hat hier Priorität, damit der Fluss sichergestellt ist und kein Rückstau entsteht», sagt Gloor.

Über die Jurastrasse zum Kestenholz-Kreisel

Auch die Jurastrasse wird als künftige Hauptader der Umfahrung gemäss Modellen zu den am stärksten frequentierten Abschnitten gehören. Die grösste Herausforderung stellte in diesem Abschnitt in der Planung die südlich der Strasse liegende Kreisschule Bechburg dar. Wie können die Schüler künftig die Entlastungsstrasse am sichersten überqueren? Der Kanton zieht im Vorprojekt noch zwei Varianten in Erwägung. Eine sieht eine Unterführung unter der Jurastrasse hindurch vor, die andere wäre ein Fussgängerstreifen mit Lichtsignalanlage. Oensingens Gemeinderat sprach sich an seiner letzten Sitzung im September klar für die Unterführung aus. Auf der Südseite müsste aufgrund der engen Platzverhältnisse wohl eine Lösung mit dem Klubhaus des FC Oensingen gefunden werden. Die Fahrt führt weiter an den vier Äste umfassenden Kreisel der Kestenholzstrasse.

Neue Strasse führt zum Kreisel Oensingen Ost

An diesem Kreisel beginnt der einzige Strassenabschnitt, den der Kanton für die Entlastungsstrasse neu bauen muss. Wo heute noch das ehemalige Bahnwärter-Haus und das Marti-Haus stehen, soll dereinst die Strasse an die Bahnlinie heranführen. Die Umfahrung führt dem Trassee entlang – zwei heute noch bestehende Unterführungen, die ins Dorf führen, müssen auf Kosten der Entlastungsstrasse aufgehoben werden. Ausgang Oensingen wird eine neue Unterführung unter der Bahn hindurch entstehen, worauf die Strasse über das Gummertli-Feld an einen letzten Kreisel mit drei Ästen führt. Die Ausfahrt nach Osten bringt den Verkehr auf die bestehende Hauptstrasse Richtung Oberbuchsiten. Nach Westen hin befindet sich die Dorfeinfahrt Oensingen. Trotz Umfahrung geht das Modell davon aus, dass 2040 bis zu 10 000 Autos durchs Zentrum fahren. Rund die Hälfte bis ein Drittel des Verkehrs will der Kanton durch die Entlastungsstrasse wegführen.

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