Burgen in der Amtei Thal/Gäu III

Die Macht hauste über Jahrhunderte in Neu-Falkenstein

Die heutige Ruine war den Balsthalern einst Dorn im Auge, sodass sie die Burg 1798 zerstörten - heute lädt sie ein, um einen Blick zurück auf die bewegte Vergangenheit der Region zu werfen.

Über Jahrhunderte hinweg der Sitz der Obrigkeit, am Schluss gar Landvogteisitz: Die Ruine Neu-Falkenstein war lange Zeit ein Symbol für die gesellschaftliche Elite. Dies ist wohl auch der Grund, warum sie 1798 in Brand gesteckt und bis 1900 nach und nach rückgebaut wurde. Erst dann sind erste kleine Renovationsarbeiten an die Hand genommen worden. Doch warum kamen die Menschen denn plötzlich auf die Idee, die Burg nicht mehr als praktischen Baumateriallieferanten, sondern als erhaltenswert anzuschauen? Ist in dieser Zeit so etwas wie ein Bewusstsein dafür entstanden, dass der Erhalt von Altertümern wie etwa Neu-Falkenstein, eine sinnvolle Tätigkeit ist?

Mit der Unsicherheit leben

«Das Bewusstsein dafür dürfte sich schon während der Renaissance entwickelt, in der Aufklärung vertieft und mit den Ausgrabungen wie etwa in Pompeji endgültig etabliert haben», sagt Ylva Backman. Sie arbeitet seit 1982 als Mittelalter-Archäologin für den Kanton Solothurn und hat sich in dieser Funktion etliche Stunden mit Neu-Falkenstein befasst. «Eine sehr schöne Burg», schwärmt sie bei einem Besuch vor Ort. Und diese Aussage erscheint mir nicht nur als Worthülse von Amtes wegen. Nein, eine spürbare Leidenschaft treibt die gebürtige Schwedin an. «Ich könnte mich stundenlang mit dem Mauerwerk auseinandersetzten», schmunzelt sie. Klarer kann man wohl Leidenschaft nicht in Worte fassen.

Schwieriger in Worte zu fassen sind Wahrheiten über Neu-Falkenstein. Immer wieder spricht Backman im Konjunktiv. Klar ist grundsätzlich wenig in ihrer Branche. Alles läuft auf fundierte Mutmassungen heraus. Warum verzweifelt sie da nicht, bei all den Unwägbarkeiten in ihrem Metier? «Damit muss man sich schnell abfinden als Archäologin.» Doch auch ohne Anspruch auf Wahrheit umreisst Ylva Backman eine mir teilweise fremde Welt mit einem fesselnden Schalk. Etwa mit einer Anekdote über die Zustände während der Landvogtei-Zeit. Karge Einrichtung, Besucher, die auf dem Boden schlafen mussten, weil keine Bettstätten vorhanden waren. Ein karges Leben der Obrigkeit, keineswegs pompös, wie man sich das Leben der Herrschaften Ende des 18. Jahrhunderts vorstellt. «Manch ein Bauer hatte wohl mehr zum Leben als die Landvögte», sagt die Archäologin.

Repräsentation früher und heute

Im neueren, das heisst westlichen Teil der Burg erzählt sie von der «Hölle». Dem Schlafzimmer des männlichen Gesindes unter der Küche im 18. Jahrhundert. «Da muss es wunderschön ausgesehen haben», meint Backman ironisch. Ihre persönliche Hölle sind derweil die Türme, welche uns als charakteristisches Merkmal jeder Burg ins Auge fallen. Ylva Backman mag doch die Höhe so gar nicht. Auf dem Turm von Neu-Falkenstein war sie denn auch noch nie, und das, obwohl sie sich seit Jahrzehnten mit der Burg auseinandersetzt. Doch auch zwischen dem alten Mauerwerk am Boden lässt sich erklären, warum Neu-Falkenstein zu einer wichtigen Burg wurde. «Die Lage ist sicherlich optimal. Hier konnte man den Weg über den Passwang und den unteren Hauenstein überblicken.» Zudem könne es sehr gut sein, dass die Burg bereits, als sie zum Landvogteisitz wurde, eine gewisse Grösse erreicht hat, damit sie zur logischen Wahl wurde. Was vor allem auch aus praktischen Gründen ein Vorteil darstellte. Denn die wichtigste Funktion einer Burg war die Zurschaustellung von Macht. Repräsentation also. Und dieses Kriterium erfüllt die Burg an dieser Lage optimal.

Natürlich war der Repräsentationszweck nicht die einzige Funktion von Burgen in den letzten Jahrhunderten. Ganz zu Anfang waren die Burgen Schutzbauten. Und dies nicht nur gegen den bösen Feind, sondern auch gegen wilde Tiere. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr im Mittelalter und noch weit darüber hinaus. Vor allem im wahrscheinlich ältesten Teil der Burg ist dies am sehr dicken Mauerwerk nachzuvollziehen.

Schutz und Repräsentation bis ins 18. Jahrhundert also, danach Lieferant von Baumaterial. Alles schön und gut, doch welche Funktion hat denn eine Ruine wie Neu-Falkenstein heute? «Sie zeigt die Wurzeln unserer Kultur auf. Hier lässt sich in die Geschichte unserer Nation schauen. Und so etwas wie Nationalstolz könnte mit diesen Bauten verbunden werden», versucht sich die Archäologin in einer Erklärung. Die Repräsentationsaufgabe nimmt Neu-Falkenstein dementsprechend auch im zerfallenen Zustand ein. Nicht nur repräsentiert sie die Geschichte unserer Region, sondern sie steht auch stellvertretend für unsere romantisierte Vorstellung des Lebens von Rittern und Burgfräuleins. Und dies ist durchaus eine wichtige, weil fantasiefördernde, Aufgabe.

Meistgesehen

Artboard 1