Oensingen

Die Lücke im Sozialwesen gefüllt: Der «Mittelpunkt» wird 10 Jahre alt

Zehn Jahre Tagesstätte «Mittelpunkt»in Oensingen: Ein Rückblick zeigt, wie die Institution seit einem Jahrzehnt an Bedeutung gewinnt.

Vor zehn Jahren sah der Oensinger und gebürtige Tibeter Dorjee Phuntsok eine Lücke im regionalen Sozialwesen: Ein niederschwelliges Angebot für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, welches nicht an eine Arbeit in einer Werkstatt gebunden ist. Im September 2009 rief er daher gemeinsam mit seiner Ehefrau und gelernter Pflegefachfrau Jacqueline Phuntsok die Tagesstätte «Mittelpunkt» an der Schachenstrasse 15 in Oensingen ins Leben.

«Ich habe während meiner langjährigen Tätigkeit im Sozialwesen viele Institutionen kennen gelernt und den Wunsch verspürt, eine Institution nach meinen Grundwerten aufzubauen», sagt Dorjee Phuntsok, Inhaber der Tagesstätte. Zu diesen gehören neben Empathie und Respekt auch der Glaube an die Selbstbestimmung eines jeden Menschen. Gemeinsam mit seiner Frau schaffte der 63-Jährige so eine nahezu einzigartige Tagesstätte, wo Menschen einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen können. Beide verliessen vor zehn Jahren ihre damaligen Arbeitsplätze, um sich 100 Prozent der Tagesstätte widmen zu können. Bereits am ersten Tag nach der Eröffnung waren alle 18 freien Plätze der neuen Institution besetzt. Dies nicht zuletzt dank einer engen Zusammenarbeit mit Sozialdiensten und psychiatrischen Ambulatorien des Kanton Solothurns, die bis heute besteht.

«Jeder und jede hat eine eigene Geschichte»

Aus fünf Mitarbeitern in 2009 wurden über die Zeit 14 – ein Team sei herangewachsen, das verschiedene Berufsgattungen abdeckte. Darunter ist mittlerweile auch eine Lehrtochter, die nächsten Sommer ihre Ausbildung zur Fachfrau Betreuung abschliesst. «Als sich unser Unternehmen mit der Zeit gefestigt hat, wollten wir unser Wissen und unsere Erfahrung weitergeben», erklärt Jacqueline Phuntsok den Schritt zum Lehrlingsbetrieb. Auch in anderen Bereichen baute die Tagesstätte aus: Sie schuf sich ein externes Naturatelier und eine Musikwerkstatt.

Wenn sich jemand entscheidet, in der Tagesstätte Mittelpunkt einzutreten, geschieht dies aus eigenem Antrieb und Interesse. Niemand kann von einer Institution in der Tagesstätte eingewiesen werden. Heute besuchen 34 Leute aus unterschiedlichen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten in unterschiedlichen Pensen die Tagesstätte. Diese Heterogenität bereichere die Tagesstätte, so die Inhaber. «Jeder und jede hat eine eigene Geschichte und wird so akzeptiert», meint Inhaberin Jacqueline Phuntsok. «Für viele ist die Tagesstätte zu ihrer Familie geworden.»

Die Söhne stehen für die Übernahme bereit

Nicht selten kommen und bleiben daher ihre Klienten. Manche besuchen die Stätte bereits seit zehn Jahren täglich. «Viele konnten sich seit ihrem Eintritt in die Tagesstätte physisch und psychisch stabilisieren», sagt Sozialarbeiter Andrin Wüthrich. Für den Mitarbeiter, der seit mehr als neun Jahren für die Institution tätig ist, sind das Erfolge, die die Tagesstätte auf täglicher Basis erzielt. Ihr Ziel ist es, junge Klientinnen und Klienten zu stabilisieren und ihnen den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Bei Personen mittleren Alters sei dies schwieriger. «Dort geht es in erster Linie darum, ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstwertgefühl zu bewahren und zu verbessern», so Wüthrich.

Getragen wird die Tagesstätte durch eine Zusammenarbeit mit Gemeinde, Kanton und der Stiftung «Mittelpunkt». Die Stiftung unterstützte die Tagesstätte etwa bei der Umsetzung des externen Naturateliers und einer Musikwerkstatt. 2019 habe die Stiftung ein zusätzliches Haus in Matzendorf erben können. «Es ist aber noch offen, was damit passiert», sagt Inhaber Dorjee Phuntsok. Die breite Abstützung der Tagesstätte zeigt sich darin, dass Prof. Dr. Ruedi Nützi – Direktor für Wirtschaft Fachhochschule Nordwestschweiz – Präsident der Stiftung «Mittelpunkt» ist. «Die Unternehmenskultur der Tagesstätte führt dazu, dass das bestehende Team eng und erfolgreich zusammenarbeitet. Dies ermöglicht, dass die Söhne Nyima und Sonam Phuntsok die Tagesstätte mittelfristig in 2. Generation fortführen», so Ruedi Nützi. Nyima Phuntsok absolviert nach einem ersten Master in «Health & Technology» an der ETH momentan sein zweites Masterstudium in «Management of Healthcare Institutions» an der Fachhochschule in Zürich. Sonam Phuntsok ergänzt seine bisherigen Erfahrungen in sozialen Institutionen und als Lehrer mit einem Studium in «Sozialer Arbeit». Zugleich bildet er sich in einem Masterkurs in der «Leitung von Teams in sozialen Institutionen» an der Fachhochschule weiter.

Heute feiert die Tagesstätte Mittelpunkt ihr 10-jähriges Bestehen. «Wir sind gespannt und freuen uns auf eine interessante Weiterentwicklung des Betriebs in 2. Generation», so Jacqueline und Dorjee Phuntsok.

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