Die Tage des Oberbaus des Winznauer Wehrs sind gezählt. In einem Bericht, den die heutige Eigentümerin, die Alpiq Hydro Aare AG, bei der AF-Colenco in Baden in Auftrag gegeben hat, heisst es, ein Abbruch sei aus verschiedenen technischen Gründen erforderlich. Im Falle eines Erdbebens habe der Wehroberbau, der eine grosse Masse hoch über dem Fundament der Wehrpfeiler darstelle, «einen deutlich negativen Einfluss auf die Gesamtstabilität der Wehrpfeiler».

Ausserdem sei die Erdbebensicherheit des Wehroberbaus selber nicht gewährleistet. Die Statiker gehen von Pendelbewegungen aus, die dazu führen könnten, dass der Wehroberbau ins Wasser fiele, so dass die Aare aufgestaut würde.

Das Wehr ist rund 100-jährig und es hat in dieser Zeit nicht etwa an Erdbebensicherheit verloren, sondern die Stauanlagen-Verordnung. die auch Erdbebensicherheit verlangt, ist mit der Zeit strenger geworden. Die Anforderungen sind, gestützt auf die Erfahrungen mit Hochwasserereignissen, gestiegen.

Im Rahmen der Denkmaltage brachte Armand Fürst (Bild), Bauingenieur ETH/SIA und Teilhaber von Fürst Laffranchi Bauingenieure GmbH, Wolfwil, die Anlage den Interessierten näher. Das Winznauer Wehr als Teil des damals grössten Schweizer Flusskraftwerks wurde 1913–1917 in der Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich entwickelten Eisenbetonbauweise errichtet. In der Schweiz kennt man diese auch etwa vom Langwieser Viadukt der RhB her kennt.

Die Versenkung der Fundamente im Flussboden sei damals eine Parforceleistung gewesen, erklärte Fürst. Zur Anwendung kam die Technik der sogenannten Caisson Foundations (Druckluftgründung), bei der die Arbeiter in einem Überdruckschacht unter Wasser arbeiten.

Bei der heutigen Anlage kommt ein Doppelschützensystem zur Anwendung: Dabei können die Wehrschützen abgesenkt werden, so dass das Wasser überläuft. Sie lassen sich aber auch anheben, so dass das Wasser unten durchfliesst, was insbesondere Sinn macht, wenn bei Hochwasser viel Geschiebe mitgerissen wird. Im Rahmen der Veränderungen, die mit der Neukonzessionierung einhergehen, wird eine neue kreisförmige Schützenanlage eingebaut.

Die im Wehroberbau untergebrachten Maschinen und die Vorrichtungen, um die Schützen zu bewegen, sind dann, wie Fürst deutlich machte, nicht mehr nötig. Damit verliert der Wehrgang seinen Zweck, womit der Rückbau möglich wird. Der ganze Unterbau im Fluss drin, kann jedoch, so der Bauingenieur, auch in Zukunft weiterverwendet werden.

«Wir schauen mit einem lachenden und einem weinenden Auge in die Zukunft», meinte Fürst zum bevorstehenden Abbruch eines Baudenkmals, das zu einem Teil der Kraftwerklandschaft im Niederamt geworden ist. Eines Zeitzeugen, der laut Jahresbericht 2011 des Präsidenten des Solothurner Heimatschutzes als letzter seiner Art in der Schweiz erhalten ist. Es handle sich um «ein sehr frühes und in seiner Ausformulierung besonderes Bauwerk im Betonskelettbau», schrieb Philipp Gressly damals unter Berufung auf die Einschätzung beigezogener Fachleute.

Beim Winznauer Wehr,machte Armand Fürst klar, sei auch auf eine ästhetische Ausgestaltung geachtet worden. Bei der Betonskelettbauweise ohne Verkleidung ist das nicht selbstverständlich. Ein Vergleich anhand von Fotografien deutscher Anlagen, die mehr oder weniger gleichzeitig entstanden sind, zeigte dies deutlich auf.

Während eine dieser Wehroberbauten eine ähnliche Formensprache erkennen lässt wie jene an der Aare zwischen Olten und Winznau, wird bei der andern vollständig darauf verzichtet, der reinen Funktionalität auch einen ästhetischen Anspruch zur Seite zu stellen.

Das künftige Wehr freilich, kritisiert nun der Solothurner Heimatschutz, lasse die wünschbare Qualität bei der Gestaltung vermissen. Im Jahresbericht 2012 hält Philipp Gressly fest: «Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass der Unterbau zweckmässigerweise erneuert werden muss und damit der Oberbau seine unmittelbare Funktion verlieren wird.» Das sei für den Heimatschutz ein wesentlicher Aspekt gewesen, der dazu beigetragen habe, dass man bei der Planauflage - keineswegs leichten Herzens - auf die Anhebung einer Einsprache verzichtet habe.

Gerade wegen der Qualität und der Bedeutung des historischen Bauwerks wäre es, so Gressly weiter, wünschbar gewesen, «dass das künftige Wehr mit seiner Brücke qualitätsvoll ausgestaltet wird». Leider habe dieses in der Vernehmlassung geäusserte Anliegen kein Gehör gefunden. «Anders als in andern Kantonen», heisst es im aktuellen Jahresbericht des Solothurner Heimatschutzes wörtlich, «scheint es bei uns keine Selbstverständlichkeit zu sein, dass von einem gewinnorientierten Unternehmen, welches beispielsweise zum Zwecke der Energiegewinnung öffentlichen Raum beansprucht, im Gegenzug die Gewährleistung einer minimalen gestalterischen Qualität verlangt wird.»

Fazit: Was aus denkmalschützerischer Sicht verloren geht, wird nicht adäquat ersetzt werden. Aber wenigstens sind die Erdebebensorgen vom Tisch.