Lange muss Yvonne Misteli nicht überlegen auf die Übernahme der Chäsi Neuendorf angesprochen: «Das war im Mai 2002», sagt sie und scheint selbst etwas überrascht, dass inzwischen bereits 16 Jahre vergangen sind. Damals hat nicht viel gefehlt und Yvonne Misteli hätte von Herbert Nimrichter den Dorfladen übernommen.

«Herbert Nimrichter und ich waren uns schon fast handelseinig und ich hatte meine Stelle im Blumenhandel bereits gekündigt», erinnert sich Yvonne Misteli. Dann sei aber Volg als möglicher Pächter des Ladens auf den Plan getreten und habe schliesslich auch den Zuschlag bekommen. Glücklichweise sei zu diesem Zeitpunkt der Chäsi-Laden frei geworden, weil der Neuendörfer Käser Walter Steiner seinen Pachtvertrag mit der Käsereigenossenschaft hatte auslaufen lassen.

Als Versuch gestartet

«Für mich war das ein Glücksfall und der Beginn meiner Selbstständigkeit», sagt Yvonne Misteli. Entstanden sei der Wunsch, selbst ein Geschäft zu führen, weil es sie als gelernte Verkäuferin zurück in den Lebensmittelhandel gezogen habe. «Meine Ausbildung absolvierte ich im Coop-Laden in Egerkingen.» Vor der Übernahme der Chäsi habe sie lange darüber nachgedacht, ob sie den damit verbundenen Aufwand wirklich auf sich nehmen soll. Und Yvonne Misteli wollte: «Ich sagte mir, ich probiere das einfach mal aus.»

Der Anfang in der Chäsi war eine Herausforderung. Ausser der Käsereibe und einer Aufschnittmaschine vom vormaligen Käser und den Kühlanlagen der als Vermieterin auftretenden Käsereigenossenschaft seien die Regale im Laden leer gewesen. In Anlehnung an ihre Vorgänger habe sie das erste Sortiment zusammengestellt und sei damit gut gefahren.

Immer in Bewegung sei das Käsesortiment, welches laufend der Nachfrage der Kundschaft angepasst werde. Neben den Standard-Käsen sind derzeit Nusskäse vom Napf, «Die wilde Hilde», ein cremiger Rohmilchkäse, und der Männerkäse vom Reckenkien sehr gefragt, berichtet Misteli. Solche Spezialitäten landen oft auch auf Käseplatten, die von der Kundschaft sehr gefragt und eine wichtige Einnahmequelle sind.

Produkte aus der Region

Vom eigentlichen Kerngeschäft, den Milch- und Käseprodukten allein, könnte die Chäsi aber nicht rentabel betrieben werden. Deshalb hat Yvonne Misteli ihr Sortiment so ergänzt, dass das Wichtigste, – vom Haushaltspapier über Mehl und Zucker bis hin zu einer guten Flasche Wein –, in ihrem Laden eingekauft werden kann.

Dazu gehören auch saisonale Produkte wie etwa Gemüse, Salat, Obst, Kartoffeln, Beeren, Eier oder Honig. Diese Waren stammen ausschliesslich von Produzenten aus der Region. Wann immer möglich setze sie auf Produkte, welche in der Schweiz hergestellt oder verarbeitet werden. Dazu zählen untern anderem das Häxli-Bier, dessen Hopfen aus Wolfwil stammt oder der in Solothurn geröstete Kaffee von Oetterli.

Ebenfalls eine wichtige Rolle nehmen im Sortiment die Backwaren wie Brot und Zöpfe ein. Letztere gibt es jeweils am Samstag. Dafür steht Yvonne Misteli schon um 3 Uhr morgens im Laden, um aus dem selbst gemachten Teig Butterzöpfe in verschiebenden Grössen zu backen. Auf Wunsch bäckt sie auch anderweitige Formen wie Täubchen, Knöpfe und anders mehr. Während der Werktage wird im Laden Bauernbrot angeboten, das natürlich von Bauern aus der Region stammt.

Kunden halten Laden am Leben

Die Arbeit im Laden bereite ihr immer noch grosse Freude, sagt Yvonne Misteli. Auch weil ihr seit dem Umbau im Jahr 2012 die ganze Ladeneinrichtung gehöre. Motivierend und beruhigend sei ferner, dass sie nach dem Verkauf und dem noch laufenden Umbau des Chäsi-Gebäudes wisse, woran sie sei. «Es macht Spass, sein eigener Chef zu sein», sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Möglich mache dies ihre treue Kundschaft aus dem Dorf und den Nachbargemeinden. Einige tätigten regelmässig Grosseinkaufe. «Dankbar bin ich für jeden Einkauf, egal wie umfangreich».

Allerdings gibt es auch Schattenseiten in ihrem selbst gewählten Traumberuf, sprich kaum Freizeit. Ausser am Montag- und am Mittwochnachmittag sowie sonntags ist Yvonne Misteli immer im Laden anzutreffen. Wirklich frei hat sie nur am Sonntagnachmittag. «Am Morgen putze ich den Laden», so die 57-Jährige.

Bisher nicht gestört hat sie, während der letzen 16 Jahren noch nie Ferien gemacht zu haben. Das hole sie nach ihrer Pension nach, so die Workaholic-Frau. Wann das der Fall sein werde, müsse sie offenlassen. Die nächsten Jahre habe für sie Priorität, täglich mit neuem Elan für die Kundschaft da zu sein und ihr zu dienen. Die Kraft dafür schöpfe sie aus den Kontakten mit den Menschen. «Das ist für mich ein Teil des Lohns, den ich nicht missen möchte».