Härkingen
Die Industriezone wird zur Belastung

Gerhard Studer kämpft mit seinem Komitee gegen das am 23. April zur Abstimmung gelangende räumliche Leitbild der Gemeinde.

Erwin von Arb
Drucken
Teilen
Gerhard Studer auf dem Areal, auf dem die geplante regionale Arbeitsplatzzone dereinst zu stehen kommen soll. In Hintergrund die bestehende Industriezone.

Gerhard Studer auf dem Areal, auf dem die geplante regionale Arbeitsplatzzone dereinst zu stehen kommen soll. In Hintergrund die bestehende Industriezone.

Erwin von Arb

Die Bevölkerung von Härkingen hat sich in den letzten 40 Jahren fast verdoppelt und betrug per Ende letzten Jahres 1570 Personen. In diesem Tempo soll das Dorf künftig aber nicht mehr wachsen, wie dem von der Gemeinde erarbeiteten räumlichen Leitbild zu entnehmen ist.

Als Obergrenze wird bis ins Jahr 2035 eine Einwohnerzahl von 2000 Personen genannt. Ebenfalls moderat wachsen soll in den nächsten 20 Jahren die Industrie- und Gewerbezone. Festgehalten wird dazu im Leitbild, dass dem haushälterischen Umgang mit dem Boden und der hohen Wertschöpfung bei künftigen Industrieansiedlungen eine besondere Beachtung geschenkt werden soll.

Rund 39 von der insgesamt 49 Hektar umfassenden regionalen Arbeitsplatzzone (RAZ) sollen auf das Gemeindegebiet von Härkingen (pink) zu liegen kommen. Auf Egerkingen (orange) und Neuendorf (blau) entfallen 10 Hektaren.

Rund 39 von der insgesamt 49 Hektar umfassenden regionalen Arbeitsplatzzone (RAZ) sollen auf das Gemeindegebiet von Härkingen (pink) zu liegen kommen. Auf Egerkingen (orange) und Neuendorf (blau) entfallen 10 Hektaren.

ZVG

«Leitbild setzt keine Grenzen»

Für Gerhard Studer und sein 30-köpfiges Nein-Komitee zum Leitbild steht diese Aussage klar in Widerspruch zur Absichtserklärung der Gemeinde, die Einrichtung einer regionalen Arbeitsplatzzone (RAZ) zu unterstützen.

In dieser Zone soll in Zusammenarbeit mit dem Kanton eine regional koordinierte Industrie- und Gewerbezone für die Gemeinden Egerkingen, Neuendorf und Härkingen entstehen. «39 Hektaren dieser insgesamt 49 Hektaren grossen Arbeitszone befinden sich auf dem Gemeindegebiet von Härkingen», bemerkt Studer mit dem Verweis, dass damit Tür und Tor für eine nicht erwünschte Vergrösserung der Härkinger Industriezone geöffnet würden.

Der in den letzten Jahren beobachtete Ausbau der Industriezone um jährlich
eine Hektare würde unvermindert weitergehen, befürchtet Studer. Seit 1972 seien vom 45 Hektaren grossen Industriearareal nördlich der Autobahn rund 40 Hektaren verbaut worden. Wenn das RAZ realisiert werde, bestehe die Gefahr, dass auch noch die letzten Landreserven zwischen der Autobahn und der bestehenden Industriezone innert kurzer Zeit verbaut seien. Nicht ausgeschlossen werden könne ferner, dass der Kanton einmal mehr in Härkingen einen Bauplatz für ein Projekt mit überregionalem Interesse suche.

Schon jetzt stark belastet

Soweit dürfe es gar nicht erst kommen, findet Studer. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass in der RAZ weitere Logistikfirmen angesiedelt würden, was im Dorf zu einer noch höheren Verkehrs- und Lärmbelastung führen werde. «Wir tragen im Norden mit dem Autobahnkreuz, den Paket- und Briefzentren der Post, den Logistikunternehmen Planzer, Emil Egger und Emil Frey schon genug nationale und regionale Lasten», findet Studer. Dazu komme der tägliche Lastwagenverkehr auf der Nord-Süd-Achse aus dem Kiesabbaugebiet und der Deponie auf Härkinger Boden sowie der Pendler- und Einkaufsverkehr aus dem Oberaargau.

Studer ist überzeugt: Die Mehrheit der Bevölkerung will nicht noch mehr Verkehr und Lärm auf den Strassen. Deshalb habe er an der Gemeindeversammlung vom 13. Dezember 2016 auch den Antrag gestellt, an der Urne über das räumliche Leitbild zu befinden — mit dem Ziel, dass dieses und mit ihm die Einrichtung einer RAZ abgelehnt wird.

Danach müsse noch einmal eine Mitwirkung für das Leitbild durchgeführt und dieses in der Folge ohne RAZ zur Abstimmung vorgelegt werden. Des Weiteren müssten Grundlagen erarbeitet werden, mit denen die Ansiedlung von Logistikfirmen verhindert oder zumindest erschwert werde.

Breit abgestützter Entscheid nötig

Eine Zwängerei, wie dies im Dorf behauptet werde, sei seine Aktion nicht, beteuert der 67-Jährige. Er habe sich seit je für das Dorf eingesetzt, sagt Studer, der 24 Jahre im Gemeinderat sass und gegenwärtig in der Werk- und Umweltkommission tätig ist.

Eine Gemeindeversammlung sei für ein solch wichtiges Geschäft nicht geeignet. Dieser Entscheid müsse möglichst breit abgestützt gefällt werden, was bei einem Urnengang der Fall sei. Es brauche eine moderatere und vor allem intelligentere Industrieansiedlung, um die Lebensqualität in Härkingen zu erhalten. «Die folgenden Generationen brauchen auch noch Entwicklungsmöglichkeiten», so Studer.»

Gemeindepräsident Daniel Nützi erklärt, dass sich auch der Gemeinderat für ein moderates Wachstum der Industrie- und Gewerbezone ausspreche. Mit einer RAZ könne die Ansiedlung von Industriebetrieben an einem verkehrsgünstigen, ausserhalb des Siedlungsraums liegenden Ort konzentriert und damit die Wohnbevölkerung von Lärmemissionen geschützt werden. Eine Verkehrserhebung habe gezeigt, dass die Zu- und Wegfahrt des Schwerverkehrs in die Härkinger Industriezone zu über 90 Prozent über die Autobahn erfolge.

«Gemeinde hat das letzte Wort»

Den Vorwurf der Gegner, die letzten Landreserven würden mit einer RAZ innert Kürze zubetoniert, dementiert Nützi. «Dabei geht es um einen Zeithorizont von rund 50 Jahren, und die in Etappen zu bebauenden Flächen müssen dann jeweils in den durchzuführenden Ortsplanungsrevisionen festgelegt werden. Die Planungshoheit wird also bei der Gemeinde bleiben», betont Nützi. Deshalb empfehle er und der Gesamtgemeinderat den Stimmberechtigten beim Urnengang vom 23. April die Annahme des räumlichen Leitbildes.

Aktuelle Nachrichten