Neugierige Blicke empfangen uns beim Betreten der Hauseinfahrt der Grossfamilie Misteli in Neuendorf: von Katze Joscha und von drei Mädchen im Kindergartenalter. Drei der insgesamt elf Kinder, die aktuell in der Institution Grossfamilie Misteli leben. Für die Heimleiterin Christa Misteli und ihre Mitarbeiterinnen ist es ein «Zusammenleben» mit den Kindern. Dabei gehen sie auf deren unterschiedliche Bedürfnissen ein und versuchen die vielen «schweren Rucksäcke», welche diese mitbringen, abzunehmen. Und dies nun seit 15 Jahren.

«Angefangen hat alles als Pflegefamilie», erinnert sich die Heimleiterin Christa Misteli, welche die Institution gegründet hat. Verändert hat sich seither einiges: Im 2009 ging die Grossfamilie Misteli GmbH zu den drei Gesellschaftern Sandra Kolly, Lothar Weibel und Willy Dollinger über, und seit dem letzten Jahr darf die Institution Kinder aus der gesamten Schweiz aufnehmen. Finanziert werden die Heimplätze von Taggeldern der jeweiligen Gemeinden.

Nur eine stets offene Glastür markiert die Grenze vom Heim zur privaten Wohnung der Heimleiterin, in welcher Misteli mit drei eigenen Kindern wohnt. Ist da eine Trennung von Arbeit und Freizeit überhaupt möglich? «Am Anfang war es schwierig, doch mit der Zeit habe ich gelernt, Abstand zu nehmen.» Auch wenn es nebenan manchmal etwas wild zu- und hergeht, kann sie mittlerweile in der separaten Wohnung sogar ganz abschalten. «Dies verdanke ich auch meinem tollen Mitarbeiter-Team.» Obwohl sie und ihr Team bei der Arbeit manchmal ans Limit der Kräfte kommen, empfindet Misteli die Arbeit als sehr «sinngebend» und erfüllend. «Ich bin froh, dass ich so arbeiten kann», ergänzt die Heimleiterin.

300 Gäste sollen es sein

Konzentriert basteln nun einige Kinder zwischen fünf und elf Jahren draussen mit einer Sozialpädagogin Spendenkässeli. «Die sind für den Tag der offenen Tür», heisst es. In der Tat laufen die Vorbereitungen für den grossen Event, welcher am Samstag, 8. Juni, zum 15-Jahr-Jubiläum stattfinden wird, auf Hochtouren. Geplant sind ein Kinderkonzert mit Ueli Schmezer, eine Hüpfburg, eine Kinderschminke und ein Spielparcours. Was für die Heimleiterin und ihre Mitarbeiter viel Organisationsarbeit bedeutet, scheint den Kindern nur Spass zu bereiten. Auch die Tischdekorationen werden sie mitgestalten und die Älteren unter ihnen werden beim Organisieren der Spielposten mithelfen. Beim letzten Tag der offenen Tür, welcher bereits etwa sieben Jahre zurückliegt, wurden 300 Gäste empfangen. «Diesmal werden es hoffentlich mindestens genauso viele Besucher sein», freut sich Misteli.

Langweilig wird es quasi nie im Kinderheim. Praktisch jedes zweite Wochenende macht die «grosse Familie» einen Ausflug. Auch wenn es manchmal nur kleinere Sachen sind, wie zum Beispiel eine Velotour oder das Bräteln im Wald, findet es Misteli wichtig, etwas mit den Kindern zu unternehmen. «In den Schulferien organisieren wir dann noch mehr als sonst», fährt die Heimleiterin fort.
Sehr wertvoll findet sie auch die Kindernachmittage, an welchen jeweils eine Schulklasse eingeladen wird, um die Kinder der Grossfamilie Misteli und ihr Umfeld besser kennenzulernen. Damit sollen auch viele Vorurteile abgebaut werden. Die Rückmeldungen seien bis jetzt stets positiv ausgefallen. «Nach den Besuchstagen sind dann auch viele Kinder in ihrer Freizeit zu uns ins Heim, um mit ihren neuen Gspändli zu spielen», erzählt die Heimleiterin.

3 Anfragen im Monat

Gross ist die Nachfrage an Plätzen im Neuendörfer Kinderheim. Konkret handelt es sich laut Misteli um zwei bis drei Anfragen im Monat. Diese kommen zunehmend aus dem Aargau. «Wir können aber keine Warteliste führen», so die Heimleiterin. «Wir müssen immer sehr spontan handeln können, da die Kinder sehr schnell eine Lösung brauchen.» Da die Plätze eigentlich auf zehn beschränkt sind und die Kinder oftmals relativ lange im Heim bleiben, spielt der Faktor Glück bei der Platzzuweisung eine grosse Rolle. Bereits jetzt belegt das Heim einen Platz mehr als vorgesehen. Dafür musste es eine Einzelplatzbewilligung erhalten. Mistelis Wunsch ist es, in Zukunft das Heim zu erweitern, um noch mehr Kindern das nestwarme Betreuungsangebot anbieten zu können. Wichtig sei der Heimleiterin, nicht in Konkurrenz mit den leiblichen Eltern zu stehen. Sie sieht sich eher als «Konstante» für die Kinder. Bewusst bezeichnet sich Misteli selbst auch nicht als «Pflegemami», sondern als Heimleiterin.
Draussen haben sich noch weitere Kinder der «Bastelrunde» angeschlossen. Misteli schaut ihnen über die Schulter und motiviert nebenbei ein Mädchen, welches ihre Ballkünste vorführt. Gleichzeitig rennt ein 3-jähriges Mädchen über die Ziellinie eines kleinen Wettrennens Misteli strahlend in die Arme.