Mümliswil
Die grosse Leidenschaft Theater: Er stand 60 Jahre auf der Dorfbühne

Der Mümliswiler Ernst Bader (75) wäre diesen Januar gerne zum letzten Mal fürs Theater aktiv gewesen. Der Abschied wird ihm verwehrt.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Ernst Bader auf der Bühne. (Archiv)

Ernst Bader auf der Bühne. (Archiv)

zvg

Wäre es ein «normales» Jahr, wäre Ernst Bader aus Mümliswil derzeit von einem Virus befallen: dem Theatervirus. «Im Januar wird jeweils das Theaterstück der Theatergruppe der Konkordia aufgeführt», erzählt der 75-Jährige. In dieser Laientruppe führt er schon seit Jahren Regie und war vorher schon lange Zeit als Schauspieler im Einsatz.

Seit 60 Jahren insgesamt ist «Bader Ärnscht», wie man ihm im Guldental nennt, auf unterschiedlichen Bühnen im Dorf zu sehen. Der Bauernsohn erzählt zuhause in seiner Wohnung im Dorf, wie es dazu kam. «Als Kinder spielten wir immer auf dem Alten Turnplatz bei der Linie Theater oder Zirkus. Wir waren eine Gruppe von Nachbarskinder und studierten selbst kleinere Stücke ein oder sahen uns als Zirkusartisten.

Dafür haben wir sogar Eintritt verlangt, der auch bezahlt wurde», erinnert er sich. «Das waren 5 oder 10 Rappen. Doch einmal haben wir etwa 30 Franken eingenommen. Das spendeten wir an eine afrikanische Mission und dafür hat uns der damalige Pfarrer einen Imbiss spendiert. Das vergesse ich nie mehr». Bader lacht.

Doch es war nicht nur das Theaterspielen, das schon den jungen Ernst begeisterte. «Ich war und bin eigentlich immer noch ein richtiger Vereinsmensch», sagt er und zählt auf: «Jungwacht, Jungmannschaft, Skiclub, Musikgesellschaft Konkordia, Schützen, Feuerwehr, Turnverein - ich war überall Mitglied, zum Teil heute noch.» Tatsächlich gibt es in Mümliswil wohl kein Fest - ob gross oder klein - an dem Ernst Bader nicht eine Aufgabe erfüllt. «Meist war ich für die Bierschwemme oder für das Buffet zuständig», sagt er, der gelernte Mechaniker, der ab 1977 als Abwart im Schulhaus Brühl arbeitete.

«Theaterspielen - das mache ich nie wieder»

Doch das Theaterspielen, das war und ist seine ganz grosse Leidenschaft. Er erinnert sich noch an seine erst Rolle als Diener im Drama «Die Kammerzofe Robespierres». «Ich hatte im ganzen Stück genau zwei Sätze zu sagen. Doch bei den Proben schickte mich der Regisseur immer und immer wieder hinaus, kaum hatte ich den ersten Satz begonnen, ganze einundzwanzigmal. Da sagte ich mir: Theaterspielen - das mache ich nie wieder.» Dennoch hatte ihn das Theaterfieber gepackt, vor allem auch aufgrund seines handwerklichen Geschicks. «Ich war auch für die Kulissen zuständig - manchmal mehr, manchmal weniger.»

Es gab früher im Dorf viele Gelegenheiten, sich ein Theater anzuschauen - auch ohne TV und ohne lange Autofahrt. «Da hatte doch jeder grössere Verein eine eigene Theatergruppe», erinnert sich Bader. Sei dies der Turnverein, Konkordia oder FC. «Ich erinnere mich noch, wie wir als Schüler die Kindervorstellungen am Nachmittag besuchen durften. Da standen die Schüler, die zur Vorstellung in den Saal des Restaurants Traube wollten in einer Schlange an, die bis zum Restaurant Kreuz reichte.»

Ruedi Walter war ein Vorbild

Ernst Bader hat in den vielen Jahren, die er auf der Bühne stand, auch seine Lieblingsrollen gehabt. Er erwähnt den Chinesen im Stück «S’Hotelgspängscht, in dem er den Saal zum Lachen brachte. Doch sind ihm auch immer ernstere Rollen lieb und wichtig gewesen. «Zuerst spielten wir ja auch immer noch Dramen. Doch das Publikum wollte eher etwas zum Lachen sehen.» Und so waren es dann hauptsächlich Schwänke, welche die Theatergruppe der Konkordia aufführte.

Alle zwei Jahre stand wieder ein neues Stück an. Befragt einem Lieblingsschauspieler, den er bei seinem Spiel auch mal im Hinterkopf gehabt habe, erwähnt Bader Ruedi Walter. «Er war ein toller Schauspieler und auch seine Kollegen, die alte Garde der Schweizer Schauspieler bewundere ich bis heute.» Ab dem Jahr 2000 wechselte «Bader Ärnscht» vom Schauspielfach in die Regie.

Der Insider-Tipp mit dem Textbuch

«Ich glaube, ich könnte bei einem Stück jede einzelne Rolle spielen», sagt Bader zum Thema Textsicherheit. Auswendig-lernen sei nie ein Problem gewesen. Er hat einen Tipp. «Auch wenn mich jetzt alle auslachen: Ich bin sicher, es hilft, wenn man vor dem Einschlafen im Textbuch liest und dieses nachher unters Kopfkissen legt.»

Momentan denkt Ernst Bader etwas wehmütig an die vergangenen Jahre. «Es ist schon nicht einfach, diese Corona-Zeit. Es findet nichts mehr statt, nicht einmal mehr eine Jassrunde. Alle Vereinsanlässe sind gestrichen; natürlich auch das Theater, das jetzt eigentlich hätte stattfinden sollen. Wir haben 2019 zum letzten Mal eine Aufführung gehabt. 2021 hätte meine letzte Inszenierung werden sollen.» Ob er denn nicht doch nächstes oder übernächstes Jahr wieder ein Theater einstudieren werde? Er winkt ab. «Nein. Meine Theaterzeit ist halt jetzt vorbei.»