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Die Grico Group bleibt in der Familie: Sohn Reto übernimmt die Führung von Frédy Grimm

Frédy Grimm (80) ist Unternehmer durch und durch. Als Visionär hat er eine Nase fürs Geschäft. Nun gibt er die Führung seiner Grico Group ab - an seinen Sohn Reto.

Philipp Kissling
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Aus dem Familienalbum 1995: Laura und Frédy Grimm (sitzend), dahinter Tochter Gabriele und Sohn Reto.

Aus dem Familienalbum 1995: Laura und Frédy Grimm (sitzend), dahinter Tochter Gabriele und Sohn Reto.

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Philipp Kissling

«Man muss sich mit Leuten umgeben, die intelligenter sind als man selbst.» Dieser Grundsatz ist für Frédy Grimm zentral. «Und dann muss man ihnen Aufgaben delegieren und Kompetenzen übertragen.» Schliesslich das Wichtigste: «Lo mache!» Machen lassen und auch einmal etwas geben, das über den Zahltag hinausgeht. «Güte zahlt sich aus», sagt er. Grimm ist nicht der Erfinder dieses Rezepts, aber er hat es gelebt, vielleicht ausgeprägter als andere. Das Unternehmertum liegt ihm im Blut. Frédy Grimm zögert, während sein Sohn Reto nickend zustimmt, aber ja, doch, «ich glaube schon», sagt er und ergänzt: «Ich bin ein Verkäufer, vom Scheitel bis zur Sohle.»

Grimm ist trotz des Erfolgs auf dem Boden geblieben, Überheblichkeit ist nicht sein Ding. Sein Werk lässt sich sehen, dessen ist er sich sehr wohl bewusst. Er schaut mit Vergnügen und Stolz auf seinen beruflichen Weg zurück, weiss, dass es ein eigenwilliger Weg war, mit dem er auch aneckte. Dinge anders zu machen als andere, war Motto und Programm zugleich, und wenn die Leute eine seiner Ideen mit dem Prädikat «Unmöglich!» versahen, war das seine Triebfeder. «Wir arbeiten am Unmöglichen, wie wenn es möglich wäre.» Der Leitsatz zierte einst die Wand seines Büros und bringt Grimms Einstellung zu den alltäglichen Herausforderungen auf den Punkt. «Ich bi scho chli en Revoluzzer gsi», sagt er schmunzelnd in seinem Züridütsch, das er sich weitgehend bewahrt hat.

Die festgefahrene Druckbranche aufgemischt

1990 gründete Frédy Grimm die Einzelfirma Grico-Druck. Bereits nach einem Jahr des Bestehens in eine AG umgewandelt, mischte Grimm mit seinem Geschäftsmodell die Druckbranche gehörig auf. Die Idee, Druckprodukte zu verkaufen, war nichts Revolutionäres. Neu aber war, dass da einer auf eine eigene Infrastruktur weitgehend verzichtete und stattdessen freie Kapazitäten von Druckfirmen im In- und Ausland nutzte. «Der Aufbau einer Infrastruktur war widersinnig, weil grosse Überkapazitäten bestanden», erklärt Grimm. Ein Beispiel: Lastete eine Druckerei ihre Maschinen an einem Tag sechs Stunden aus, kaufte er die zwei freien Stunden, um seine Produkte laufen zu lassen. Die Druckerei erreichte so eine höhere Auslastung und Grimm eine effiziente Auftragsabwicklung bei attraktivem Preis.
Die Rechnung ging auf, Grico-Druck machte sich bald einen Namen. «Die Druckbranche damals war träge und festgefahren in ihrem System», sagt er. Das Angebot habe sich an den Strukturen der Druckereien orientiert, Grimm aber drehte den Spiess um und stellte die Bedürfnisse der Kundschaft ins Zentrum. «Bei uns gab es die Offerte nicht erst nach drei Tagen, sondern innerhalb von 24 Stunden.»
Und eben, vor vermeintlich zu hohen Hürden schreckte Grico-Druck nicht zurück und half damit manchem Kunden aus der Patsche. Grimm macht ein Beispiel: «Merkte einer am Mittwoch, dass er noch Druckmaterial für die Ausstellung am Samstag braucht, winkten wir nicht ab, sondern machten das vermeintlich Unmögliche oft möglich.»

Ein Grossauftrag für eine mehrseitige Broschüre zur Bahn 2000 war der Durchbruch, einer mit Nebengeräuschen. «Die ‹Solothurner Zeitung› bekam mit, dass wir im Ausland druckten und kritisierte darauf den Kanton», sagt Grimm.

Von prominenten Kunden und stetem Wachstum

Sein Ziel sei immer gewesen, im Inland zu produzieren, und er ging sogar soweit, sich an Druckereien in der Schweiz zu beteiligen. Aufträge ins Ausland zu vergeben, war dennoch kein Tabu, zumal gemäss Grimm damals die Druckereien ennet der Grenze technologisch den Schweizer Betrieben einen Schritt voraus gewesen seien. «Die Bahn-2000-Broschüre wurde wunderschön und war ein Türöffner für uns», freut sich Frédy Grimm noch heute. «Wir hatten bald prominente Kunden wie die Swissair oder Basler Pharmafirmen, und wir waren es, die den Umschlag des neu gegründeten Magazins NZZ Folio lieferten, dafür klopfte ich mir sogar selber auf die Schulter.» Im Jahr 2000 fasste er sämtliche Geschäftstätigkeiten in der Grico Group AG zusammen; einige Jahr später verkaufte er die Grico-Druck AG, die weiterhin besteht und heute neun Mitarbeitende beschäftigt.

Welschenrohr und den Kanton im Auge

Frédy Grimm hatte mehrere Eisen im Feuer und wurde seines eigenen Glücks Schmied. Der ursprüngliche Diplomlandwirt hatte sich laufend weitergebildet, besonders auch kaufmännisch. Als während der Uhrenkrise in den 1970er-Jahren Welschenrohr innert Wochen hunderte Arbeitsstellen verlor, half er mit, die Leute in der kantonalen Verwaltung sowie in Firmen in Solothurn, Grenchen und Biel unterzubringen. Grimm war die treibende Kraft, als es anschliessend um die Ansiedlung neuer Firmen ging, und er feierte einige Erfolge. Das intensive Engagement bescherte ihm 1981 das Welschenrohrer Bürgerrecht als Geschenk. Später, von 1985 bis 1993, machte er Politik und sass für die FDP im Kantonsrat.

In den 1980er-Jahren war es auch, als er gemeinsam mit einem Partner aus dem Tessin italienische Lebensmittel importierte. Sie vertrieben unter anderem «Buitoni», bis die Marke von einem Grosskonzern geschluckt wurde. Dieses Geschäft brachte Grimm Erfahrung sowie das Startkapital für die Gründung der Grico-Druck und den Luxus, über den Tellerrand hinausblicken zu können. So 1993, als er für einen Bekannten einen Geschäftsführer suchen sollte für die neue BGS Bau Guss AG und sich intuitiv als Mitgründer beteiligte. Ein Glücksfall, denn die Firma hat sich sehr erfolgreich am Markt etabliert.

Innovative Start-ups unterstützen und begleiten

Seit der Trennung vom Druckgeschäft sind in erster Linie Beteiligungen und Immobilien das Terrain, auf dem sich die Grico Group AG bewegt. Am vergangenen 1. März übernahm mit Reto Grimm der Sohn des Patrons die Geschäftsführung. Der bald 52-Jährige ist gelernter Tiefbauzeichner und studierte visuelle Kommunikation an der Höheren Fachschule für Gestaltung. Um das Familiengeschäft übernehmen zu können, entschied er sich für die Heimat und gegen Deutschland, wo er die letzten zwei Jahrzehnte verbracht hatte. In Hamburg war er erst zehn Jahre für eine grosse Agentur und danach ebenso lange für seine eigene Firma als Berater in Sachen Corporate Identity unterwegs.

Als Auswanderer spürte ich immer eine gewisse Lust, irgendwann heimzukehren.

(Quelle: Reto Grimm (52), Neuer Geschäftsführer Grico Group)

«Als Auswanderer», erklärt Reto Grimm, «spürte ich immer eine gewisse Lust, irgendwann heimzukehren.» Nun will er die Arbeit seines Vaters weiterführen, in dessen Sinn, aber auch mit der Ambition, der Grico Group eine eigenständige Ausrichtung zu verleihen. Im Immobiliengeschäft soll nebst Wohnungen und Gewerbeflächen zum Beispiel auch die Arealentwicklung ein Thema sein. Bei den Beteiligungen auf der anderen Seite will sich Reto Grimm bei den Start-ups intensiv umhören und innovative Projekte unterstützen und begleiten. Die Chancen auf Erfolg stehen gut, denn die Grico Group, sagt er, befinde sich in «einer unglaublich guten Ausgangslage».

Frédy Grimm kam als «Märchenprinz» nach Welschenrohr

Frédy Grimm ist im Februar 80 Jahre alt geworden. Er will noch bis Ende Jahr Verwaltungsratspräsident der Grico Group AG bleiben. «Denn isch fertig», sagt er, der am 3. April 1960 als Rekrut erstmals nach Welschenrohr gekommen war und – sich in die einheimische Laura verliebte.

Vielleicht gründe ich ja noch einmal eine Firma.

(Quelle: Frédy Grimm (80), Gründer der Grico Group AG)

Der junge Frédy war sozusagen als Märchenprinz erschienen, nämlich als Trainsoldat mit dem Ross von Wangen an der Aare über die Schmiedenmatt herkommend. Aus dem Jüngling aus dem zürcherischen Wetzikon wurde ein richtiger Welschenrohrer. Sechs Jahrzehnte später verhinderte der Corona-Stillstand zwar die grosse Feier des Mehrfachjubiläums, das Glück aber bleibt ungetrübt. Mit der Übergabe der Geschäfte schliesst sich ein Kreis. Was nicht heissen will, dass sich der Patron ganz zurückziehen will. «Vielleicht» sagt er mit strahlendem Lachen, «vielleicht gründe ich ja noch einmal eine Firma!»

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