Ist die Autobahn Segen oder Fluch für das Gäu? Diese Frage stellt sich immer wieder von Neuem. Denn laufend gibt es neue Projekte, die einerseits dem wirtschaftsgetriebenen Wohlstand dienen, anderseits aber auch Belastungen mit sich bringen. So entstanden seit der Eröffnung der Gäu-Autobahn vor gut 50 Jahren zahlreiche Lagerhallen und Logistikunternehmen. Die einstige Kornkammer des Kantons Solothurn entwickelte sich sukzessive zum Logistik-Valley, das einstige Armenhaus des Kantons wurde zum Wachstumspol. Für diesen Wandel zahlte vor allem die Landwirtschaft einen hohen Preis. Allmählich leidet aber die ganze Bevölkerung im Mittel- und Berggäu unter den Folgen der Entwicklung, die viel Verkehr mit Dreck und Lärm ins Gäu gebracht hat und zunehmend Wohn- und Lebensqualität beeinträchtigt.

Autobahnausbau

Kein Wunder also, dass für den Autobahnausbau durchs Gäu von Politikern, Gemeindeverantwortlichen, Bauern, Natur- und Landschaftsschützern als flankierende Massnahme ein Tunnel gefordert wird. Damit sollen die Anwohner vor Lärmimmissionen geschützt, der Kulturlandverlust reduziert und ein natürlicher Wildübergang geschaffen werden. Doch der Bund bockt gegen das Tunnelvorhaben – aus Kostengründen. Das Bundesamt für Strassen (Astra) rechnet mit Zusatzkosten von 135 Mio. Franken; andere Experten kommen auf lediglich 50 Mio. Franken. Wahrscheinlich liegt der richtige Betrag irgendwo dazwischen. Entscheidender als dieser Wert ist die richtige Interessenabwägung, die in Anbetracht der Situation eigentlich zugunsten von Mensch und Natur ausfallen sollte – auch als Anerkennung dafür, dass die Gäuer Bevölkerung mit dem Autobahnkreuz A1/A2 und den für die Landesversorgung wichtigen Logistikunternehmen immissionsträchtige Anlagen erduldet.

Hochwasserschutz

Der Autobahnausbau hat auch Einfluss auf den Hochwasserschutz für den Dünnernabschnitt zwischen Oensingen und Olten. Obschon die Dünnern zwischen 1933 und 1944 durch eine Korrektion gebändigt wurde, ist sie durch die erwähnte Entwicklung des Siedlungsraumes für diesen wieder zu einer Bedrohung geworden. Fachleute gehen davon aus, dass ein Starkregen, der im Thal statistisch etwa alle 100 Jahre vorkommt, im Gäu Schäden in der Höhe von 550 Millionen Franken verursachen könnte. Hier liegt denn auch das Hauptaugenmerk beim Dünnern-Projekt, da vertiefte Abklärungen gezeigt haben, dass Massnahmen im Oberlauf der Dünnern den Schutz der Gemeinden im Gäu nicht sicherstellen können.

Rückhaltebecken oder Stollen

Das evaluierte Schutzkonzept sieht für den Abschnitt zwischen Oensingen und Olten drei Varianten vor. Bei Variante 1 geht es darum, die Abflusskapazität mit Gewässerverbreiterungen und Ufererhöhungen zu vergrössern, um das Hochwasser besser durchleiten zu können. Variante 2 will mit einem Rückhaltebecken im Raum Oensingen Wasser zurückhalten und so den Hochwasserabfluss verringern. Bei Variante 3 würde per Stollen ein Teil des Hochwassers direkt in die Aare geleitet. Je nach Variante beträgt der geschätzte Landbedarf 25 bis 36 Hektaren und die Investitionskosten 81 bis 237 Millionen Franken. Die Kosten haben zu 90 Prozent der Kanton und zu 10 Prozent die betroffenen Gemeinden zu tragen, obschon dieses Projekt auch in Zusammenhang mit der nationalen Autobahn steht. Deshalb, und weil mit dem Dünnern-Projekt der Landwirtschaft im Gäu erneut Produktionsflächen verloren gehen, sollte sich der Bund erkenntlich zeigen und sich in dieser Region beim Autobahnausbau eine land- und landschaftsschonende Lösung leisten – mit besagtem Tunnel.

Ausbau von Kieswerken

Es gibt noch einen weiteren Grund, mit der die Forderung nach einem schonungsvollen Autobahnausbau untermauert werden kann: Im Zusammenhang mit dem Autobahnausbau steigt im Gäu auch der Abbau von Kies. Laut Rolf Glünkin, Leiter der Abteilung Grundlagen/Richtplan beim kantonalen Amt für Raumplanung, dürfte es sich etwa um zusätzlich 30 000 Kubikmeter pro Jahr aus der Kiesgrube im Aebisholz in Oensingen/Kestenholz handeln. Dies wiederum ist mit ein Grund, dass man sich veranlasst sieht, die erwähnte Kiesgrube im Aebisholz und jene im Hard-Usserban in Härkingen/Fulenbach, deren Reserven erschöpft sind, zu erweitern. Kurzfristig umfassen die Erweiterungen der beiden Kiesgruben mit einem Zeithorizont bis etwa ins Jahr 2050 zwar hauptsächlich Waldgebiet, laut Rolf Glünkin gut 80 Hektaren für beide Gruben, und «nur» rund 8 Hektaren Landwirtschaftsland. Langfristig, mit einem Zeithorizont von 100 Jahren, sieht es jedoch anders aus, sollen gemäss Glünkin 100 Hektaren Landwirtschaftsland betroffen sein. Auch wenn nicht ausgeschlossen ist, dass im Gäu und im Kanton Solothurn hinsichtlich Abbau des «grauen Goldes» dereinst ein Umdenken stattfinden könnte, ist unter Berücksichtigung solcher Planperspektiven mit Kulturland jederzeit haushälterisch umzugehen, auch wenn das hin und wieder etwas Mehrkosten verursacht.

Cargo sous terrain

Der Verlust von Kulturland im Gäu durch transportorientierte Infrastrukturen und Unternehmen ist das eine, die Belastung von Mensch und Umwelt durch den motorisierten Verkehr das andere. Etwas gegen diese Entwicklung könnte das Projekt Cargo sous terrain (CST), zu Deutsch «Fracht unter dem Boden», bewirken. Die gleichnamige Firma plant im Mittelland ein unterirdisches Tunnelsystem, über welches der Güterverkehr abgewickelt werden könnte. Vorgesehen sind zwei Äste: Einer von St. Gallen über Zürich und Bern nach Genf, der andere von Basel nach Luzern. Der Knotenpunkt läge, wie bei der Autobahn, im Gäu. Grosse Verteilzentren könnten über Hubs mehr oder weniger direkt ans Tunnelsystem angeschlossen, die Autobahn entlastet werden. CST-Verwaltungsratspräsident Peter Sutterlüti rechnet damit, dass der Güterverkehr auf der A1 um 40 Prozent zu reduzieren wäre. Dem Gäu wäre zu gönnen, dass sich dieses Vorhaben nicht als Utopie erweist. Immerhin gehören gewichtige Unternehmen wie die Post, Swisscom und SBB Cargo, die Detailhändler Coop und Migros sowie der Berner Energiekonzern BKW und der Versicherer Mobiliar zu den Hauptaktionären der Cargo sous terrain AG.

Tatbeweis mit Autobahntunnel

Fazit: Das Gäu steht einmal mehr im Fokus zahlreicher Projekte, die mehr oder minder in Zusammenhang mit der Verkehrs-Hauptschlagader, der Autobahn A1, stehen. Die Bevölkerung im Berg- und Mittelgäu, die bereits arg unter dem immissionsträchtigen Verkehr leidet, und die Landwirtschaft, die schon grosse Opfer bringen musste, haben allmählich die Nase voll. Sie stellen berechtigterweise Forderungen und erwarten, dass ihre Anliegen hinsichtlich Wohnqualität und Lebensgrundlagen Berücksichtigung finden. Wie seinerzeit beim Bau des Witit-Tunnels zwischen Solothurn und Grenchen, wo das Schutzbedürfnis noch grösser war, gilt es im Gäu angemessen adäquat zu handeln. Und wenn es darum geht, für das Gäu menschen- und umweltfreundliche, land- und landschaftsschonende Lösungen zu finden, stehen Bund und Kanton in der Pflicht. Der geforderte Autobahntunnel wäre ein Tatbeweis.