«Ich möchte auch noch dieses Kostüm probieren», sagt die als Büsi verkleidete Céline Guggisberg zu ihrer Mutter und zeigt auf das am Kleiderbügel hängende gelbschwarz gepunktete Leopardengewand. Zwei Minuten später steht die 9-jährige Schülerin aus Balsthal vor dem Spiegel, während Isabella Lisser nach einer passenden Maske sucht.

Die 44-jährige Kostümverleiherin aus Mümliswil weiss genau, wo sie in eine solche findet. Für Aussenstehende kommt das einem Kunststück gleich, ob den rund 800 Kostümen, die Isabella Lisser in den zwei Räumen im Untergeschoss des Einfamilienhauses lagert.

Nachdem sich Céline für eine Halbmaske im Leoparden-Look entschieden hat, kümmert sich Mutter Marisa Guggisberg um den geschäftlichen Teil. 20 Franken verlangt Isabella Lisser für das Kostüm samt Larve. Zurückbringen muss Celina Guggisberg die Sachen nicht mehr, «die können sie behalten, so wie ich das im Inserat im Anzeiger versprochen habe», sagt Isabella Lisser zur verdutzten Mutter. Sie habe davon nichts gewusst, entgegnet die 27-jährige Balsthalerin, sie sei via Internet auf den Kostümverleih in Mümliswil aufmerksam geworden.

Bald keine Kinderkostüme mehr

Diese Aktion hat sich Isabella Lisser einfallen lassen, weil sie ihre rund 100 Kinderkostüme aus dem Sortiment nehmen will, wie sie verrät. Gründe dafür gebe es mehrere. Etwa, dass die Fasnacht insgesamt in der Bevölkerung nicht mehr den hohen Stellenwert früherer Jahre geniesse. Das sei nicht nur in Mümliswil zu beobachten.

Oder die Schliessung der «Limmernschlucht», wo bislang der Kindermaskenball stattgefunden habe. An eine Fortführung dieser Tradition an einem anderen Standort glaubt Isabella Lisser nicht. Ohne Kindermaskenball verliere sie quasi ihre zukünftigen Kunden, welche sie in der Vergangenheit bis ins Erwachsenalter begleitet habe.

Dass Isabella Lisser deshalb die Kunden ausgehen, ist aber nicht zu befürchten, wie die gebürtige Innerschweizerin und gelernte Kaminfegerin darauf angesprochen erwähnt. Sie rechnet dieses Jahr mit rund 200 Kostümen, welche sie während der Fasnacht vermieten oder verkaufen kann. Bis Mitte Woche gingen bereits 66 Kostüme über die Theke. Wenn die Schulferien in die Fasnacht fallen, sinkt die Nachfrage nach Kostümen drastisch. «Dann brauche ich nur noch etwa die Hälfte», so die Mutter von vier Kindern im Alter zwischen 12 und 18 Jahren.

Nachtschicht am MON-Abend

Der grosse Run findet jeweils am Schmutzigen Donnerstag statt. Und während der närrischen Tage muss Isabella Lisser auch Sonderschichten leisten, die sich aber selbst eingebrockt habe. So ist es zum Beispiel zur Tradition geworden, dass einige Besucher des jeweils am Freitag durchgeführten MON-Abends zwischen 22 und 22.30 Uhr bei ihr anklopften, um mit einem Kostüm von ihr in Balsthal an die Fasnacht zu gehen. Auch am Samstag gebe es nach 22 Uhr und immer wieder spät Entschlossene, die sich kostümiert ins Fasnachtstreiben stürzen wollten.

Die Mümliswiler Männer tun dies mit Vorliebe in Kostümen aus Fell. «Als ich vor 16 Jahren mit dem Kostümverleih angefangen habe, hatte ich etwa 20 pelzige Kostüme, heute sind es 100.» Die Palette reicht vom Affen über Löwen bis hin zu Bären. Tiere sind übrigens auch bei Kindern hoch im Kurs. In der Beliebtheitsskala ganz oben zu finden sind aber nach wie vor bei den Mädchen die Prinzessin und bei den Buben Cowboys, Indianer oder Piraten.

Inserate für ihren Kostümverleih schaltet Isabella Lisser schon lange keine mehr. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es von Vorteil ist, wenn man die Kunden kennt oder diese durch Mund-zu-Mund-Werbung den Weg zu mir finden.» Dadurch könnten allfällige Schwierigkeiten bei der Rückgabe der vermieden werden. Inzwischen reicht der Kundenstamm von Isabella Lisser bis nach Olten und in den Oberaargau. Seit nunmehr acht Jahren beliefert sie auch Zermatt im Berner Oberland und die Walliser Gemeinde Törbel. Dieses Jahr waren in Tröbel Vogelscheuchen gefragt. Für Isabella Lisser kein Problem, wie sie erwähnt. «Ich kann praktisch alle Wünsche meiner Kunden erfüllen», sagt die 44-Jährige.

Oktoberfestkostüme im Trend

Voraussetzung dafür sei, umgehend auf neue Trends zu reagieren. Gefragt seien in den letzten sechs Jahren vermehrt Oktoberfest-Kostüme. Solche habe sie inzwischen in mehrfacher Ausführung am Lager. Solche Serien sind auch bei Leuten beliebt, welche die Fasnacht in Gruppen aufmischen wollen.

Isabella Lisser hat da schon die verrücktesten Sachen erlebt. Als zum Beispiel eine sechsköpfige Gruppe junger Männer bei ihr auftauchte, die kurz entschlossen als Frauen verkleidet an die Fasnacht wollten. «Zur Auswahl standen ‹Sister Act› oder ‹Schwanensee›», erinnert sich die Kostümverleiherin.

Die Männer hätten sich schliesslich für Schwanensee entschieden und, um weiblich auszusehen, sogar ihre behaarten Beine rasiert. «Als sie dann in ihren Ballettkleidchen auch gleich noch eine Probe bei mir absolvierten, bekam ich solche Lachkrämpfe, dass mir der Bauch schmerzte». Männer in Frauen zu verwandeln mache ihr auch heute noch Spass, «und manchmal bin ich fast ein wenig neidisch auf die strammen ‹Wädli› dieser Burschen.»

Weniger Brandlöcher als früher

Nach dem Ende der närrischen Tage am Aschermittwoch kann Isabelle Lisser ihre Hände nicht in den Schoss legen. Dann müssen die zurückgebrachten Kostüme kontrolliert, gereinigt und wenn nötig geflickt werden. Etwa fünf Ausleihungen hält ein Kostüm, danach muss es ersetzt werden. Die häufigsten Schäden sind Risse, Flecken und bis vor ein paar Jahren Brandlöcher von Zigaretten. Seit dem Rauchverbot in Restaurant sei das aber merklich besser geworden, sagt Isabella Lisser.

Wütend mache sie das nicht, wenn ein Kostüm schmutzig oder gar kaputt zurückkomme. Dafür habe sie als gebürtige Innerschweizerin Verständnis. «An der Fasnacht geht es halt gelegentlich hoch zu und her, ganz besonders in Mümliswil.» Selbst gehe sie auch gerne an die Fasnacht, meist am Samstag und natürlich verkleidet, das sei Tradition.

Vor Jahren sei einmal an einem Donnerstag als einzige Maske ins Dorf gegangen, erinnerte die angefressene Fasnächtlerin. «Darauf werde ich noch heute von einigen Leuten angesprochen. «Mir macht Fasnacht einfach Spass und lange das so bleibt, werde ich weiter meinen Kostümverleih betreiben und als
Böögg im Dorf mein Unwesen treiben.»